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„Soul Chain“ in Mainz : Die Liebe zur Akkuratesse

Eine gewisse Flughöhe muss sein: „Soul chain“ im Staatstheater Mainz Bild: Andreas Etter

Cool, aber nicht lustig: Sharon Eyal bringt mit „Soul Chain“ das Staatstheater Mainz zum Vibrieren. Zu sehen sind 50 Minuten geradezu aberwitziger Hochleistungstanz.

          Befremden oder Fremdeln ist ein Phänomen, mit dem es die Zuschauer von Sharon Eyal immer zu tun bekommen. Um, im besten Fall, dann doch einen Blick auf sich selbst zu erhaschen. Auch in „Soul Chain“, ihrem jüngsten Stück, sind Themen zu erahnen, mit denen die israelische Choreographin seit fast 15 Jahren umgeht, was man gut tun kann, denn sie sind recht allgemeiner Natur: Liebe, Einsamkeit, seelisches Leid vor allem.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die zeitgenössische und aus populären Musik- und Tanzstilen schöpfende Weise, mit der sich die vielgefragte Eyal, die erst bei der berühmten Batsheva Dance Company als Tänzerin und Choreographin Karriere gemacht hat und 2013 ihre eigene Compagnie LEV gegründet hat, der Sache nähert, wirft allerdings keinen allzu freundlichen Blick auf diese Gegenwart: Stets zu den heftigen Beats des Komponisten und DJs Ori Lichtik formt sie aus den Tänzern in offenbar buchstäblich erschöpfender Arbeit eine zunächst gleichförmig scheinende Masse aus Individuen, die auf der Bühne keinen Muskel locker lassen, keine Millisekunde Unaufmerksamkeit gestatten, in maschinenhafter Präzision mit starrem Blick ihre Glieder überstrecken oder beugen, dass sie fast mehr an Cyborgs oder Fabelwesen erinnern.

          Geradezu aberwitziger Hochleistungstanz

          Es sind ziemlich egozentrische Wesen, unstet, exzessiv, fragil, zuweilen aggressiv, die Eyal aus den Tänzern der Compagnien formt, mit denen sie arbeitet. Dass neben dem Nederlands Dans Theater oder dem norwegischen Ensemble Carte Blanche dazu auch Tanzmainz, das Ballett des Mainzer Staatstheaters, zählt, ist ein Coup, auf den Tanzdirektor Honne Dohrmann ebenso stolz sein kann wie auf die Leistung seiner Tänzer: Die 17, die nun im Kleinen Haus des Staatstheaters die Uraufführung „Soul Chain“ von Sharon Eyal bestreiten, zeigen in den nur 50 Minuten geradezu aberwitzigen Hochleistungstanz. Bis auf wenige Sequenzen bleiben alle da, wo sie zu Beginn wie seltsame Vögel einherstaksen: unentwegt auf der halben Spitze ihrer bekniestrumpften Füße, mit vorgekippten Becken, ruckartigen und doch gleitenden Bewegungen, die bestens zu den ohrenbetäubenden Techno-Klängen Lichtiks passen.

          Es gibt durchaus Momente, in denen der treibende Rhythmus, die x-mal wiederholten Ausfallschritte in Langeweile zu kippen drohen. Aber Eyal, seit Jahren versiert darin, mit Lichtiks Musik auf der Klaviatur der minimalen Veränderung zu spielen, lässt diese so präzise arrangierten und gleichförmig pulsierenden Körper immer wieder in der Masse individuelle Spuren legen. Hier einer, der am Rande zehn Minuten die immergleichen Hüftschwünge ausführt, dort eine, die viertelstundenlang einen Arm über den Kopf hebt, dort wieder einer, der wie ein Eintänzer selbstverliebt die Schultern kreisen lässt. Und das Repetitive ändert wieder beinahe unmerklich die Richtung, starren aus der hüftschwenkenden Masse doch wieder Gesichter einander an und ins Publikum. Dass es in „Soul Chain“ um Liebe und Sehnsucht gehe, klingt banal, wären da nicht jene Momente, in denen die tänzerische Ekstase kippt, in denen die Bewegungen, die Lust suggerieren, ein Leid und Sehnsucht in den Gesichtern und Körpern offenlegen, die nicht zu stillen sind. Kaum je findet Berührung statt.

          Inbegriff von Coolness und Sex-Appeal

          Der Titel „Soul Chain“ erinnert an „Soul train“, die legendäre afroamerikanische Fernsehshow. Deren „Line Dancers“ brachten zu damals avantgardistischen, Lichtiks Turntable-Sound oft ähnelnden Rhythmen genau diese vorgekippten Becken, zurückgeworfenen Köpfe, die auf die Leisten gestützten Hände schon vor mehr als 40 Jahren als Inbegriff von Coolness und Sex-Appeal auf die Tanzfläche. Zwei kurze Intermezzi von Tango und Funk im ersten Drittel von „Soul Chain“ erinnern noch deutlicher an diese Musikwelt von einst.

          Doch während damals die bunt und wild gekleideten jungen Leute die schiere Lebenslust und Freude ausstrahlten, mochten die Verhältnisse draußen noch so schwierig sein, umweht die gleichförmig gestylten Mainzer Tänzer, deren hautfarbene Minimaltrikots sich innerhalb kürzester Zeit schweißnass verdunkeln, eine kühle Traurigkeit – da mag die Bewegungstemperatur noch so heiß sein auf der stets düster ausgeleuchteten, halb vernebelten Bühne. Das Strahlen der 17 erschöpften Tänzer allerdings am Ende, als das im Beat regelrecht gefesselte Publikum sich von den Sitzen erhob, um ihnen lang und lautstark zu applaudieren, spiegelt auf Eyals Bild zurück: Ganz so schlimm ist es dann doch nicht mit dem Tanz und dem Leben.

          Nächste Vorstellungen am 8., 12., 17. und 20 November jeweils im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz

          Quelle: F.A.Z.

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