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Die aufsehenerregendsten Prozesse 2012 Attentäter, Türsteher und Terroristen

 ·  Terroranschlag am Frankfurter Flughafen, ein gekaperter Linienbus in Kronberg und eine Rauferei im Gerichtssaal. Dies waren die spektakulärsten Prozesse des Jahres 2012.

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Zwei junge Männer. Im Gerichtssaal der 22 Jahre alte Arid U., blass, schmächtig, verlegen. Er blickt starr auf den Tisch vor sich. Auf einer Leinwand das Bild des anderen Mannes, eine Übertragung von der anderen Seite des Atlantiks, aus den 6000 Kilometer entfernten Vereinigten Staaten von Amerika. Der da mit zunächst fester, ruhiger Stimme spricht, ist sichtbar schwer verletzt worden, ein Drittel seines Schädels fehlt. Während der Vernehmung vor dem 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts überträgt sich nicht nur, was der Zeuge sagt, sondern mehr und mehr auch die Anstrengung, die es ihm bereitet, sich des Grauens zu erinnern. Das Ende sind Tränen.

Der Soldat der amerikanischen Army ist eines der Opfer jenes unscheinbaren Mannes auf der Anklagebank. Arid U. hat am 2. März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei Kameraden des Zeugen erschossen, zwei weitere schwer verletzt, ein drittes Opfer kam davon, weil die Waffe des Mörders versagte. Der Angeklagte, so stellt es am Ende des Prozesses der Strafsenat fest, ist zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu verurteilen, die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt. Arid U. wird mit Gewissheit länger als 15 Jahre im Gefängnis bleiben müssen. Seine Tat war der erste Mord auf deutschem Boden, der aus islamistischer Verblendung begangen wurde. Ermittlungsbehörden und Gericht nehmen an, dass der mörderische Hass vor allem durch islamistische Seiten im Internet geschürt wurde.

Tod in der Diskothek

Der Prozess gegen den Attentäter Arid U., gegen den im Februar das Urteil gesprochen wurde, war einer der Prozesse, die im abgelaufenen Jahr besonders großes öffentliches Interesse hervorgerufen haben. Ein weiterer war jener vor einer Großen Jugendstrafkammer, die über den gewaltsamen Tod eine Diskothekenbesuchers zu befinden hatte, der an Ostern 2011 in der unterirdischen Diskothek „U 60311“ am Roßmarkt derart verprügelt worden war, dass laut Befund des Krankenhauses, in dem er wenig später starb, sämtliche inneren Organe auf das schlimmste verletzt waren. Angeklagt wurden drei Türsteher und ein Angestellter des Lokals. Nach einer Hauptverhandlung, in der starke Spannungen zwischen Gericht und Verteidigern offenkundig wurden, verhängte das Gericht wegen Totschlags Freiheitsstrafen von neun und zehneinhalb Jahren gegen zwei Türsteher. Ein noch nicht erwachsener Angeklagter wurde zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt, der vierte Mann zu einer Bewährungsstrafe.

Als freundlicher Verbrecher ging dagegen Thomas F. in die Chronik ein. Der Mann, der vorübergehend in Kronberg einen Linienbus samt Passagieren gekapert hatte und zunächst entkam, wurde rasch zu „Deutschlands meistgesuchtem Gewalttäter“. Monatelang machte er Schlagzeilen, weil er mit großer krimineller Energie aktiv war, Menschen mit Waffen bedrohte, es immer wieder schaffte, der Polizei zu entkommen, aber letztlich kaum Beute machte. Zeugen beschrieben ihn als „immer freundlich“ oder „nicht wirklich bedrohlich“. Eine Große Strafkammer des Landgerichts sprach dennoch eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren aus, fast die auf 15 Jahre begrenzte Höchststrafe für Raubdelikte. Der Richterspruch sanktioniert insgesamt 19 Straftaten, von denen die meisten mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren bedroht sind. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

Rauferei im Verhandlungssaal

Mit einer Rauferei zwischen empörten Nebenklägern und der Polizei ist im Frühjahr ein Prozess vor einer Großen Jugendstrafkammer zu Ende gegangen. Das Gericht hatte einen 19 Jahre alten Angeklagten wegen Totschlags zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Angehörige des Opfers, das in Fechenheim auf offener Straße niedergestochen wurde, empfanden den Richterspruch als zu milde und randalierten im Verhandlungssaal. Erst nach Eintreffen von Polizeibeamten, die bedrängte Justizwachtmeister unterstützten, klärte sich die Situation. Der Bundesgerichtshof hat inzwischen das Urteil aufgehoben und den Fall zur Neuverhandlung an eine andere Kammer des Frankfurter Landgerichts zurückverwiesen. Nach Ansicht der Revisionsinstanz ist die Frage der Notwehr und damit eines möglichen Freispruchs nicht genügend geprüft worden. Der zweite Prozess soll unter erhöhter Wachsamkeit stattfinden.

In die Geschichte des deutschen Terrorismus muss unterdessen die 22. Große Strafkammer des Landgerichts blicken, um Fälle aus dem Umfeld der sogenannten Revolutionären Zellen in den Siebziger Jahren zu klären. Angeklagt sind ein herzkranker Mann von 72 Jahren und seine 79 Jahre alte Lebensgefährtin. In dem seit Monaten nur langsam vorankommenden, meist auf der Stelle tretenden Prozess, geht es um Vorbereitung eines Brandanschlags auf das Heidelberger Schloss und Waffenlieferungen an die Täter eines Mordanschlags auf die Zentrale der Erdölexportierenden Länder (Opec) am 21. Dezember 1975 in Wien. Im Januar 2013 wird einer der Täter, der inzwischen verurteilte und begnadigte Hans-Joachim Klein, in Frankfurt als Zeuge erwartet.

Prozess gegen Kachelmann

Allergrößtes publizistisches Interesse erregte schließlich ein Zivilprozess von eher untergeordneter Bedeutung. Ein Mann, der sich von einer Freundin zu Unrecht eines Verbrechens bezichtigt sah, forderte 13 000 Euro Schadensersatz. Doch weil der Kläger Jörg Kachelmann hieß und der Vergewaltigungsprozess vor dem Mannheimer Landgericht, der 2011 mit seinem Freispruch endete, nicht nur Schrammen am Ansehen der Justiz, sondern auch der Gerichtsberichterstattung in Deutschland hinterlassen hatte, war die öffentliche Aufmerksamkeit auch in Frankfurt enorm. Allerdings fand der Schadensersatzprozess hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - und wird so auch im Januar fortgesetzt.

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27.12.2012, 23:22 Uhr

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