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Neue Frankfurter Altstadt : Wir waren schon weiter

Bild: dpa

Die Fertigstellung der Frankfurter Altstadt hat eine Debatte über die Legitimität und die Bedeutung von Rekonstruktionen ausgelöst. Dem Projekt wird sie nicht gerecht.

          Stephan Trüby hat kräftig ausgeteilt gegen die neue Frankfurter Altstadt und ihre vermeintlichen Urheber. In einem Beitrag für das Feuilleton dieser Zeitung schrieb der Stuttgarter Architekturprofessor unlängst unter anderem, dass sich die Rekonstruktionsarchitektur in Deutschland „zu einem Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“ entwickle. Und diese Rechte könne „zunehmend politische Terraingewinne im lokalstolzen, kulturell interessierten, aber teils eben auch politisch naiven Kulturbürgertum verbuchen“. Zu Deutsch: Wer sich am Anblick der „Goldenen Waage“ erfreut, prüfe sich selbst, ob nicht doch ein Faschist in ihm steckt.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Trüby hat dann seinerseits deutliche Kritik einstecken müssen, etwa in der „Welt“ durch den kenntnisreichen Architekturkritiker Dankwart Guratzsch und, im Ton weniger gediegen, in den sogenannten sozialen Netzwerken. Daraufhin solidarisierten sich wiederum Gesinnungsfreunde Trübys im Umfeld der Architekturzeitschrift „Arch+“ mit Trüby. Deren Argumentationsstrategie ist am treffendsten mit Rückzug bei Dauerbeschuss des Gegners zu beschreiben. Und am Ende sitzen alle wieder in den Schützengräben, die schon 1947 während der Debatte um den Wiederaufbau des Goethehauses ausgehoben worden waren.

          Ein genauerer Blick auf die Frankfurter Gegebenheiten

          Ein genauerer Blick auf die Frankfurter Gegebenheiten hilft womöglich bei der Orientierung. Trübys These, wonach die Frankfurter Altstadt für ein Verständnis von Historie stehe, das den Nationalsozialismus nur noch als Anekdote einer ansonsten bruchlosen Nationalgeschichte betrachte, steht auf tönernen Füßen. Er weist auf die Urheberschaft des Antrags der Bürger für Frankfurt (BFF) aus dem August 2005 hin, der zum ersten Mal das dann realisierte Altstadt-Projekt zum Gegenstand einer kommunalpolitischen Abstimmung machte.

          Der Antrag wurde vom damals einzigen BFF-Stadtverordneten Wolfgang Hübner eingereicht, an seiner Formulierung war der Fraktionsmitarbeiter Claus Wolfschlag beteiligt; dieser ist als Autor auch für Publikationen tätig geworden, die politisch sehr weit rechts angesiedelt sind. Nur: im Antragstext ist keine Spur von rechtsradikalen Ideologemen zu erkennen. Und politisch stand Hübner für den Antrag, nicht Wolfschlag.

          Wer Hübner, der eine linksradikale Vergangenheit hat, in seinen Jahren im Römer erlebte, lernte einen sehr gebildeten und rhetorisch gewandten Stadtverordneten mit einem Hang zum Populismus kennen, der den meisten Stadtparlamentskollegen argumentativ deutlich überlegen war. In den Ausschüssen, denen er angehörte, stellte er die richtigen, unangenehmen Fragen. Dass die etablierten Parteien von CDU bis Grünen auf die schmerzhaften Angriffe mit Diffamierung reagierten, war Ausdruck einer gewissen Überforderung. Und weil Hübner Positionen vertrat, die nach heutigen Maßstäben als rechts gelten, obwohl sie wenige Jahrzehnte zuvor noch CDU-Mainstream gewesen waren, wurde er vor allem von SPD und Grünen kurzerhand für rechtsradikal erklärt.

          Rückblick auf Gang der Ereignisse

          Es ist im Rückblick schwer zu entscheiden, wie wichtig der Antrag der Bürger für Frankfurt für den weiteren Gang der Ereignisse war. Es steht fest, dass schon zuvor die Idee einer Rekonstruktion in der Luft lag. Die Frauenkirche in Dresden schritt damals gerade ihrer Vollendung entgegen, die Debatte um das Berliner Schloss war in vollem Gang, und auch andernorts gab es Wiederaufbau-Bestrebungen. Schon 2004 hatte der Frankfurter Planungsdezernent Edwin Schwarz vorgeschlagen, nach dem Abriss des Technischen Rathauses auf den alten Stadtgrundriss zurückzugreifen. Die Bürger für Frankfurt waren einfach die Ersten, die den naheliegenden Gedanken einer weitergehenden Rekonstruktion öffentlichkeitswirksam aussprachen.

          Hätte die Frankfurter CDU ihren Offenbacher Parteifreund Dominik Mangelmann empfangen, der schon im Frühjahr 2005 ausgefeilte Rekonstruktionspläne fertiggestellt hatte, die Partei hätte sich an die Spitze der Bewegung stellen können und stünde heute glänzend dar. Sie tat es nicht, stattdessen formulierte Hübner, unabhängig von Mangelmann, den von Trüby inkriminierten Antrag.

          Besinnung auf die Baugeschichte

          Die Idee einer Besinnung auf die Baugeschichte im Herzen der Stadt passte auch sonst gut in die politische Landschaft. So reagierte die SPD-Spitze unter ihrem damaligen Vorsitzenden Franz Frey aufgeschlossen; Frey verfolgte nämlich das Konzept, den Heimatgedanken in den Mittelpunkt der bevorstehenden Wahlkämpfe zu stellen. Und Umfragen aus jener Zeit zeigten, dass eine große Mehrheit der Bürger für den Wiederaufbau der Altstadt war. Das alles zeigt, dass Rekonstruktionen politisch weder rechts noch links einzuordnen sind. Ihre Legitimation beziehen sie vor allem aus zwei Quellen: ihrer handwerklichen Qualität und ihrer bürgerschaftlichen Akzeptanz. Beides ist in Frankfurt gegeben.

          Umso abstruser ist die Idee der Trüby-Hilfstruppe, einen Rekonstruktion-Watch zu gründen. Die Architektur-Denunzianten fordern ihre IM zur Gespensterjagd auf. Wenn nicht alles täuscht, ist die große Rekonstruktionswelle abgeklungen, in ganz Deutschland, aber auch in Frankfurt. Sicher, es gibt Forderungen nach einer Rekonstruktion der Paulskirche. Aber abgesehen davon, dass das aus einem zutiefst demokratiefreundlichen Geist geschieht, ist die Resonanz doch eher bescheiden. Das Gleiche gilt für den Wiederaufbau des Frankfurter Schauspielhauses, eines ziemlich mittelmäßigen wilhelminischen Gebäudes. Zeit für ein wenig Gelassenheit also. Das Hauszeichen der „Goldenen Waage“ symbolisiert das beinahe aufdringlich.

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