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Deutsches Filmmuseum Frankfurt : Der Stoff, aus dem die Filme sind

Wenn sie ein Stück Stoff sieht, weiß sie sofort, was daraus wird: Kostümbildnerin Barbara Baum Bild: Helmut Fricke

Fassbinder, Schlöndorff, Kubrick: Barbara Baum hat mehr als 70 Mal Filmen ein Kleid gegeben. Jetzt hat die Kostümbildnerin ihr Archiv und Kostüme dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt überlassen.

          Wahre Leidenschaft geht so: Da ist eine ganz junge Frau, gelernte Schneiderin und gerade mit dem Studium der Mode und des Kunsthandwerks beschäftigt, an der Vorläuferin der heutigen Universität der Künste in Berlin. Da hört sie, dass die Filmproduktion Ufa, die seit 1917 in Babelsberg arbeitete und die Kostüme Hunderter Filme produziert hatte, ihre Stofflager auflöst. Der jungen Barbara Baum ist klar, dass sie von diesem Schatz etwas haben muss.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Da habe ich mir 5000 Mark zusammengeliehen und einen Berg Stoffe gekauft“, erinnert sie sich. Alles Originalstoffe aus den dreißiger, vierziger Jahren, Spitze, zart und duftig, echter Gold- und Silberlamé, bedruckte Georgette. Baum gerät ins Schwärmen, wenn sie von diesen Stoffen spricht: „Vielleicht habe ich auch einfach einen Stofftick“, sagt sie dann und lacht. Ja, mag sein, aber einen, der sich ausgezahlt hat. Aus Baums „Stofftick“ sind Filmstoffe geworden, buchstäblich. Rainer Werner Fassbinders „Lili Marleen“ zum Beispiel.

          Filmkostüme tragen immer auch die Signatur ihrer Entstehungszeit

          Mehr als 80 Jahre alt ist der in Braun- und Blautönen bedruckte Stoff, die Goldtupfer darauf sind ein wenig angelaufen. Die Bluse, die Barbara Baum vor 35 Jahren aus einem Teil ihres Ufa-Schatzes nähen ließ, ziert eine pompöse Applikation aus Metall und Perlen an der rechten Schulter, die Taille ist raffiniert gerafft. Das schicke Ensemble samt weißen Fuchspelzhütchen trägt Hanna Schygulla als Willie Bunterberg alias Lili Marleen. Wie in den vierziger Jahren. Und die ausgestellten Schulterpolster waren auch damals angesagt, als Barbara Baum das Kostüm gestaltet hat. 1980 war das, als Fassbinder „Lili Marleen“ drehte.

          Filmkostüme, zumal historische, tragen immer auch die Signatur ihrer Entstehungszeit. „Richtig“ müsse ein Kostüm sein, lautet Barbara Baums Credo. Mehr als 70 Mal hat sie in den vergangenen fast 50 Jahren dafür gesorgt, dass Filmfiguren „richtig“ aussahen. Dass die Schauspieler sich nicht nur wohl fühlen, sondern im besten Fall sogar eine Art Hilfestellung durch ihr Kostüm bekommen. Und dass sich für den Zuschauer ein stimmiges Bild ergibt. Dafür ist Baum berühmt - und berüchtigt: „Ich mache keine Kompromisse“, sagt sie. Das kostet natürlich etwas. „Erst kommt der Stoff, dann der Entwurf. Ein Stoff muss so sein, dass er mich anregt, etwas daraus zu machen.“ Das kann auch mal billige Baumwolle sein - wenn das Kostüm sie erfordert. Aber was im Film aussehen soll wie Seide, ist im Normalfall auch welche.

          Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises für ihr Lebenswerk

          „Ich habe mich auch mal geirrt“, sagt Barbara Baum. Da gibt es zum Beispiel eine Szene in „Aimée und Jaguar“, da hat sie doch einen Kompromiss gemacht: „Das ärgert mich noch heute, wenn ich den Film sehe.“ Und wenn sie für ein historisches Ballkleid tagelang italienische Stofflager durchstreift und das mühevoll genähte Stück ist dann eine geschätzte Millisekunde im fertigen Film zu sehen - da kann auch ein so humorbegabter Mensch wie Baum schon mal schimpfen.

          Früher im Film, jetzt im Museum: Kostümen aus den Filmen “Lola” und “Lili Marleen”, entworfen von Barbara Baum
          Früher im Film, jetzt im Museum: Kostümen aus den Filmen “Lola” und “Lili Marleen”, entworfen von Barbara Baum : Bild: Helmut Fricke

          Für ihr Lebenswerk als Kostümbildnerin hat die 1944 geborene Barbara Baum in diesem Jahr den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises bekommen. Ein guter Teil dieses Lebenswerks ist nun aus ihrer Berliner Wohnung nach Frankfurt umgezogen. Vor ein paar Tagen wurde in Baums Beisein das Kostüm der „Lili Marleen“, genäht aus jenem Stoff, den Baum vor 50 Jahren bei der Ufa gekauft hatte, aus Seidenpapier geschält, aufgebügelt und in einer Vitrine arrangiert. Jetzt ist es Teil des Deutschen Filmmuseums Frankfurt, in der Dauerausstellung. Auch das berühmte Silberkleid der Lili Marleen, aus einem Lamé ihrer Ufa-Stoffe, soll kommen, sobald es restauriert ist.

          Wichtig ist nicht nur der Stoff

          „Lili Marleen“ ist, gewissermaßen, die Spitze eines Stoffbergs: Mit Hilfe der Adolf- und Luisa-Haeuser-Stiftung für Kunst- und Kulturpflege konnte das Deutsche Filminstitut Barbara Baums Archiv an den Main holen. Tausende von Entwürfen, Fotos, Skizzen mit Stoffproben und den akribischen Erläuterungen Baums, Listen, auf denen sie sich erschließt, was welche Figur wann tragen muss - und auf wie viele Kostüme sich das summieren wird. „Die Kalkulation muss stimmen“, sagt Baum - wohl wissend, dass ihr Perfektionismus Geldgeber auf die Palme treiben kann.

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