Home
http://www.faz.net/-gzg-6qxgj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsches Jazzfestival Von der Zuckerpuppe zum härtesten Punkjazz

01.10.2003 ·  Max Greger war der erste und Pharoah Sanders noch lange nicht der letzte Tenorsaxophonist: Fünfzig Jahre "Deutsches Jazzfestival Frankfurt".

Von Jürgen Schwab
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Max Greger war der erste und Pharoah Sanders noch lange nicht der letzte Tenorsaxophonist: Fünfzig Jahre "Deutsches Jazzfestival Frankfurt"

Heute, da sich fast jede deutsche Großstadt mit einem Jazzfestival schmückt, erscheint der nationale Anspruch vermessen, der im Namen des Frankfurter Ereignisses steckt. Immerhin heißt eine größere Veranstaltung, die alljährlich in der Bundeshauptstadt über diverse Bühnen geht, auch nur bescheiden "Jazz Fest Berlin" (die früheren "Berliner Jazztage"). Der Grund für den Alleinvertretungsanspruch Frankfurts ist ein historischer. Als das Deutsche Jazzfestival 1953 gegründet wurde, war es schlichtweg das erste seiner Art, und das noch nicht einmal nur hierzulande. Im amerikanischen Newport erklangen erst ein Jahr später zum ersten Mal die swingenden Sounds. Und falls vorher irgendwo festivalartige Veranstaltungen stattgefunden haben mögen, dann sind sie schon lange im Dunkel der Geschichte verschwunden. Von allen existierenden Jazzfestivals ist das Frankfurter weltweit das älteste. Dieses Jahr feiert es sein fünfzigjähriges Bestehen.

Wie so viele bis heute tragende Einrichtungen im Jazzleben der Stadt geht es auf Horst Lippmann zurück. Der Hotelierssohn stieß Anfang der vierziger Jahre zu dem Kreis jugendlicher Musiker um Emil Mangelsdorff und Carlo Bohländer, die sich mit aller Leidenschaft dem von den Nazis verfemten Jazz widmeten. Schon damals kämpfte er sozusagen an mehreren Fronten zugleich, spielte Schlagzeug und verfaßte eine der ersten Jazz-Zeitschriften hierzulande, die "Mitteilungen für Freunde der modernen Tanzmusik". Nach dem Krieg wurde er unfreiwillig zum Konzertveranstalter, als ein Brief von Charles Delaunay ankündigte, daß der große afroamerikanische Tenorsaxophonist Coleman Hawkins nach Europa komme. Lippmann rief sämtliche deutsche Konzertdirektionen an und bekam die alten Ressentiments von "Negerklängen" und "Zirkusmusik" zu hören. Vier Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft!

Mit finanzieller Unterstützung der "German-American Youth Activity" veranstaltete er die Konzerte selbst, eins in Frankfurt und eines in München. Es waren die ersten großen Jazzveranstaltungen mit amerikanischen Musikern in Deutschland und für Lippmann der Anfang einer Karriere, die schließlich zu einer der wichtigsten europäischen Konzertagenturen führen sollte: Lippmann+Rau. Doch Fritz Rau, damals Jurastudent in Heidelberg, stieß erst Mitte der fünfziger Jahre zu den Frankfurter Jazzaktivisten. Unterdessen betätigte sich Lippmann neben seiner eigentlichen Arbeit im elterlichen Hotel als deutscher Veranstalter für die "Jazz-at-the-Philharmonic-Tourneen" von Norman Granz. Aber das genügte dem Jazzbegeisterten, der als Schlagzeuger der Two Beat Stompers auch selbst aktiv musizierte, noch nicht. Er sah nicht ein, daß nur die amerikanischen Stars sich auf den großen Konzertbühnen präsentieren sollten, während die deutschen Musiker sich mit den kleinen Clubs und Kellern zufriedengeben mußten.

Zum zehnjährigen Jubiläum des Hot Club Frankfurt veranstaltete er am 18. Juni 1951 eine "Jazz-Conference" im Franz-Althoff-Bau. "Vor begeistertem Publikum", so die Abendpost, "im überfüllten Hause, vor dem noch nach Programmbeginn große Scharen vergebens um Einlaß suchten, stieg ein umfangreiches musikalisches Repertoire. Vom Cool Jazz Joe Klimms über den rhythmusstarken Dixieland der Two Beat Stompers und das feinnervige, filigranhaft gesponnene Spiel der Paul-Kuhn-Band führte das Programm zum solistenschweren Höhepunkt der Frankfurt All Stars."

Ermutigt von dem großen Erfolg wurde auch der elfte Jahrestag des Hot Club Frankfurt als "Revue der besten Combos und Solisten" gestaltet. Nach dem neuerlichen Erfolg setzte Lippmann zum großen Wurf an: An den Pfingsttagen 1953 sollte in Frankfurt das Jahrestreffen der Deutschen Jazzföderation (DJF) stattfinden. Dieser Dachverband deutscher Hot Clubs hatte sich die Anerkennung des Jazz als Kunstform zum Ziel gesetzt. Denn es waren meist jugendliche oder doch junge Menschen, die sich für Jazz begeisterten, wobei der Begriff "Jazz" allerdings recht undifferenziert gebraucht wurde. Je nach Interessenlage galt er als Verkaufsetikett oder als Schimpfwort für jede Form populärer Musik, die sich an Jugendliche wandte. Manche Intellektuelle, Theodor W. Adorno etwa, verurteilten den Jazz und wollten die etablierte Hochkultur zum alleinigen Maßstab und Richtwert für die geistige Neuorientierung der Deutschen nach der Nazi-Diktatur erheben.

