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Mehr als ein Dirigent : Der auf den Klippen tanzt

Setzt bei seinen Inszenierungen auf Theatralik: Teodor Currentzis Bild: © Olya Runyova

Seit Jahren schafft Teodor Currentzis es schon, die Klassik-Szene in Atem zu halten. Nun beschließt der Dirigent die ihm gewidmete „Fokus“-Reihe in der Alten Oper mit einem Rameau-Programm.

          Womöglich zählt es zu den Kernaufgaben eines Künstlers, zu polarisieren. Jedenfalls gibt es im klassischen Musikbetrieb, der inzwischen größtenteils von der Wiederholung des ewig Gleichen lebt, kaum etwas Schlimmeres als laue, unentschlossene Interpretationen: So oder so ähnlich hat man es dann schon hundert Mal gehört. Es fehlt im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, der Tonkonserve, die Notwendigkeit für solche Aufführungen. Wer sich am Markt behaupten will, muss sich also etwas Neues einfallen lassen. Dieser Zwang führt die Interpreten dann teils zu Übertreibungen, zu Verzerrungen. Der Grat, auf dem sie wandeln, ist denkbar schmal.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Teodor Currentzis ist so ein Künstler, der auf diesen Klippen riskant balanciert, ja tanzt. Der 46 Jahre alte Dirigent, der auf diese Weise nun schon seit drei, vier Jahren die Klassik-Szene in Atem hält, sieht sich dabei natürlich auch dem Verdacht oder mitunter begründeten Urteil ausgesetzt, ein Show-Mensch zu sein. Der gebürtige Grieche mit russischem Pass ist in der Tat auch ausgebildeter Schauspieler und setzt bei seinen Auftritten auf Theatralik. Die kann jedoch durchaus nützlich und anschaulich sein, wie im vergangenen Sommer, als er beim Rheingau Musik Festival in Kloster Eberbach die Sänger seines aus Chor und Orchester bestehenden Ensembles MusicAeterna in schwarzen Mönchsgewändern singend durch den Mittelgang der Basilika einziehen ließ und einen anspruchsvollen Programmteil in der Mischung aus Alter und Neuer Musik mit weiteren optischen und raumklanglichen Effekten zu großer Wirkung brachte.

          Symbiose aus Tanz und Spiel

          In der Alten Oper, wo sich in dieser Saison ein „Fokus“ auf Currentzis richtet, konnten die Besucher nun schon in zwei Konzerten eigene Eindrücke von dem stilistisch vielseitigen Dirigenten sammeln. Das begann am ersten der drei Konzertabende mit seinem Ensemble MusicAeterna mit russischen Meistern der klassischen Moderne, mit Werken von Prokofjew und Schostakowitsch, führte weiter zu den Wiener Klassikern Mozart und Beethoven und endet nun am Dienstag im französischen Barock mit Auszügen aus Bühnenwerken von Jean-Philippe Rameau mit der Sopranistin Nadezhda Pavlova (anstelle der ursprünglich angekündigten Nadine Koutcher). Ergänzt wird das durch Orchesterwerke des seinerzeit auch als Musiktheoretiker führenden Meisters, der oft sehr tänzerische Musik und auch mehrere Ballettopern schrieb.

          Dazu wird sicherlich der sehr körperliche, vom Bewegungsimpuls ausgehende Ansatz von Currentzis sichtbar werden. Denn der an den Konservatorien in seiner Heimatstadt Athen und in St. Petersburg ausgebildete Dirigent, der von 2004 bis 2010 Musikdirektor am Staatstheater von Nowosibirsk war, hält auch die Musiker seines dort schon gegründeten Ensembles offensichtlich an, nicht starr in sich zu verharren. Sie musizieren im Stehen und bewegen sich teils fast ebenso tänzerisch wie ihr Leiter. All das mag man mögen oder auch nicht. Eines wird es aber ganz bestimmt nicht: lau und langweilig.

          Gespannt sein darf man zudem, ob Currentzis auch in seiner neuen Funktion von kommender Saison an solche Art Wind sät: Nach der Sommerpause übernimmt er das SWR-Symphonieorchester, also das aus der Fusion der Rundfunkorchester in Stuttgart sowie Baden-Baden und Freiburg hervorgegangene Riesenorchester, das allerdings erst üble Stürme überstanden hat und derzeit noch auf der Suche nach sich selbst ist.

          Das Konzert beginnt am 15. Mai in der Alten Oper in Frankfurt um 20 Uhr.

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