Das Jahr 2012 wird für Wolfgang Niersbach so oder so ein besonderes. Er wird dann Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und das allein dürfte ausreichen für einen emotionalen Ausnahmezustand. Aber es könnte fast noch aufwühlender werden für den aktuellen Generalsekretär des Verbandes, der seit einer Ewigkeit - durch Herkunft - bekennender Düsseldorfer ist und seit 1988 - durch Umzug - überzeugter Frankfurter.
Das Szenario in der zweiten Liga für Anfang Mai hat es in sich: Fortuna Düsseldorf, seine große Fußball-Liebe, steigt auf - und mit ihr Eintracht Frankfurt, die ihm inzwischen ans Herz gewachsen ist. Beide Mannschaften belegen derzeit Platz eins und zwei in der Tabelle, eine gemeinsame Veränderung in die nächste Spielklasse ist also gut möglich. Für Niersbach könnte es nicht besser kommen. Seit Mittwoch ist bekannt, dass er bald zum stärksten Mann im deutschen Fußball wird, und wer sich dieser Personalie mit etwas Lokalpatriotismus nähert, darf sich freuen, dass ein Frankfurter das Rennen gemacht hat - als Nachfolger des Westerwälders Theo Zwanziger und vor einem Kandidaten wie Erwin Staudt, ein Schwabe.
Fortuna - meine Liebe
Bei der Eintracht ist Niersbach Stammgast. Er verfolgt so gut wie jedes Spiel an der Seite von Heribert Bruchhagen in einer Loge der Commerzbank-Arena. Manchmal kommt er auch mit seinen Töchtern, die eine studiert in der Schweiz, die andere in England. Auch diese beiden, mit denen er kürzlich in der Alten Oper den Sportpresseball besuchte - was ihm noch mehr Aufmerksamkeit bescherte als ohnehin schon -, sind Anhänger der Eintracht. „Ich freue mich riesig für ihn“, sagt Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende der Eintracht Frankfurt Fußball AG, aber das ist kein Wunder. Denn: „Wir kennen uns seit dreißig Jahren.“
Beide sind zudem seit langem befreundet. Von Niersbachs Bereitschaft, den höchsten Posten im DFB zu übernehmen, erfuhr Bruchhagen auch etwas früher als die meisten anderen. Bei der Weihnachtsfeier des Verbandes standen die beiden zusammen mit Harald Strutz, dem Präsidenten von Mainz 05, eine Weile an der Bar, und Bruchhagen fragte, ob er es machen wolle. Niersbachs Signal: Ja, ich bin bereit.
„Ja, ich bin bereit.“
Er wird also in seinem seit langem vertrauten Revier bleiben. Das gilt für den DFB, bei dem er Sprecher der Nationalmannschaft war, Mediendirektor, Vizepräsident des Organisationskomitees für die WM 2006 in Deutschland und dem er bis zu seiner Beförderung im nächsten Jahr weiterhin als Generalsekretär dient. Das gilt aber auch für Frankfurt. Bleibt nur die Frage, ob man ihn auch als Präsident noch dann und wann auf der Schweizer Straße in Sachsenhausen treffen wird, wo er sich gerne mit Freunden trifft. Unverändert bleiben dagegen garantiert seine guten Verbindungen ins Rathaus. Es heißt, zwischen seinem Büro und dem Römer habe es während der Männer-WM 2006 und der Frauen-WM 2011 eine Art Standleitung geben. Der verlässliche Kommunikator genießt auch hier große Wertschätzung. Oberbürgermeisterin Petra Roth sagt zu seiner Entscheidung, als Nachfolger Zwanzigers anzutreten: „Durch seine Verwurzelung hier wird es weiterhin eine starke Verbundenheit zwischen der Stadt Frankfurt und dem DFB geben.“ Auch diese beiden kennen sich seit langem. Bisweilen sind sie sich sogar ähnlich. Wenn sie mal gemeinsam im Stadion ein Spiel verfolgen, eines der deutschen Nationalmannschaft oder der Eintracht, verrät ihre Körpersprache ein vergleichbares Naturell. Die geballten Fäuste und angespannten Körper verraten, dass aus dem Funktionär und der Politikerin bei Anpfiff umgehend der einfache Fußballfan wird. Die sportarttypischen Aufwallungen inklusive.
Bei so viel Fußball bleibt für Niersbach natürlich wenig Raum für anderes. Das war auch bei seinem sechzigsten Geburtstag zu sehen, den er im vergangenen Jahr in einem Restaurant im Westhafen feierte. Es waren jede Menge Vertreter seines Sports dabei, natürlich seine engen Freunde Franz Beckenbauer und Günter Netzer. Und spät, nach einer anderen Verpflichtung, stieß auch Rudi Völler zu der Party. Es ist nicht selbstverständlich, dass er sich bei seiner Vita und seinem Umfeld noch ein fußballfremdes Vergnügen leistet. In seinem Wohnort Dreieich spielt er dann und wann Tennis, einmal im Jahr geht er auf den Kanarischen Inseln in eine Art Urlaubstrainingslager. Er will schließlich noch weiter voran kommen. Ein Motiv, das es für ihn im Fußball seit dieser Woche nicht mehr geben dürfte.