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Mainzer Stadtschreiber Khider : Deutschunterricht im Gerichtsfernsehen

Beim Barte des Literaten: Abbas Khider vor dem Gutenberg-Museum Bild: Frank Röth

Zwischen Pfälzer Wein, Waffenhändlern und der arabischen Frauenbewegung: Abbas Khider ist neuer Stadtschreiber von Mainz.

          Das Privatfernsehen hat auch sein Gutes. Dass Abbas Khider heute Romane auf Deutsch schreibt, verdankt er „Richterin Barbara Salesch“. Im deutschen Exil sah der 1973 in Bagdad geborene Schriftsteller die tägliche Pseudodoku aus dem Gerichtssaal gerne wegen ihrer Alltagsdramen: „Das war der beste Sprachkurs.“ Nebenher kaufte er sich allerdings auch Gedichtbände von Sarah Kirsch, Rose Ausländer, Hans Magnus Enzensberger und anderen Lyrikern. Wann immer er ein Gedicht gefunden hatte, das ihm besonders gefiel, übersetzte er es zuerst ins Arabische und dann zurück ins Deutsche. Auch das war ein gutes Training, nicht nur für das Sprachenlernen, sondern auch für das Schreiben selbst: „Man muss lesen, lesen, lesen. Dann erst darf man schreiben.“

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damals, kurz nach dem Jahr 2000, wollte Khider noch ein arabischsprachiger Dichter werden. Nun ist aus ihm ein deutscher Romancier geworden: „Exilanten müssen irgendwann mit dem Exil umgehen.“ Wer seine Heimat verlassen müsse, verliere mit ihr auch einen Teil der eigenen Seele. Die Literatur sei der Versuch einer Heilung: „Sprache kann Zuflucht sein.“ Vier Romane hat Khider seit 2008 veröffentlicht. Damals lebte er in einer kleinen Berliner Souterrainwohnung mit Ofenheizung, für billige 158 Euro warm: „Die Wohnung war mein Grab und meine Rettung.“ Dann wurde ihm für „Der falsche Inder“, seinen ersten Roman, das Buch, in dem er seine langjährige Flucht aus dem Irak verarbeitet hatte, der Förderpreis des Adelbert-von-Chamisso-Preises zuerkannt. Das Preisgeld und die Aufmerksamkeit halfen: „So begann mein literarischer Weg.“

          Bislang nur zu Besuch gewesen

          Wenn Khider Mainz wieder verlassen hat, schließt sich für ihn ein Kreis. In München erhält er den Chamisso-Hauptpreis, für all das, was er seit dem Förderpreis geschrieben hat. Für sein bisheriges Werk ist er gerdae in Mainz auch mit dem Stadtschreiberpreis ausgezeichnet worden, den die Stadt und das ZDF seit 1985 gemeinsam vergeben. In Mainz ist Khider bislang nur zu Besuch gewesen, die Pfalz kennt er besser. Im Künstlerhaus Edenkoben hat er den Pfälzer Wein entdeckt und bemerkt, dass in der Pfalz häufiger gelächelt wird als in Berlin, wo er lebt. In Mainz will er an seinem neuen Roman arbeiten. Es soll um Waffenhändler, den Arabischen Frühling und die Frauenbewegung in der arabischen Welt gehen: „Aber es ändert sich ständig was beim Schreiben.“ Und wenn es nicht der Stoff ist, der nach Änderungen verlangt, ist es der Autor selbst. Sechsmal hat Khider „Die Orangen des Präsidenten“ umgeschrieben, seinen zweiten Roman, drei Jahre lang. Mehr als dreißigmal hat er allein den Anfang des Buches neu verfasst. Bis heute feilt er gerne an seinen Texten. Gut sind sie für ihn erst dann, wenn er sie drei Monate lang liegen lassen und anschließend lesen kann, als seien es die eines Fremden: „Es geht um das Versuchen. So macht man Literatur.“

          Khider, der aus einer schiitischen Familie stammt, ist seit zehn Jahren Deutscher. Er ist kein religiöser Mensch: „Ich akzeptiere alle Religionen. Hauptsache, sie lassen mich in Ruhe.“ Seine Familie lebt noch immer im Irak. Besuche dort sind für ihn schwerer geworden, seit Auslandsiraker nach ihrer Ankunft tagelang ausgefragt werden. Ihn erinnert das zu sehr an seine zwei Jahre Gefangenschaft unter Saddam: „Ich habe keine Lust auf Gefängniszellen.“ Wenig erfreut ist er auch über die Hasskommentare, die er nach islamistischen Attentaten auf der Straße hört: „Sie werden immer extremer.“ Dass der einzelne Bürger auf diese Weise zum Träger einer ganzen Kultur gemacht wird, ärgert ihn. Da schreibt er lieber den nächsten Roman.

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