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Veröffentlicht: 29.12.2016, 13:47 Uhr

Jazzkeller-Chef Eugen Hahn Der Hüter des Feuers

Ein halbes Leben im Keller: Eugen Hahn führt seit dreißig Jahren mit unentwegtem Enthusiasmus Frankfurts berühmtesten und bedeutendsten Jazzclub.

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© Wonge Bergmann Die Seele: Eugen Hahn leitet und lebt den Jazzkeller in Frankfurt.

„Ruf doch mal den Albert an.“ Die lockere Aufforderung war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, sowohl für ihn, als auch für eine nicht ganz unbedeutende Frankfurter Institution. Vor dreißig Jahren, als Eugen Hahn, Kontrabassist, Jazzenthusiast und Möchtegernclubbesitzer, mit seiner damaligen Frau, der Sängerin Regine Dobberschütz, den Zug aus West-Berlin nach Frankfurt am Main bestieg, wusste er noch nicht so genau, wo er landen und was er danach machen würde. Nur, mit Jazz musste es zu tun haben und davon leben können sollte man möglichst auch. Für ein solches Abenteuer, und das wusste jeder in der Musikszene, war Frankfurt durchaus nicht das schlechteste Pflaster.

Von einer Schallplattenfirma bekam Hahn den Tipp seines Lebens. Albert und Emil Mangelsdorff suchten gerade für den von Carlo Bohländer im Jahr 1952 gegründeten, in wenigen Jahren zum heißesten Club im Nachkriegsdeutschland aufgestiegenen und nunmehr von ihnen geführten Frankfurter Jazzkeller einen neuen Pächter. Sie wollten wieder mehr musizieren, statt bis in die frühen Morgenstunden für den reibungslosen Ausschank von Bier und Spirituosen Sorge tragen zu müssen.

Nach New Yorker Vorbild

Bei Hahn war es eher umgekehrt. Schon zu der Zeit, da der am 25. November 1941 in Bochum geborene, während des Zweiten Weltkriegs im brandenburgischen Eberswalde gelandete und dann in der DDR hängengebliebene Hahn als Bassist in diversen ostdeutschen Bands durch die Talentschuppen des Sozialismus tingelte, wollte er viel lieber einen Jazzclub nach New Yorker Vorbild leiten. Nun also bekam er die Chance, die er ergreifen und zu seiner Lebensaufgabe machen sollte. Der Kontrabass wurde dafür an den Nagel gehängt. Dass der Frankfurter Jazzkeller allen ökonomischen Durststrecken und Veränderungen des musikalischen Zeitgeschmacks zum Trotz sein hohes Ansehen bis heute halten konnte und zu der Handvoll internationaler Kultstätten des Jazz gehört, wo von Chet Baker über Dizzy Gillespie bis zu Art Blakey und Gerry Mulligan (in den berühmten After-hour-sessions) auch viele der größten Stars aufgetreten und immer wieder zu hören sind, ist nicht zuletzt Hahns unermüdlichem Einsatz zu danken.

Und unermüdlich ist ganz wörtlich gemeint. Denn in einem Jazzclub praktisch ohne Gastronomie mit einer maximalen Auslastung von achtzig Personen 240 Konzerte im Jahr mit attraktiven Künstlern bei moderaten Eintrittspreisen zu veranstalten und dabei nicht alle zwei Jahre die Insolvenzfrage stellen zu müssen ist für sich schon ein Kunstwerk, das nur gelingt, wenn der Inhaber sich nicht zu schade ist, Mädchen für alles zu sein. Hahn ist Inhaber, Geschäftsführer, Programmgestalter, Kartenverkäufer, Ansager, Discjockey (in den von ihm eingeführten „Dancenites“), Barkeeper, psychologischer Betreuer, Bürokraft, wenn es sein muss, auch Klavierstimmer, Fotograf und vor allem: immer ansprechbar, immer gut aufgelegt, immer vor Ort, meist bis drei Uhr morgens, sechsmal die Woche, etwa 250 Tage im Jahr. Wie man so etwas aushält, sollte man ihn und seine Familie lieber nicht fragen. Dass es mit seinem Enthusiasmus für Jazz zu tun haben muss, lässt sich immerhin erahnen.

Gedankt wurde ihm der Einsatz für „den Keller“, wie ihn die Eingeweihten schon seit eh und je kurz und bündig nannten, nicht von allen. Etwa, als er die kluge Entscheidung traf, aus einer Jazzkneipe vorwiegend mit Jamsessions und als Treffpunkt der Szene einen vollgültigen Konzertbetrieb mit Eintrittskarten zu etablieren. Das aber hat dem Keller die Existenz gesichert, besonders als nach Wegfall der allgemeinen Sperrstunde für Lokale sozusagen die Laufkundschaft der Nachtschwärmer wegblieb und die Jazzenthusiasten sich auch nicht üppig vermehrten.

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Heute ist der Keller Anlaufstelle für eine neue, nicht ganz eindeutig zu identifizierende Szene geworden. Offenbar ist es auch in gewissen Yuppiekreisen wieder angesagt, abends die Krawatte zu lockern und seinen Gin Tonic zu den Klängen eines Bebop-Saxophonisten zu trinken. Außerdem geben viele einheimische Stars - etwa viele Solisten der hr-Bigband wie Tony Lakatos, Axel Schlosser oder Oliver Leicht regelmäßig mit ihren eigenen oder befreundeten Combos Konzerte im Keller und schauen auch einmal vorbei, wenn ein interessanter Musiker aus Übersee hier Station macht. Die Dancenites an jedem Freitag (einem der beiden umsatzsicheren Tage in der Woche), die Hahn einst einführte, nachdem er davon gehört hatte, dass man in London wieder zu Acid Jazz tanze, haben zusätzlich ein jüngeres Publikum in den Keller gelockt. Und einmal im Monat finden auch die Newcomer in der von dem Saxophonisten Peter Klohmann betreuten Reihe „Junge Szene Rhein Main“ hier ein Forum. Dass man im Grunde jeden Abend in einem intimen Club der Stadt niveauvollen Jazz und Blues oder reizvolle Latin Music zu hören bekommt, kann man nicht hoch genug schätzen.

Es ist auch deshalb so achtenswert, weil das originelle Jazzhaus lange schon Geschichte ist und die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt vor Jahren schon ihren Jazzstudiengang schnöde eingestellt hat. Ein Mann wie Michael Wollny, die größte Jazzhoffnung des Landes, würde sicher heute noch zur Frankfurter Szene gehören, hätte man ihm hier eine Professur anbieten können, die er nun in Leipzig gefunden hat. Das sollte auch den für Kultur Verantwortlichen stets bewusst sein: dass der Keller noch immer so etwas wie ein international wirkendes Aushängeschild des Jazz ist und dass man in der Kleinen Bockenheimer Straße 18a, kurz bevor man die neunzehn Stufen zu den Gewölben hinabschreitet, nicht auf Pflastersteinen, sondern auf geschichtsträchtigem Jazzboden wandelt. Frankfurt war einmal die Jazzhauptstadt der Republik. Davon zeugt konstant der Keller mit seinem Programm. Man sollte ihn eigentlich von Christo einpacken lassen. Damit das auch jedem bewusst wird.

Bitte kritisch, aber auch fair

Von Stefan Toepfer

Erfahrungen in Rheinland-Pfalz sowie Kooperationen zwischen Jugendring und Ditib-Jugend in Hessen, machen Mut für eine engere Zusammenarbeit. Bis zu einer Mitgliedschaft im Landesjugendring dürfte aber noch Zeit vergehen. Mehr 1 0

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