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DSDS im Kloster Eberbach : Ausrasten auf Kommando

„Ihr dürft euren Facebook-Status jetzt in ,verheiratet‘ ändern“: Auch eine Hochzeit gab es bei der Aufzeichnung zu feiern. Kandidatin Sandra Berger hat geheiratet. Bild: dpa

Trotz Protesten drehen Dieter Bohlen und RTL im Kloster Eberbach. Die kunstvolle Laser- und Lichtinszenierung entschädigt dabei für ein akustisch mäßiges Erlebnis in der Basilika.

          Das Kloster Eberbach steht noch. Die Basilika ist unbeschädigt, ihre Würde nicht angetastet, und keiner der früheren 58 Äbte hat sich hörbar im Grab umgedreht. Dieter Bohlen hat Eberbach samt Kandidaten für „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und der RTL-Filmcrew wieder verlassen. Das Ergebnis der mehr als dreistündigen Aufzeichnung im Rheingau werden sich am Samstagabend zur besten Fernsehzeit knapp fünf Millionen Zuschauer ansehen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

          Für RTL war es eine weitgehend glatt verlaufene Produktion. Jetzt zieht der Tross weiter in Richtung Landschaftspark Duisburg, denn dort will die Halbfinalshow vorbereitet werden, bevor am 7. Mai die Entscheidung in Düsseldorf fällt. In Eltville bleibt die Erinnerung an die Sorgen vor einem denkwürdigen Konzerterlebnis, und im Kloster klingelt die Kasse für die Sanierung des vom Schwamm befallenen Dachstuhls der Basilika und ein Orientierungssystem für Blinde.

          Dort auch für Serie „Games of Thrones“ gedreht

          Von der Aufregung, die es zuvor um „Deutschland sucht den Superstar“ gegeben hatte, war am Konzertabend nichts zu spüren. Alle Befürchtungen erwiesen sich als haltlos. Weder gab es „unkontrollierte Ekstasen“ im Publikum noch randalierende Jugendliche oder erkennbare Beschädigungen des Kloster, wie Kritiker zuvor befürchtet hatten. Da ging es im Mittelalter und erst recht in der frühen Neuzeit mitunter anders zu. Aber Kloster Eberbach hat auch das überstanden: die Erstürmung durch aufständische Bauern 1525, die Plünderung durch die Schweden, die Besetzung durch französische Truppen und nach 1803 die Vertreibung der Mönche. Ebenso die Nutzung als Irrenhaus und Korrektionsanstalt, als Depot, Gefängnis und nicht zuletzt als Schweinestall.

          Solche Gefahren für ein Kulturdenkmal von europäischem Rang bestehen heute nicht mehr. Aber das Kloster wirbt gezielt und mit Erfolg für sich als Produktionsstandort für Film und Fernsehen. Dass Filme wie der „Name der Rose“ ebenso wie die Serie „Games of Thrones“ nicht mit Gewalt- und Sexszenen sparen und beide Filme ein fragwürdiges Frauenbild transportieren, hat aber bislang keinen Klosterfreund gestört. Die von Umberto Eco erdachte Mordserie an Mönchen wird sogar regelmäßig im Kloster gezeigt. Ausgerechnet mit Erfolgsproduzent Bohlen allerdings schien der Untergang des Klosters nahe. Diesen Eindruck erweckten zumindest manche Kommentare in Medien und sozialen Netzwerken.

          Manche Enttäuschung nach der Sicherheitsschleuse

          Regisseur Volker Weicker hatte deshalb in der vergangenen Woche schon halb belustigt, halb ironisch die Frage gestellt, ob die Filmcrew auf dem Weg zum Drehort wohl mit Straßensperren empörter Bürger rechnen müsse. Die teils aufgeregten Diskussionen im Rheingau hatten in der Redaktion im fernen Köln Erstaunen hervorgerufen. „Wir Deutschen sind ein Aufreger-Volk“, kommentierte Weicker mit wenig Verständnis. Die größte Herausforderung für das Filmteam sei aber nicht die Empörung einiger Bürger, sondern der Ton in der Basilika.

          Das erwies sich als richtig, war aber nur die halbe Wahrheit. „Das Wetter ist einfach zu schön“, empfing die Pressesprecherin von RTL die ungewöhnlich zahlreich angereisten Journalisten. Die frühlingswarme Sonne, die viele der rund 700 Besucher nutzten, um auf den Einlass wartend vom Weinlehrpfad der Staatsweingüter aus den Blick auf die 1136 gegründete ehemalige Zisterzienserabtei zu genießen, verdarb den Lichtingenieuren die Laune. Der Start der Produktion verzögerte sich um mehr als eine Stunde. Erst als der Vollmond schon sichtbar am Himmel stand, war es im Freien düster genug, um das Innere der Basilika eindrucksvoll in ein orange-blaues Licht zu tauchen.

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