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Stromerzeugung : Bewegung im Energiespeicher

Gründer: Sebastian Golisch (links), Hendrik Schaede und Christian Schäfer Bild: Frank Röth

Adaptive Balancing Power will ein zentrales Problem der erneuerbaren Energien lösen. Einen Preis hat das in Darmstadt ansässige Start-up schon gewonnen.

          Dieser Satz gehört zum Standardrepertoire all jener, die sich mit neuen Formen der Stromerzeugung in Zeiten des Klimawandels befassen: „Die Zukunft liegt in den erneuerbaren Energien.“ Weniger im Gespräch sind dagegen die technologischen Schwierigkeiten, die etwa mit Windrädern verbunden sind: Sie haben oft Stromausfälle. Schuld daran ist das Wetter. „Wenn zum Beispiel ein Sturmtief aufkommt“, erklärt Christian Schäfer vom Start-up Adaptive Balancing Power in Darmstadt, „dann ist davor erst mal wenig Wind, und dann kommt extrem viel Wind, das heißt, es gibt ein enormes Auf und Ab an Leistungssteigerungen.“ Solche starken Schwankungen träten in konventionellen Kraftwerken nicht auf; die erzeugten immer genauso viel Strom, wie man gerade braucht.

          Der 29 Jahre alte Wirtschaftsingenieur gehört zum jungen Team der im vergangenen Jahr gegründeten Firma. Sie wartet mit einem Produkt auf, das das Problem der volatilen Einspeisung lösen könnte: dem Schwungmassenspeicher. Dahinter steckt die Idee, kinetische Energie zu speichern. Wie das funktioniert? Christian Schäfer veranschaulicht es so: „Stellen Sie sich vor, Sie treiben Ihren Fahrradreifen mit der Hand an. Sobald man den Dynamo anschließt, wird er langsamer und die Rotationsenergie in Licht umgewandelt.“ Die Firma mache im Prinzip das Gleiche: „Wir treiben mit Strom aus dem Stromnetz einen Motor an, der einen Zylinder beschleunigt. Dann ist die Energie in der Drehbewegung gespeichert, wenn wir den Strom wieder brauchen, funktionieren wir den Motor zum Dynamo um und ziehen den Strom wieder heraus.“

          Der Speicher ist günstiger als Batterien

          Der Zylinder ist laut Schäfer 1,5 Meter hoch, wiegt rund 300 Kilogramm und hat einen Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern. Er ist aus Kohlefaser gewickelt und wird in einem berührungsfreien Magnetlager gelagert. Um Reibungsverluste zusätzlich zu vermindern, befindet sich der drehende Teil im Vakuum. Das Neue am Produkt von Adaptive Balancing Power sei das Vorgehen, das System modular zu bauen: „Dadurch können wir die Leistung, die herauskommt, und die Kapazität, also die Energie, die darin gespeichert ist, beliebig anpassen.“ Das wiederum spare Kosten und sei am Ende sogar bis zu 60 Prozent günstiger als die Verwendung von Batterie-Speichern, die nicht so gut geeignet seien, kurzfristig hohe Leistungen zu erbringen.

          Für diese Idee haben die jungen Unternehmensgründer den „Energy Cup“ der Gründerinitiative Science4Life erhalten. Erste Überlegungen zu dem prämierten Produkt entwickelte der Geschäftsführer des Start-ups, Hendrik Schaede, als er 2008 seine Promotion am Institut für Mechatronische Systeme im Maschinenbau an der Technischen Universität Darmstadt begann. Schon früh sah er den Anwendungsnutzen der Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien und verfolgte das Ziel, ein Unternehmen zu gründen. Vier Jahre später kamen drei weitere Mitarbeiter ans Institut, darunter auch Christian Schäfer. Er erinnert sich: „2014 hat Hendrik Schaede dann die Katze aus dem Sack gelassen und uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten, mit ihm ein Unternehmen zu gründen. Wir fanden das alle ziemlich cool.“ Im vergangenen Jahr kam es dann schließlich zur Gründung der GmbH.

          Energien ohne Kohlendioxid

          Inzwischen sind in dem Unternehmen 14 Leute beschäftigt, darunter einige studentische Mitarbeiter. Die meisten von ihnen kommen aus den Ingenieurwissenschaften wie dem Maschinenbau, der Mechatronik und Elektrotechnik, auch ein Physiker ist dabei. Es ist ein internationales Team, in dem acht Sprachen gesprochen werden, darunter Kroatisch und Russisch. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 28 Jahren. Frauen gibt es unter den Mitarbeitern nicht; nach wie vor sind sie in den genannten Studienfächern nur in geringer Zahl vertreten. „Wir würden uns freuen, wenn sich das änderte“, sagt Christian Schäfer.

          Derzeit ist das Team dabei, das erste große Pilotsystem in Irland und England zu installieren. In England werde 2018 der größte Schwungmassenspeicher in Europa entstehen, erzählt Schäfer. Auch in Deutschland seien sie mit mehreren Kunden im Gespräch. Dass im Hinblick auf den Klimawandel etwas getan werden muss, steht für Schäfer außer Frage: „Wir müssen umsteigen auf Energien, die kein Kohlendioxid mehr erzeugen.“ Wind- und Solarstrom seien dabei die besten Alternativen. „Und um die voll nutzen zu können, braucht es Energiespeicher, und zwar verschiedene: langfristige Pumpspeicher, mittelfristige Energiespeicher, und so etwas, was wir produzieren, ganz kurzfristig, die Schwungmassenspeicher.“

          Quelle: F.A.Z.

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