12.02.2012 · Matthias Fontheim inszeniert „Die Unerhörten“ von Bruce Norris als deutschsprachige Erstaufführung in Mainz.
Von Eva-Maria MagelWir wären gut anstatt so roh. Brecht hat eindeutig kürzer gebraucht als Bruce Norris, um die Sache auf den Punkt zu bekommen. Am Ende aber stehen sie doch bedröppelt da, Jane und Dave, Nancy und Don. Und haben an fremdem Leib gespürt, dass all die hehren Ziele schmelzen wie Butter in der Sonne von Westafrika. Nebenan liegt der 16 Jahre alte Etienne, gefoltert von zwei Schergen der Miliz, denen sie, die weißen Gutmenschen, erlaubt haben, den Knaben fast zu Tode zu prügeln. Die vier, das allerdings ist klar, werden weitermachen wie zuvor. Denn die Verhältnisse, sie sind nicht so.
Die letzte Viertelstunde von Bruce Norris’ „Die Unerhörten“ ist ganz schön harter Stoff. Mehr als eine recht zähe Boulevardkomödie allerdings ist dennoch nicht geworden aus dem dritten Stück, das sich Intendant Matthias Fontheim, gewissermaßen der Norris-Entdecker für den hiesigen Markt, als deutschsprachige Erstaufführung für sein Staatstheater Mainz gesichert hat.
Fontheim bringt in einem Kolonialwohntraum (Bühne und Kostüme Marc Thurow) die 127 Druckseiten über die Bühne, deren merkwürdig übersetzter Titel (Martin Michael Driessen) schon das Dilemma zeigt: „The Unmentionables“ meint, als pars pro toto des Konflikts, die Unterhosen, die, an beiläufiger Stelle, der Gastgeber Don (Marcus Mislin) dem weiblichen Gast Jane (Jele Brückner) entwendet. „Unerhört“ sind die Buxen allerdings nicht, zu Omas Zeiten, als die Prüderie in etwa jener von Janes Verlobtem, dem Missionar Dave (Tilman Rose) entsprach, hätte man sie „die Unaussprechlichen“ genannt. Aber wie der Titel laviert auch der Rest des Stücks immer knapp am Schwarzen vorbei: Zweieinhalb Stunden in einem fiktiven westafrikanischen Land, in dem eine dubiose Scheindemokratie in fröhlicher Allianz mit den weißen Bonzen aus Amerika dem Wohlleben frönt, während ebenfalls amerikanische Missionare den afrikanischen Kindern Alphabet und Glauben beibringen wollen. „Haben Sie bei sich keine Armen gefunden?“ fragt der einheimische Doktor (Jean-Claude Mawila) zynisch die einstige Hollywood-Schauspielerin Jane, die von den großen Augen der Kinder schwärmt.
Altruismus, befindet Norris im Programmheft, sei nie frei von Egoismus. Das illustrieren der schmierige Unternehmer Don und seine in ihrer Labilität überzeugende Frau Nancy (Andrea Quirbach) samt ihrer Gäste Dave und Jane. Man schwadroniert über alternative Heilmethoden, den 11. September, Demokratie und die Bibel, die Dave sogar auf dem Klo liest: „Gott ist auch im Bad“. Ein langer, langer Anlauf, um bei Folter und also der Frage zu landen, ob der liebe Gott um diese seine Kreaturen nicht bisweilen einen arg weiten Bogen macht.
Mit gnadenlosen Vorurteilen und dem dünnen Lack der Zivilisation kennt Norris sich aus, fulminant war seine erste Komödie „Reiz und Schmerz“. „The Unmentionables“ fehlt Präzision. Und Fontheim sucht nicht Tempo und Zuspitzung, sondern zwingt seine Darsteller in eine Künstlichkeit der Sprache, der Gestik, der eingefrorenen Posen im Stil des schlichtesten Boulevards, der jede Pointe auszureizen versucht.
Mimi, die rechte Hand der Diktatur (Lara-Sophie Milagro), steht stets mit den Händen in die Hüften gestemmt an der Rampe herum, gnadenlose Behauptung einer knirschenden Komödienmechanik, die auch ein Kunstgriff des Textes nicht mehr auf höhere Ebenen hievt: Etienne (Jonathan Aikins) bleiben die ersten und die letzten Worte. Seinem Rat, die „Show“ doch erst gar nicht zu sehen, folgte naturgemäß niemand. „Jetzt habt ihr eure Lektion gelernt“ ruft er am Ende. Das hatte gerade noch gefehlt.