Home
http://www.faz.net/-gzg-76wxx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Dinosaur Jr. in Frankfurt Wortkarg wie eh und je

Reibung tut not: Das zeigt der Auftritt der Alternative-Rock-Band Dinosaur Jr. in der völlig überfüllten Frankfurter Batschkapp.

© Rosenkranz, Henner Vergrößern Introvertiert-wilder Dino: J. Mascis in der Batschkapp

Ob J. Mascis hinter geschlossenen Türen ganz anders ist? Cholerisch? Agil? Divenhaft? Schwer vorstellbar, denn im Gespräch erweckt der Gitarrist mit der Anmutung eines White-Trash-Indianerhäuptlings eher den Eindruck, ihm sei alles egal. Aber vielleicht ist es ja gerade diese verschnupfte, bisweilen an Einfalt grenzende Art, mit der er in dreißig Karrierejahren seine Mitmusiker in den Wahnsinn getrieben und sich den Ruf erarbeitet hat, keine Nebenbuhler ertragen zu können.

Lou Barlow und Emmett Jefferson Murphy, genannt Murph, können ein Lied davon singen. Gemeinsam mit Mascis gründeten sie 1984 die Band Dinosaur Jr. Schnell entwickelte das Trio einen ganz eigenen Stil, dröhnend und harmonisch zugleich, der die Band auch außerhalb ihrer Heimat Massachusetts bekannt machte und den Grunge-Sound der frühen neunziger Jahre antizipierte. Nach drei wegweisenden Alben verließ Barlow die Gruppe, weil Mascis ihm künstlerischen Spielraum versagt hatte. Mit seiner eigenen Band Sebadoh nahm er in den folgenden Jahren einige allseits geschätzte Platten auf, während die neu formierten Dinosaur Jr. ihre kommerziell erfolgreichste Phase erlebten. Und doch reifte bei Mascis und Barlow wohl die Erkenntnis, dass erst die kreative Reibung große Taten möglich macht.

Durchdringender Gesang

Seit 2005 spielen Dinosaur Jr. wieder in ursprünglicher Besetzung. Erstaunlich mühelos ist es ihnen gelungen, zu alter Stärke zurückzufinden, wie sie bei ihrem Konzert in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp beweisen. Dass die aktuelle Platte „I Bet On Sky“ so klingt, als sei sie mindestens zwanzig Jahre alt, ist dabei als Kompliment zu verstehen, denn der Klang des Trios ist noch immer einzigartig. Ihn bestimmen heftige Zerr-Effekte, eine hohe Lautstärke und mäandernde Instrumentalpassagen, die Mascis mit wuchtigen, an Neil Young erinnernden Gitarrensoli ausfüllt.

Dinosaur jr. - Die Independent-Band, deren Sound stark von Punk, Heavy Metal und Noise-Rock, geprägt ist kommt in die Batschkapp nach FRankfurt. Sing auch, ohne sein Haar zu schütteln: J. Mascis © Rosenkranz, Henner Bilderstrecke 

Der durchdringende Gesang, für den der ergraute Sänger seine überraschend sanfte Stimme kaum zu heben braucht, offenbart jedoch, dass die Stücke, wären sie nur anders instrumentiert, durchaus als makellose Popnummern durchgingen. Kein Wunder daher, dass sich „Just Like Heaven“, einst ein Hit der britischen New-Wave-Formation The Cure, bestens in das neunzig Minuten lange Set einfügt.

Im Kontrast zu den fesselnden Stücken steht das Bühnengebaren der Band. Vor allem Mascis zeigt sich hier so introvertiert wie eh und je. Zwischen den Stücken stimmt er langatmig seine Gitarre oder frickelt an den Reglern der massigen Verstärker herum, die hinter ihm aufgebaut sind. Wie aus Langeweile trommelt Schlagzeuger Murph währenddessen ein paar Rhythmen, und Barlow fragt mäßig interessiert, wer von den Zuschauern sich an diesem Faschingsdienstag verkleidet habe.

Wortkarger Bandchef im Mittelpunkt

Ansonsten: warten. Es dreht sich eben alles um den wortkargen Bandchef. Gerade Barlow wünschte man da mehr Gestaltungsmöglichkeiten, ist er doch im Vergleich zu Joseph Donald Mascis, wie der Gitarrist mit ganzem Namen heißt, nicht nur kommunikativer, sondern womöglich auch der variablere Sänger.

Davon zeugen zumindest die drei Stücke, für die Mascis dem Bassisten das Mikrofon überlässt: Der beschwingte Bubblegum-Rocker „Rude“, „Training Ground“, das die beiden Musiker einst mit ihrer ersten Band Deep Wound einspielten und das heute die Wurzeln des Trios im Hardcore-Punk freilegt, sowie „Forget The Swan“ vom 1985 erschienenen Debütalbum. Vielleicht sollte Barlow ja doch noch einmal das Gespräch mit Mascis suchen und um Gleichberechtigung bitten. Später, hinter geschlossenen Türen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sophie Hunger in Frankfurt Konsequent eigener Kurs

Jedes der bislang sechs Alben von Sophie Hunger zeigt originäre Facetten, teilweise einen grundlegend anderen Ansatz in Komposition oder Produktion. Nun war sie mit alten und neuen Songs in Frankfurt. Mehr Von Norbert Krampf

19.05.2015, 12:00 Uhr | Rhein-Main
Los Angeles Soulsänger Sam Smith Star bei Grammyverleihung

Der 22-jährige Soulsänger Sam Smith ist bei den Grammys in Los Angeles sowohl für die Platte des Jahres als auch für den Song des Jahres geehrt worden. Weitere Preise gingen an Beck, Pharrell Williams und Beyoncé. Mehr

09.02.2015, 11:05 Uhr | Feuilleton
Pete Townshend zum Siebzigsten Der Windmühlenmann

Er wollte sterben, bevor er alt wird. Jetzt feiert Pete Townshend, Gitarrist von The Who, seinen siebzigsten Geburtstag. Seine beste Waffe ist immer noch die Gitarre. Mehr Von Andreas Platthaus

19.05.2015, 09:11 Uhr | Feuilleton
Cape Cod Riesenhai vor der Küste von Massachusetts gesichtet

In der Nähe der amerikanischen Halbinsel Cape Cod hat die Küstenwache einen fast acht Meter langer Riesenhai beobachtet. Er schwamm etwa 150 Meter vor der Küste. Mehr

17.05.2015, 10:19 Uhr | Gesellschaft
Video-Filmkritik San Andreas Das Leben ist eine Sollbruchstelle

In Brad Peytons Katastrophenfilm San Andreas wird Kalifornien in Roland-Emmerich-Manier erschüttert und geflutet. Dwayne Johnson spielt einen Hubschrauberpiloten auf der Suche nach seiner Tochter. Mehr Von Bert Rebhandl

27.05.2015, 15:25 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.02.2013, 23:23 Uhr

Fußball, absolut

Von Matthias Alexander

Die Rhein-Main-Region kann sich nun mit drei Clubs in der Fußball-Bundesliga brüsten. Doch gegen König Fußball haben andere Sportarten das Nachsehen. Diesem Trend können Verantwortliche entgegenarbeiten. Mehr 0