http://www.faz.net/-gzg-76wxx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.02.2013, 23:23 Uhr

Dinosaur Jr. in Frankfurt Wortkarg wie eh und je

Reibung tut not: Das zeigt der Auftritt der Alternative-Rock-Band Dinosaur Jr. in der völlig überfüllten Frankfurter Batschkapp.

von Alexander Köhn
© Rosenkranz, Henner Introvertiert-wilder Dino: J. Mascis in der Batschkapp

Ob J. Mascis hinter geschlossenen Türen ganz anders ist? Cholerisch? Agil? Divenhaft? Schwer vorstellbar, denn im Gespräch erweckt der Gitarrist mit der Anmutung eines White-Trash-Indianerhäuptlings eher den Eindruck, ihm sei alles egal. Aber vielleicht ist es ja gerade diese verschnupfte, bisweilen an Einfalt grenzende Art, mit der er in dreißig Karrierejahren seine Mitmusiker in den Wahnsinn getrieben und sich den Ruf erarbeitet hat, keine Nebenbuhler ertragen zu können.

Lou Barlow und Emmett Jefferson Murphy, genannt Murph, können ein Lied davon singen. Gemeinsam mit Mascis gründeten sie 1984 die Band Dinosaur Jr. Schnell entwickelte das Trio einen ganz eigenen Stil, dröhnend und harmonisch zugleich, der die Band auch außerhalb ihrer Heimat Massachusetts bekannt machte und den Grunge-Sound der frühen neunziger Jahre antizipierte. Nach drei wegweisenden Alben verließ Barlow die Gruppe, weil Mascis ihm künstlerischen Spielraum versagt hatte. Mit seiner eigenen Band Sebadoh nahm er in den folgenden Jahren einige allseits geschätzte Platten auf, während die neu formierten Dinosaur Jr. ihre kommerziell erfolgreichste Phase erlebten. Und doch reifte bei Mascis und Barlow wohl die Erkenntnis, dass erst die kreative Reibung große Taten möglich macht.

Durchdringender Gesang

Seit 2005 spielen Dinosaur Jr. wieder in ursprünglicher Besetzung. Erstaunlich mühelos ist es ihnen gelungen, zu alter Stärke zurückzufinden, wie sie bei ihrem Konzert in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp beweisen. Dass die aktuelle Platte „I Bet On Sky“ so klingt, als sei sie mindestens zwanzig Jahre alt, ist dabei als Kompliment zu verstehen, denn der Klang des Trios ist noch immer einzigartig. Ihn bestimmen heftige Zerr-Effekte, eine hohe Lautstärke und mäandernde Instrumentalpassagen, die Mascis mit wuchtigen, an Neil Young erinnernden Gitarrensoli ausfüllt.

Dinosaur jr. - Die Independent-Band, deren Sound stark von Punk, Heavy Metal und Noise-Rock, geprägt ist kommt in die Batschkapp nach FRankfurt. Sing auch, ohne sein Haar zu schütteln: J. Mascis © Rosenkranz, Henner Bilderstrecke 

Der durchdringende Gesang, für den der ergraute Sänger seine überraschend sanfte Stimme kaum zu heben braucht, offenbart jedoch, dass die Stücke, wären sie nur anders instrumentiert, durchaus als makellose Popnummern durchgingen. Kein Wunder daher, dass sich „Just Like Heaven“, einst ein Hit der britischen New-Wave-Formation The Cure, bestens in das neunzig Minuten lange Set einfügt.

Im Kontrast zu den fesselnden Stücken steht das Bühnengebaren der Band. Vor allem Mascis zeigt sich hier so introvertiert wie eh und je. Zwischen den Stücken stimmt er langatmig seine Gitarre oder frickelt an den Reglern der massigen Verstärker herum, die hinter ihm aufgebaut sind. Wie aus Langeweile trommelt Schlagzeuger Murph währenddessen ein paar Rhythmen, und Barlow fragt mäßig interessiert, wer von den Zuschauern sich an diesem Faschingsdienstag verkleidet habe.

Wortkarger Bandchef im Mittelpunkt

Ansonsten: warten. Es dreht sich eben alles um den wortkargen Bandchef. Gerade Barlow wünschte man da mehr Gestaltungsmöglichkeiten, ist er doch im Vergleich zu Joseph Donald Mascis, wie der Gitarrist mit ganzem Namen heißt, nicht nur kommunikativer, sondern womöglich auch der variablere Sänger.

Davon zeugen zumindest die drei Stücke, für die Mascis dem Bassisten das Mikrofon überlässt: Der beschwingte Bubblegum-Rocker „Rude“, „Training Ground“, das die beiden Musiker einst mit ihrer ersten Band Deep Wound einspielten und das heute die Wurzeln des Trios im Hardcore-Punk freilegt, sowie „Forget The Swan“ vom 1985 erschienenen Debütalbum. Vielleicht sollte Barlow ja doch noch einmal das Gespräch mit Mascis suchen und um Gleichberechtigung bitten. Später, hinter geschlossenen Türen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Album der Woche So klingt Kruppstahl aus Brasilien

Schwarzbraune Mitklatschmagie und Computerrock-Geschunkel: Heino behandelt auf seinem Album Arschkarte die Musik so wie die Fifa den Fußball. Mehr Von Axel Weidemann

02.05.2016, 16:04 Uhr | Feuilleton
Kult-Rennpappe Letzter Trabi lief vor 25 Jahren vom Band

Vor 25 Jahren endete ein kultiges Stück DDR-Geschichte: Am 30. April 1991 lief im Sachsenring-Automobilwerk in Zwickau der letzte Trabant vom Band. Liebhaber in der sächsischen Stadt sorgen dafür, dass die Erinnerung an die Rennpappe nicht verloren geht. Mehr

30.04.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Popstar Prince Der Meister des musikalischen Alleingangs ist tot

Vor wenigen Tagen musste sich Prince wegen einer Grippe im Krankenhaus behandeln lassen. Jetzt wurde der Musiker tot in seinem Haus gefunden. Seine künstlerische Bedeutung für den modernen Pop, Funk und R&B lässt sich kaum ermessen. Mehr

21.04.2016, 20:57 Uhr | Feuilleton
Traditionell andalusisch Der Flamenco – mehr als nur ein Tanz

Flamenco: Das ist Tanz, Gesang - und das Spiel auf der Gitarre. Spanisches Volksgut und immaterielles Weltkulturerbe. Der Flamenco kommt aus Andalusien und hat dort, in Jerez de la Frontera, eine besondere Tradition. Mehr

05.04.2016, 02:00 Uhr | Feuilleton
Zum Tod von Prince Die Lieblingslieder der Redaktion

Das eine Lied, zu dem nur Prince selbst tanzen konnte, die schlichte Komposition, die Frauenaugen zum Leuchten bringt, und die Gospel-Litanei, die so gut zur Sommermelancholie passt: Sieben Redakteure erzählen von ihrem liebsten Prince-Song. Mehr

22.04.2016, 15:07 Uhr | Feuilleton

Nicht ohne politische Mitstreiter

Von Michael Hierholzer

Ina Hartwig soll die neue Kulturdezernentin in Frankfurt werden, wenn es nach der SPD geht. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte auf dem Posten seine Schwierigkeiten bergen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen