10.02.2012 · Immer mehr Grundschüler tun sich mit dem Radfahren schwer. Polizei und Schulen wollen die Eltern auf das Problem aufmerksam machen.
Von Katharina IskandarEs dauert nur wenige Sekunden, dann ist der Weg über den tückischen Schwebebalken geschafft. Der kleine Sandsack, der auf dem Kopf der Drittklässler liegt, ist dort geblieben, wo er sollte. Nun folgt nur noch der Roller-Parcours. Vier blaue Hütchen, die die Kinder im Slalom umfahren müssen, um dann zwischen zwei Kästen hindurch zu sausen, auf denen eine Sportmatte liegt.
Was bei den Schülern der Heinrich-Kromer-Schule an diesem Freitagvormittag so einfach aussieht, ist für viele Kinder ein unüberwindbares Hindernis. Die Grundschule in Niederursel ist fortschrittlich, wenn es darum geht, Balance und Motorik ihrer Schüler zu fördern, denn vor Jahren schon hat sie erkannt, dass das wichtig ist, wie Schulleiterin Anita Prenzel sagt. Dass jemand etwa beim Fahrrad-Führerschein in der vierten Klasse nicht Rad fahren kann, kommt an der Heinrich-Kromer-Schule deshalb so gut wie nie vor.
Dabei sei gerade das Radfahren für immer mehr Schüler ein Problem, sagten gestern Innenminister Boris Rhein (CDU) und Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP), die die „Vorbild-Schule“ aus Niederursel besuchten. Allein im vergangenen Jahr hat sich nach Erkenntnissen der Polizei die Zahl der Grundschüler, die nicht Rad fahren können, verdoppelt. Viele Schüler seien schon überfordert, Kurven zu fahren und mit einer Hand am Lenker abzubiegen. Zudem sei die Zahl die Unfälle erschreckend hoch. 2011 waren 877 Kinder unter 16Jahren an Radfahrunfällen beteiligt; 329 der Unfallopfer waren Grundschüler. 258 wurden zum Teil schwer verletzt.
Gemeinsam mit der Vorsitzenden des Landeselternbeirats Hessen, Kerstin Geis, unterschrieben Rhein und Henzler am Freitag einen „Elternbrief“, der an alle Erstklässler-Haushalte verschickt werden soll. Darin appellieren die beiden Politiker und die Elternbeiratsvorsitzende an die Eltern, ihre Kinder in der Freizeit zu mehr Sport zu animieren und ihnen mehr Bewegung zu ermöglichen. Gleichzeitig klären sie in dem Schreiben über Gefahren im Straßenverkehr auf.
„Gerade in der Stadt herrscht das Problem, dass viele Kinder nicht mehr draußen spielen“, sagte Rhein. Entweder, weil die Schüler heutzutage lieber am Computer säßen, oder aber, weil die Eltern übervorsichtig seien. Das führe dazu, dass es den Kindern an motorischen Grundfähigkeiten fehle. Für die Ängste vieler Eltern, die ihre Kinder in Frankfurt nicht alleine Rad fahren lassen wollen, hat Rhein zum Teil Verständnis. „Das ist aber auch eine Frage von mehr und besseren Radwegen, die die Stadt dringend braucht.“
Nach den Worten Henzlers ist es auch für die geistige Entwicklung der Schüler wichtig, dass sie sich draußen bewegen. Es gebe Erkenntnisse, dass die Kinder dann besser im Unterricht seien, sagte sie. Den Eltern riet die Ministerin, nicht übervorsichtig zu sein. Henzler stimmte Kerstin Geis zu, die sagte, das größte Verkehrsrisiko vor Schulen seien ohnehin die sogenannten Elterntaxis. Kinder sollten ruhig zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen, so Henzler.
Diesen Appell brauchen die Eltern der Heinrich-Kromer-Schule nicht. Laut Schulleiterin Prenzel wissen sie das Engagement der Schule zu schätzen und unterstützen es. So finanzierte der Förderverein der Schule einen Kletterparcours auf dem Schulhof und einen „Sinnesraum“.