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Frankfurts Hanauer Landstraße : Die kleine Geisterstadt

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Einstige Partymeile: An der „Hanauer“ gibt es heute vor allem Autohäuser, Designerläden und Hotels Bild: Marcus Kaufhold

Vor 20 Jahren wandelte sich der einstige Industriestandort rund um die Hanauer Landstraße und bot schon bald ein reges Nachtleben. Heute sind viele Bars, Clubs und Restaurants verwaist. Ein Besuch am Samstagabend.

          Ardi Goldman trägt noch immer sein Markenzeichen: einen Hut. An einem sommerlichen Samstagabend bückt er sich vor einem Zigarettenautomaten in der Open-Air-Bar „Roofgarden“ und zieht ein Päckchen aus dem Schacht. Als stets extravagant gekleideter Immobilienunternehmer zählte Goldman früher zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Frankfurter Gesellschaft. Er krempelte den Osten der Stadt um, den er „Eastside“ nannte; er erschloss mit Millioneninvestitionen das Unionsgelände an der Hanauer Landstraße und ließ in der Carl-Benz-Straße das sogenannte U.F.O. errichten, ein futuristisches Bürogebäude, in dessen Untergeschoss Techno-Star Sven Väth jahrelang seinen „Cocoon Club“ betrieb.

          Jetzt ist Ardi Goldman Mitte fünfzig, und mit seinem grauen Hut und vor allem seinen grauen Haaren fällt er auf der Dachterrasse des „Roofgarden“ auf. Sie liegt auf dem Unionsgelände und wird hauptsächlich von Menschen besucht, die noch Kinder waren, als Goldman sich vor rund 20 Jahren der Umgestaltung der einstigen Brauerei widmete. Mit seiner Begleiterin schlendert er zwischen den solariumgebräunten, tätowierten Männern und stark geschminkten Frauen mit ihren aufgeklebte Fingernägeln und Goldriemchen-High-Heels umher. Sie sitzen in Gruppen um Shishas herum und saugen Wodka-Red-Bull durch Strohhalme. Die Gäste trinken und rauchen sich in Stimmung für die „Bang Boom Balkan“-Party, die später im „Belle“ im Keller des Gebäudes steigt.

          Nerdbrillen-Träger mit Fjällräven-Rucksäcken

          Das Gelände hat seine besten Zeiten hinter sich. Genau wir Goldman, der 2015 wegen Bestechung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt wurde, seither auf die Entscheidung des Bundesgerichtshofs zu seinem Revisionsantrag wartet und, wie er sagt, von vielen gemieden wird. Zwar preist der Investor das Areal auf seiner Homepage weiterhin als „städtebauliches Meisterstück“, das sich dem Besucher „wie eine kleine Stadt“ präsentiere: „Rund um die Piazza, das Herzstück des Ensembles mit seinen alten Kastanien, siedeln sich 15 Gebäude unterschiedlichster Facetten an.“

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          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Allerdings müsste man heute wohl eher von einer „kleinen Geisterstadt“ sprechen. Das „Roofgarden“ bietet einen guten Blick auf die „Piazza“, auf der noch Kastanienbäume stehen, aber kaum Menschen zu sehen sind. Früher bildete sich vor dem ehemaligen Kesselhaus eine Schlange, wo ein roter Teppich in den vielfach ausgezeichneten Nachtclub „King Kamehameha“ führte. Heute verschließt ein Holztor das Gebäude, durch eine staubige Fensterscheibe sieht man eine Leiter am Boden liegen.

          „Die Piazza, das Herzstück“: das Unionsgelände

          Als 2012 auf der Zeil das „Gibson“ mit einem ähnlichen Konzept eröffnete, kamen nur noch wenige Besucher. Ein Jahr später schloss das „KingKa“. Neben dem ehemaligen Nachtclub hat vor einigen Monaten das Steakhaus „Dicke Wutz“ aufgemacht, aber auch dorthin haben sich an diesem Abend nur wenige verirrt. Andere Lokale an der Hanauer Landstraße haben ganz geschlossen.

