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Demographischer Wandel : Die Welt mit älteren Augen sehen

  • -Aktualisiert am

Beschwerlich: Dieser Altersanzug mit Gewichten an den Hosenbeinen soll zeigen, wie sich der Weg die Treppe hoch für Senioren anfühlt. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein Spezialanzug soll Werbern die Sicht und die Probleme von Senioren vermitteln. Denn durch den demographischen Wandel werden alte Menschen zu einer immer wichtigeren Zielgruppe.

          Die Gelenke sind unbeweglich, aufrecht gehen fällt schwer. Die Mitmenschen müssen alles laut sagen und oft mehrfach wiederholen, bis er etwas versteht. Die Sicht ist trüb, und atmen ging auch schon mal besser. Nach jedem Treppenabsatz braucht es eine kurze Verschnaufpause, dann geht es weiter, die Hand am Geländer festgekrallt, um ein wenig Stabilität zu haben.

          Der junge Mann ist erst 25, fühlt sich aber schon wie ein Achtzigjähriger. Glücklicherweise nur für eine kurze Zeit. Er steckt in einem „Altersanzug“. Eine 20 Kilo schwere Weste schnürt den Brustkorb zu, Ellbogen- und Knieschützer versteifen die Gelenke. Ohrschützer wie auf der Baustelle erschweren das Hören, und ein Helm mit gelber Scheibe soll die Alterssicht simulieren.

          Alle Übel des Alters

          „Der Anzug ist natürlich besonders gemein, er imitiert alle Übel des Alters auf einmal“, sagt Alexander Wild. Er ist der Chef einer Website für Menschen ab sechzig und hat eine Gruppe junger Menschen aus PR und Marketing eingeladen, für eine halbe Stunde um etwa sechs Jahrzehnte zu altern. Denn für Werbung und Produktentwicklung arbeiten größtenteils junge Leute. Durch den demographischen Wandel werden aber alte Menschen zu einer immer wichtigeren Zielgruppe. Der 25 Jahre alte Teilnehmer zum Beispiel berät in einer Marketingfirma Produkte für die Zielgruppe 50 plus. „Ältere Menschen wollen ganz anders angesprochen werden als junge“, sagt er. Zum Beispiel hätte jede Generation andere Vorbilder. Aber die Rentner wollen nicht nur anders angesprochen werden, sie brauchen auch ganz eigene Produkte. Und die Unternehmen reagiert auf den wachsenden Markt: Sie entwickeln Gesichtscremes für reife Haut, Windeln für Erwachsene.

          Weil Wilds Website „feierabend.de“ sich durch Werbung finanziert, trifft er häufig auf Werbeschaffende, die solche Produkte für Senioren anbieten. „Ich sitze dann immer jungen, gutaussehenden Menschen gegenüber und muss ihnen erklären, wie es ist, alt zu sein“, sagt er. Man könne stundenlang reden, aber es selbst zu erfahren sei viel effektiver.

          Mit dem Anzug auf Deutschland-Tour

          Da musste er an den Anzug denken, den vor einigen Jahrzehnten sein Uniprofessor entwickelt hatte. Ein paar Aktualisierungen waren notwendig, zum Beispiel kann man jetzt trotz der Handschuhe Touchbildschirme bedienen. Mit dem modernisierten Anzug geht Wild auf kleine Deutschland-Tour. Den Auftakt hatte er in der Zentrale von „feierabend.de“ in Frankfurt, dann kommen Hamburg, München, Dortmund und Köln.

          Der Anzug lässt die Teilnehmer eher wie Bombenentschärfer als wie alte Menschen aussehen, erfüllt aber seinen Zweck. Als eine Kollegin den Probanden fotografieren will, sagt sie ihm dreimal, dass er zu ihr schauen soll, bevor er überhaupt reagiert. Und dann auch nur mit einem lauten „Was?“. Die restlichen Teilnehmer lachen. Bis sie selbst an der Reihe sind.

          Verlust der Feinmotorik und des Gefühls

          Ebenfalls für Gelächter sorgt der Versuch, Verpackungen zu öffnen. Erst von Tabletten, dann von Süßigkeiten. Zum Anzug gehören Handschuhe, die den Verlust der Feinmotorik und des Gefühls in den Fingern darstellen sollen. Hanuta und Kinder Country lassen sich nach einigem Ausprobieren öffnen. An der angeblich längsten Praline der Welt scheitern alle Versuche.

          „Verpackungen sind ein Riesenproblem“, sagt Wild. Auch Schuhe binden wird für die Teilnehmer zur Herausforderung. Jedes Mal, wenn sie sich bücken, fällt ihnen danach das Aufrichten schwer. „Man könnte Verkäufer mit dem Anzug trainieren“, schlägt Wild vor. Dadurch würden sie beim Einräumen der Ware daran denken, sie auf einer angenehmen Höhe zu plazieren.

          Zum Abschluss des kleinen Experiments kommt der schwierigste Part: Treppensteigen. Beim Absteigen fehlt es an Stabilität, beim Hochgehen an Kraft. Jeder der jungen Leute ist froh, als Wild ihm endlich aus dem Anzug hilft. Der eine springt in die Luft, die andere lässt die Arme kreisen. Sie schnauft und sagt: „Ich hoffe, ich werde eine sportliche Oma.“

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