Die rüstige Frau in den Siebzigern ist erstaunt. „Ich dachte, da wird noch verhandelt.“ Zumindest mit Blick auf die Filiale der insolventen Drogeriekette Schlecker in Bärstadt irrt sie. Die ist schon vor gut einer Woche geschlossen worden, so wie weitere gut 180 von 500 Dependancen in Hessen. Ja, für alte Leute sei das nun sicher schwieriger, ist sie sich sicher. Ob sie selbst denn dort regelmäßig eingekauft habe? „Nein. Ich nicht“, sagt die Frau. „Wir fahren immer zu größeren Märkten“, erläutert sie und blickt deutend auf eine silberfarbene Limousine, in der ein älterer Herr sitzt, offenbar in Erwartung der nächsten Zielvorgabe.
Die Fußgängerin mit kleiner Tochter im Windelalter an der Hand könnte aber vielleicht gute Kundin von Schlecker gewesen sein. Doch auf Nachfrage sagt auch sie, dass sie praktisch nie bei Schlecker eingekauft habe. „Ich fahre lieber zu dm. Die Atmosphäre ist freundlicher, und die haben auch die Sachen, die ich suche“, sagt sie. Außerdem habe Schlecker ja nun auch keinen guten Ruf gehabt.
Immer ein paar Kunden gesehen
Doch es finden sich an diesem Morgen in dem schön hergerichteten Dorf am Taunus auch Kunden, die Schlecker tatsächlich vermissen: Sie sei dort regelmäßig einkaufen gewesen, habe im Laden, abgesehen von Lebensmitteln, schon einen Großteil ihres Bedarfs decken können, sagt eine Frau um die sechzig. Als Alleinstehende brauche sie aber nicht so viel.
Und der Paketzusteller, der vor der Poststation gleich neben der leeren Drogeriefiliale gerade seinen Kombi belädt, erzählt, dass er „eigentlich immer ein paar Kunden“ gesehen habe. „Ich habe mir dort auch selbst oft Getränke für die Pause gekauft“, berichtet der Mann, der bald Ruheständler sein wird. Das scheine aber nicht genug gewesen zu sein.
Schon Sonnenkollektoren auf dem Dach
Recht hat er. Der Umsatz aus der Pausen-Verpflegung für nette Nachbarn allein reicht allerdings nicht, um eine Filiale von 200 Quadratmetern rentabel zu betreiben. Das weiß auch Mathias Dams sehr genau. Er betreibt im nächsten Ort unmittelbar an der Hauptstraße ein kleines Lebensmittelgeschäft mit allem, was Kunden sich so vom kleinen Laden um die Ecke wünschen könnten, einschließlich frischer Backwaren. Sein Geschäft im Anbau eines alten Häuschens ist kaum zwei Kilometer von der geschlossenen SchleckerFiliale entfernt.
Zumindest für alte Leute ohne Auto sind aber auch die kaum zu schaffen, zumal sie am unbefestigten Rand der Landstraße entlanglaufen müssten. Dams hat schon durchkalkuliert, ob es sich für ihn rechnen könnte, in den relativ modernen Schlecker-Markt zu ziehen, der sogar schon mit Sonnenkollektoren auf dem Dach und einem veritablen Kundenparkplatz ausgestattet ist. Doch der Kaufmann bezweifelt, dass es sich für ihn am Ende rentieren würde: Allein die Energiekosten für eine im Vergleich zu seinem jetzigen Ladenlokal wesentlich größere Dependance müsse man sehr viel höher ansetzen.
„Wir haben noch nicht aufgegeben“
Und er weiß wohl, dass es eben nicht reicht, wenn alle Leute das kleine Geschäft am Ort schätzen, aber dann doch mit dem Auto zum Großeinkauf fahren, wenn es irgendwie geht. Die beim Einkauf im Supermarkt vergessene Tube Senf allein genügt auch bei einem kleinen Lebensmittelgeschäft nicht, um zu überleben. Selbst die immer wieder angeführten alten Kunden fänden sich längst zusammen, um sich gemeinsam zum Einkaufen in die großen Märkte chauffieren zu lassen, sagt Dams. „Und wenn demnächst in Kemel Rewe neu eröffnet, dann spüren wir das sicher auch“, fürchtet er. Sehr skeptisch sieht Dams die Idee, dort, wo bislang Schlecker Waren angeboten hat, nun mit kommunaler Unterstützung einen bezuschussten Dorfladen einzurichten. Wenn, dann wolle er aber auch Zuschüsse bekommen, sagt der Einzelhändler. Denn zu seiner Kundschaft zählten natürlich auch Bärstädter. Die gingen ihm dann womöglich als Kunden verloren.
Derweil zerbricht sich der Ortsbeiratvorsitzende Rudolf Höhn, der selbst einen Handwerksbetrieb leitet, den Kopf darüber, wie er das Nahversorgungsproblem in Bärstadt lösen kann. Am liebsten wäre es ihm, wenn er Kaufmann Dams das Geschäft in Bärstadt doch noch schmackhaft machen könnte. Ein gemeinsamer Markt mit einem Metzger vielleicht oder mit einem Bäcker sei denkbar.
Zurzeit verhandelt Höhn auch noch mit dem Unternehmen Cap aus Sindelfingen. Das richtet in derartigen Ladenlokalen Lebensmittelgeschäfte ein, um Stellen für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Allerdings verlange Cap immer einen geeigneten Betreiber. Deshalb ist Höhn auf der Suche. Gerade ist er mit dem Wiesbadener Verein IFB (Inklusion durch Förderung und Betreuung) in Verhandlungen, noch ohne Ergebnis. „Das ist alles nicht ganz einfach, seit wir zu einem Pendlerdorf geworden sind“, weiß er und fügt hinzu: „Aber wir haben noch nicht aufgegeben.“