Vor diesem Hintergrund ging es der DJF "um das Aufzeigen des echten Jazz und seiner allgemeingültigen Werte und um das Herauslösen des Begriffes Jazz aus der Atmosphäre des Amüsierbetriebs, in das er leichtfertig oder in böser Absicht hineinmanövriert wurde". Was lag da näher, als die Musik selbst sprechen zu lassen, und zwar in einem angemessenen konzertanten Rahmen? Als sich Pfingsten 1953 Vertreter von 22 Hot Clubs aus ganz Deutschland zur Jahrestagung in Frankfurt angemeldet hatten, ergriff Horst Lippmann die Gelegenheit und organisierte ein begleitendes Konzertprogramm. Wieder traten Frankfurts Lokalmatadore, die Two Beat Stompers, als Vertreter des traditionellen Jazz auf. Ihnen folgte diesmal jedoch eine All-Star-Formation, die nicht nur aus den bekanntesten Musikern der Stadt bestand, sondern die besten Jazz-Solisten aus ganz Deutschland versammelte.

Max Greger, damals der "schwärzeste" Tenorsaxophonist der Republik, kam aus München, Paul Kuhn aus Köln, und den Baß zupfte Hans, genannt "James", Last. Mehrere Radio-Sender sowie die Plattenfirma Teldec schnitten am 3. Mai im Althoff-Bau das nach allgemeiner Überzeugung "größte deutsche Jazzereignis der Nachkriegszeit" mit. Ein Superlativ, der nicht von langer Dauer sein sollte: Pfingsten 1954 sprengte Horst Lippmann als frisch ernannter "Konzertreferent"der DJF die Dimensionen erneut. Diesmal sollten "nahezu alle wichtigen deutschen Jazz-Ensembles und Solisten auf dieser alljährlichen ,Bilanz' des deutschen Jazzlebens ... zu hören sein", wie in einer Konzertankündigung zu lesen war. Das Deutsche Jazzfestival entwickelte sich so zur Leistungsschau der westdeutschen Jazzszene. Zahlreiche Musiker, die später in der Unterhaltungsindustrie Erfolge feiern sollten, erlebten in Frankfurt ihre Bewährungsprobe. 1954 begeisterte etwa eine junge Sängerin, die mit der Kurt Edelhagen Big Band auftrat, das Publikum: Caterina Valente. 1955 glänzte Ernst Mosch als Star-Posaunist von Erwin Lehns Big Band. Später schrieb er sich mit den Original-Egerländern als Polka-König ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik ein - genau wie Paul Kuhn, der als bierseliger Sänger seine pianistischen Fähigkeiten unter den Scheffel stellte, oder Bill Ramsey mit seiner Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe. Doch sie gehörten bereits als Jazzmusiker zu jener Fraktion, die keine Berührungsängste mit dem Entertainment kannte.

Ganz anders die Frankfurter Cool-Jazz-Apologeten um Albert und Emil Mangelsdorff. Ihre Musik verzichtete auf vordergründige Effekthascherei, war klanglich eher spröde als opulent und rhythmisch eher verhalten als mitreißend. Die Musiker "verloren sich ... in ihrem Musizieren, das keine Rücksicht auf das Publikum nimmt", schrieb 1954 ein Journalist über einen Auftritt der Jutta Hipp Combo mit Emil Mangelsdorff und Joki Freund. Gerade für solche Musiker war die seltene Gelegenheit, sich als Künstler in konzertantem Rahmen einem großen Publikum zu präsentieren, von zentraler Bedeutung. Abgehoben von den Zwängen des Alltags, der ja auch den Frankfurtern häufig große musikalische Kompromisse abverlangte, konnte man auf dem Festivalpodium das eigene künstlerische Selbstverständnis verwirklichen und mit den Jahren zunehmend ambitioniertere Projektideen umsetzen.

Albert Mangelsdorff hat diese Chance immer genutzt und damit sein künstlerisches Profil genauso geschärft, wie er das Renommee der Veranstaltung gefördert hat. Daß Frankfurt sich in den fünfziger und sechziger Jahren auf dem Deutschen Jazzfestival so überzeugend als "Jazzhauptstadt der Republik" präsentieren konnte, ist vor allem den Musikern der Stadt zu verdanken. Vom Charakter einer nationalen Leistungsschau hat sich das älteste Jazzfestival der Welt lange gelöst. Heute werden den wichtigsten deutschen Musikern prominente Jazz-Größen aus aller Welt gegenübergestellt - oft in speziellen Festivalprojekten, die nur hier angeboten werden und dem Festival das Image außergewöhnlicher Musikerbegegnungen und Konzertpremieren einbringen. So kann das Deutsche Jazzfestival Frankfurt auch nach fünfzig Jahren seinen Namen noch selbstbewußt behaupten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr