Verstehen tun sie sich offenbar, die beiden Neuen an der Spitze der Deutschen Bank. Während die übrigen Vorstände bei der Hauptversammlung in der Frankfurter Festhalle meist die Zeitung oder irgendwelche Akten studieren, wenn sie nicht gerade Aktionärsfragen lauschen, stecken Anshu Jain und Jürgen Fitschen immer wieder die Köpfe zusammen, plaudern und lachen gemeinsam. Um die Mittagszeit verschwinden sie zusammen hinter der Bühne. Zu den Aktionären sprechen sie an diesem Tag noch nicht. Selbst als ein Anteilseigner den Inder Jain direkt fragt, ob er denn inzwischen Deutsch spreche, antwortet der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig an seiner statt, dass Jain seit einiger Zeit deutsch lerne, dass die Sprache aber, wie alle wüssten, nicht eben leicht sei.
Es ist der Tag der Zeitenwende in Frankfurts größter Bank. Josef Ackermann verlässt nach zehn Jahren als Vorstandsvorsitzender das Haus und weite Teile der Hauptversammlung drehen sich um die Bilanz des Schweizers. Seine eigene Ansprache gleicht einem großen Reinemachen, einem Blankpolieren seines eigenen Denkmals. Die 25 Prozent Eigenkapitalrendite, die er einst unter großem öffentlichen Protest forderte, seien ebenso wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Bank gewesen wie die Entlassung tausender Mitarbeiter trotz Rekordgewinnen. Hätte die Bank nicht ihre Profitabilität deutlich gesteigert, „wären wir mit Sicherheit nicht ohne Staatsgeld durch die schwere Finanzkrise gekommen“.
Er verteidigt sein Verständnis von Bankgeschäft
Nur einmal schießt Ackermann noch deutlicher in Richtung Konkurrenz: Als er 1996 bei der Bank angefangen habe, sei die Faustregel gewesen, die Deutsche Bank solle an der Börse so viel wert sein wie Commerzbank und Dresdner Bank zusammen. Heute seien die Commerzbank, die in sie integrierte Dresdner Bank und die Hypovereinsbank-Mutter Unicredit zusammen nur noch drei Viertel so viel wert wie die Deutsche Bank.
Er verteidigt sein Verständnis von Bankgeschäft („Wer jedes Risiko vermeidet, hat bald keine Risiken mehr zu vermeiden, er scheidet aus dem Markt aus.“), zeigt aber auch ein wenig Reue: Den eigenen Ansprüchen sei man „aus heutiger Sicht in den Jahren des allgemeinen Überschwangs vor der Finanzkrise nicht immer ganz gerecht geworden“. Doch die Bank habe auch ihre Lehren gezogen. So mache sie inzwischen keine Geschäfte mehr mit Streubomben-Herstellern und setze keine neuen Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln mehr auf.
Holprige Suche
Ende gut, alles gut, könnte man meinen. Die 7000 Aktionäre - so viele waren noch nie zu einer Hauptversammlung der Deutschen Bank gekommen - applaudierten Ackermann immer wieder minutenlang im Stehen. Doch in der anschließenden Aussprache waren auch viele kritische Stimmen zu hören. Vor allem Börsig bekam kurz vor seinem Amtsende den Unmut der Aktionäre zu spüren.
Die Bestellung eines neuen Vorstandsvorsitzenden sei eine der wichtigsten Aufgaben eines Aufsichtsrats. Dass die Suche erst vor drei Jahren gescheitert und im zweiten Anlauf zumindest sehr holprig verlaufen war, musste sich Börsig von mehreren Rednern vorwerfen lassen. Selbst Großanleger wie die Union Investment verweigerten dem Aufsichtsratschef die Entlastung. Viele zeigen sich erfreut, dass Börsig den Posten mit Ablauf der Hauptversammlung niederlegt und wünschen seinem Nachfolger Paul Achleitner mehr Erfolg.
Nicht nach London abgedriftet
Auf dem Podium wiederum herrscht Harmonie, zumindest nach außen. Börsig dankt dem „lieben Joe“ für „zwölf Jahre vertrauensvolle Zusammenarbeit“, als hätte es zwischen den beiden nicht ständig teils öffentlich ausgetragene Differenzen gegeben. Und Ackermann dankt dem „lieben Clemens“, mit dem er immer „kollegial im Interesse der Bank zusammengearbeitet“ habe. Auch an den „lieben Hugo“ Bänziger und den „lieben Hermann“, Hermann-Josef Lamberti, die auf Betreiben der neuen Führungsspitze den Vorstand verlassen müssen, richtet er Worte des Dankes. An die Mitarbeiter ebenso: „Sie waren phantastisch!“
Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz erinnert daran, dass er vor zehn Jahren Ackermann zu dessen Amtsantritt darauf hingewiesen habe, dass er Chef der Deutschen Bank und nicht der Bank of England werde. Damalige Befürchtungen, die Deutsche Bank könnte stärker nach London abdriften, hätten sich glücklicherweise nicht bestätigt. Er hoffe, dass Jain die heutigen Mahner ebenso widerlegen werde. Auch Nieding holt noch einmal aus Richtung Konkurrenz. Auf 27,8 Milliarden Euro summierten sich die Gewinne der Ackermann-Jahre. So viel habe die Commerzbank seit dem zweiten Weltkrieg verdient.
Versteckte Verluste
Joachim Richard (meerwind7)
- 01.06.2012, 07:32 Uhr