Eine Dramaturgie nicht von Akt zu Akt, sondern von Geschlechtsakt zu Geschlechtsakt aufzubauen konnte nur einem Wiener der Epoche Sigmund Freuds einfallen, oder umgekehrt: die Psychoanalyse nur einem Wiener Arzt zu Zeiten Arthur Schnitzlers. Weil Geschlechtsakte kurzweiliger, allermeist aber auch kürzer sind als Theater und das Schema damit besser zum Thema passt, enthalten beide Stücke, die mit ihrer Uraufführung bis ins Jahr 1920 verdrängte Vorlage von 1896/97 und Schwabs „Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“, gleich zehn Akte oder Szenen.
Wenn sich Schnitzlers „Reigen“ durch die ganze k.u.k. Gesellschaft mit ihrer lebenslustig-katholischen Sexualmoral nebst den repressiven Zügen zog, ist das dramaturgisch nicht so grundstürzend, wie uns der Programmzettel glauben machen möchte. Die strenge Struktur des Partnerwechsels ist trotz der gleichmäßigen Höhepunkte so zwingend wie das klassische Fünfaktschema (oder der erotische Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Laclos). Nur das Ende wird gnadenlos zum szenischen Coitus interruptus und verläppert irgendwie, denn der Kleine Tod macht nur wohlig müde, nicht tragisch. Ansonsten kommen beide Stücke so mühelos durch alles Menschliche, wie auch jeder Mensch durch sechs Bekannte mit jedem anderen bekannt sein soll oder bloße zwanzig Handschläge zwischen Hundertjährigen und Säuglingen reichen, um von Jesus Christus bis Angela Merkel zu gelangen.
„Für mich soll’s rote Rosen regnen“
In den Landungsbrücken genügen Eike Christian Schütz (Regie) zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler mit je zwei oder drei Rollen, um durch das ganze Geschehen zu kommen: Jorien Gradenwitz als Friseuse und Sekretärin, Nele Hornburg als Hure, junge Frau und Schauspielerin, Stephan Müller als Angestellter, Ehemann und Abgeordneter sowie Christian Ihringer als Hausherr und Dichter. Martina Zirngasts Ausstattung besteht im Kern aus zwei gestapelten Matratzen, von deren Längsseiten dem Treiben zugeschaut wird, aus zeitlos charakterisierenden, fast durchweg realistischen Kostümen, ein wenig Requisite und aus Vorhängen gebastelten Ruheräumen zum Umziehen am Fußende, die unverbindlich Wohnungsinterieurs simulieren. Wechselnde Musik und Dunkel oder Halbdunkel trennen die Abschnitte, nur einmal ist die Musik („Für mich soll’s rote Rosen regnen“) mitten in die Szene verlagert. Schwabs Kunstsprache klang mit österreichischem Anhauch wohl realistischer als in der habsburgfreien Version von Schütz’ Akteuren, die mit Schwabs komischen Abstrakta immer leicht nach Oliver Jahn in „Ijon Tichy: Raumpilot“ klingen: „Das liegt an der Bestürzungsähnlichkeit zwischen Ihnen und meinem Freund...Klangschreck meinen Namen! ...Sie gehören der meinigen Vollmenschlichkeit an...“
So gerüstet, lenken sie besagte Akte samt der damit verbundenen Stöhnerei bevorzugt ins Drollige. Dies zum großen Amüsement der Zuschauer, die am schoflen Angestellten und der frecherweise unbezahlten Friseuse, dem aufgeblähten Philosophen mit dem Luftballon („Blas!!“), der Abwehr mimenden Ehebrecherin oder dem korrupten Politiker, der sich für seine Gunst zu beiderseitiger Zufriedenheit in Naturalien bezahlen lässt, Vergnügen finden. Eine nur mittelprächtige Regie gleichwohl, die sich von Schwabs Sprach- und Bildlust zwar infizieren lässt, ihr aber doch nur nachhechelt, statt auch auf mächtige eigene Findungen zu setzen.