          Dabei kommen noch immer viele Menschen ins Ostend – aber sie bevorzugen den Hafenpark am EZB-Turm. Dort ist das Restaurant „Oosten“ so voll besetzt, das man fast schreien muss, um von seinem Tischnachbarn verstanden zu werden. Draußen radeln gebräunte muskulöse Männer vorbei, Mütter posieren mit ihren Babys am Mainufer für Fotos, junge Blondinen mit silbernen Birkenstock-Sandalen und Nerdbrillen-Träger mit Fjällräven-Rucksäcken breiten Picknickdecken im Gras aus. Auf dem Dach eines heruntergekommenen Hauses am Osthafen grillen einige Leute, aus ihrer mitgebrachten Anlage schallt elektronische Musik.

          Auf der Hanauer Landstraße hingegen begegnet man an diesem Samstag nicht einmal den Tunern, die sich regelmäßig an der Esso-Tankstelle versammeln. Vor ihr steht heute einsam ein Golf Cabrio in Metallic-Lila wie ein Denkmal. Die einzigen Poser sind auf der Durchfahrt: Aufgepumpte junge Männer fahren im schwarzen Audi oder Mercedes mit dicker Auspuffanlage von Offenbach nach Frankfurt oder umgekehrt. Um diese Uhrzeit ist hier niemand mehr, der sich nach ihren Wagen umdrehen könnte, denn die Läden, die Sportwagen und Designerteppiche verkaufen, haben längst geschlossen.

          Die ältesten Gäste sind Anfang 20

          Um einige Nummern kleiner und älter sind die Autos, die zwischen einer McDonald’s-Filiale und einer von Graffiti übersäten Unterführung an die Carl-Benz-Straße zum U.F.O.-Gebäude abbiegen. In den Räumen des „Cocoon Clubs“ kann man immer noch tanzen, und auch die edle Inneneinrichtung ist noch dieselbe wie zu Sven Väths Zeiten. Der Club aber trägt einen neuen Namen, und das Publikum hat sich gewandelt: Im „Moon 13“ steigt samstags die „Saus und Braus“-Party, laut Website „die spendabelste Party der Stadt“. Zwischen 22 und 24 Uhr sind alle Getränke unentgeltlich, bis 23 Uhr ist auch der Eintritt frei. Trotzdem bildet sich vor dem Eingang keine Schlange. In einigen Metern Entfernung von den Türstehern lungert eine Gruppe junger Männer an einem Auto herum. Einer fragt mit glasigem Blick nach Feuer, um seinen Joint-Stummel noch einmal anzuzünden. Am Eingang erhalten Frauen die „Ladies Member Card“, eine pinke Pappkarte, mit der sie gratis an allen Veranstaltungen teilnehmen können.

          Auch im Club selbst ist wenig los, die ältesten Gäste sind Anfang 20. Geradeaus laufen kann gegen Ende der Happy Hour fast niemand mehr. Mädchen mit Piercings im Gesicht nippen an ihrer „Jackie-Cola“, Jungs mit dünnen Oberarmen ziehen an ihrer Zigarette. Im Raum „Luna“ tanzen die Gäste, als der DJ mit „Don’t stop the music“ von Rihanna ein zehn Jahre altes Lied spielt. Um Mitternacht steuern einige Besucher den Ausgang an. „Ihr dürft hier nicht raus“, sagt eine Mitarbeiterin zu ihnen und zeigt auf das Schild an der Tür: „Kein Wiedereinlass“. Eine junge Frau, die mit ihren Freunden die Freigetränke in Anspruch genommen hat, hängt ihre Tasche über die Schulter und antwortet: „Das macht nichts, wir wollen gar nicht wieder rein. Wir gehen jetzt.“

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