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Gemeinwesen : Den Straßenmagazinen gehen die Leser aus

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Hartes Geschäft: Es werde immer schwieriger , berichten die Verkäufer, soziale Straßenmagazine an die Bürgerinnen und Bürger zu verteilen. Bild: dpa

In den neunziger Jahren sollten Obdachlosenzeitungen Armen eine Stimme geben. Doch mittlerweile sind viele Magazine verschwunden, die übrig gebliebenen stehen unter Druck.

          Ein Abwinken und ein verschämtes Lächeln – das ist das Netteste, was es an diesem Tag für eine 56 Jahre alte Frau gibt. Sie steht in der Kasseler Fußgängerzone. Nicht zum Betteln, sondern um das Straßenmagazin „Tagessatz“ zu verkaufen. Doch die Passanten machen einen Bogen um sie – genau wie um den Obdachlosen, der ein paar Meter entfernt um Geld bittet. Das soziale Klima in Deutschland sei kälter geworden, sagen Macher und Verkäufer von Straßenmagazinen. Die Auflagen sinken, Magazine verschwinden. Hessen beispielsweise sei im Bezug auf Straßenzeitungen mittlerweile eine „Wüste“, sagt Ute Kahle, Redaktionsleiterin beim „Tagessatz“. Das kleine Straßenmagazin mit Redaktionen in Kassel und Göttingen arbeitet länderübergreifend. In Niedersachsen sieht es nicht ganz so düster aus: Dort gibt es noch auflagenstarke Magazine.

          Wie viele Straßenzeitungen ging der „Tagessatz“ in den neunziger Jahren an den Start. „Wir waren damals sehr euphorisch“, erinnert sich Kahle. Die Grundidee vieler Magazine: Sie werden auf der Straße von Menschen verkauft, die in Not sind. Einen Teil der Einnahmen können die Verkäufer behalten. Ebenso wichtig ist der soziale Austausch. Durch Gespräche mit Kunden können die Verkäufer sozialen Anschluss finden – und die Käufer Vorurteile abbauen.

          Straßenmagazine stehen dem Mainstream entgegen

          Die besondere Rolle der Magazine bestätigt Gerrit Hummel, Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Dissertation mit dem Thema. „Straßenmagazine sind alternative Medien, die dem Mainstream entgegenstehen, aber in weiten Teilen dem gleichen Druck in Bezug auf journalistische Qualität unterliegen“, sagt er. Dieser Anspruch werde nicht nur von außen an die Straßenzeitungen herangetragen, sondern sei auch vielen journalistisch Tätigen bei den Magazinen ein großes Anliegen.

          Der ökonomische Druck sei mit dem der Mainstream-Medien vergleichbar. „Auch Straßenzeitungen müssen verkauft werden. Und insgesamt muss sich das Projekt Straßenzeitung selbst tragen“, sagt Hummel. Doch auch für die Verkäufer seien sie wichtig: „Straßenzeitungen sind ein Angebot an den Betroffenen, um ihn bei seinem Weg zurück in die Gesellschaft zu unterstützen.“ Verkäufer sind oft Rentner, Langzeitarbeitslose, Haftentlassene und Kranke. 40 bis 45 Jahre alt seien die meisten, wenn sie zum „Tagessatz“ kämen, sagt Kahle. Das sei das Alter, in dem „Biographien brechen“. Es trifft Männer wie Frauen, Erziehende wie Alleinstehende.

          Der Ton auf der Straße wird rauer

          Der „Tagessatz“ ist eine Straßenzeitung, getragen von einem Verein. Rund 50 Verkäufer gibt es. „Das sind keine Bettler, sie verkaufen ein Produkt“, erklärt Kahle. Die monatliche Auflage liegt bei 5000 Exemplaren. An Weihnachten verkaufe man auch mal 7000 bis 10 000 Hefte, sagt Kahle. Gefüllt wird die Zeitung von Ehrenamtlichen. Zweimal im Jahr machen die Mitarbeiter eine Ausgabe.

          „Wir bieten eine hochwertige Dienstleistung an, sind redaktionell gut“, sagt auch Thomas Eichler, Leiter für Vertrieb und soziale Arbeit bei „Asphalt“ in Hannover. Elf Festangestellte hat die gemeinnützige GmbH. 25 Menschen arbeiten ehrenamtlich, es gibt 171 Verkäufer. Die Auflage liegt bei 25 000 Exemplaren. Auch bei „Asphalt“ spürt man, dass der Ton rauher wird. Mancher Passant habe „Scheuklappen“ auf, sagt Eichler.

          Digitalisierung der Magazine schwer vorstellbar

          „Die Konfrontation auf der Straße wird härter“, erklärt Hubert Ostendorf, leitender Redakteur der „Fiftyfifty“. Das Magazin kommt aus Düsseldorf, wird auch in Frankfurt verkauft, aber ohne eigenen Lokalteil. Durch zunehmende Armut werde mehr gebettelt, was es den Magazinverkäufern schwierig mache, Kontakt zum Kunden aufzunehmen, sagt Ostendorf.

          Ostendorf hat die Entwicklung der Straßenmagazine von Anfang an begleitet. Mit einer Auflage von 30 000 bis 40 000 gehört „Fiftyfifty“ heute zu den Großen in Deutschland. „Die Frage ist: Wo geht es hin?“, fragt Ostendorf. Für Straßenmagazine sei das Abwandern ins Internet schwierig. Es gebe zwar international Versuche, auf der Straße Online-Pässe für Internetseiten anzubieten. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir irgendwann nur noch Zugangsdaten verkaufen.“

          Persönlicher Kontakt ist essentiell

          Wie es wirklich um die Straßenmagazine bestellt ist, weiß niemand genau. Knapp 20 Projekte in Deutschland listet das Netzwerk International Network of Street Papers auf. Vor drei Jahren waren es noch mehr als 30. Hinzu kommen immer wieder dubiose Nachahmermagazine, hinter denen offenbar Drückerbanden stecken.

          Ute Kahle glaubt an eine Zukunft der Straßenzeitungen: Wer gut wirtschafte, werde bestehen bleiben. „Die kleinen Straßenmagazine werden es leichter haben“, sagt sie. Daneben dürften die Magazine fortbestehen, die an einen finanzkräftigen Träger angedockt seien. Ein Erfolgsrezept sei die persönliche Beziehung zwischen Verkäufer und Kunde. Was das bedeutet, hat sie selbst erlebt: Nach dem Tod einer „Tagessatz“-Verkäuferin habe eine Gemeinde eine Trauerfeier organisiert.

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