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Gefangen in der DDR : Eingesperrt, weil sie frei sein wollte

Gefangene des DDR-Regimes: Birgit Schlicke Bild: Röth, Frank

Als Teenager gerät Birgit Schlicke in die Maschinerie des DDR-Regimes. Sie wollte reisen, ging dafür ins Gefängnis – für fast zwei Jahre. Dort machte sie eine Begegnung, die sie bis heute nicht mehr loslässt.

          Ob die DDR ein Unrechtsstaat war? Die Frage genügt, um in Birgit Schlicke die alte Wut wieder hochkommen zu lassen. Es sind der Zorn und das Entsetzen, die ihr aufgezwungen wurden, als man sie 1988 im Alter von 19 Jahren erst in der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit und dann im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck einsperrte. Als das DDR-Regime sie wegschloss zwischen Gewohnheitsverbrecherinnen, Mörderinnen und ehemaligen KZ-Aufseherinnen der anderen deutschen Diktatur - weil sie frei sein, mit ihrer Familie ausreisen wollte.

          Jochen Remmert

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Verbittert ist Schlicke, die 1969 in Görlitz geboren wurde, in Weißwasser bei Cottbus aufwuchs und heute in Wiesbaden wohnt, trotzdem nicht. Die resolute Frau hat sich eine offene und positive Art bewahrt. Bespitzelung und Denunziation auch durch Personen, denen sie vertraute, die sie mochte, haben daran nichts ändern können. Wolfgang Schnur enttäuschte sie ganz besonders. Der später als Stasi-Spitzel enttarnte und 1996 wegen Denunziation von Mandanten verurteilte frühere DDR-Rechtsanwalt wurde nach der Verhaftung ihr Verteidiger. Schlickes Mutter hatte ihn über die Kirche angesprochen. „Er war der Erste, der mich in der U-Haft als Mensch behandelt hat“, erinnert sich Schlicke. „Ich habe ihm wirklich vertraut. Und es hat sehr weh getan, als ich später die Wahrheit erfahren habe, dass auch er für die Stasi gearbeitet hat.“

          Unrecht an der ganzen Familie

          Schnur war der Erste, der ihr nach vier Monaten U-Haft und unzähligen Verhören scheinbar helfen konnte. Er wusste von der Gläubigkeit Birgit Schlickes und nutzte dieses Wissen, um sie auszufragen. Mit „Wollen wir zusammen beten?“ habe er Nähe hergestellt. Und dann nach und nach wissen wollen, ob man ihr wirklich nicht mehr vorwerfen könne als den Ausreiseantrag der Familie. Es dauerte eine Weile, bis Schlicke misstrauisch wurde und schwieg. Ihr Vertrauen bröckelte, aber sie war sich nicht sicher, ob Schnur falsch spielte, und er blieb ihr Verteidiger. Noch heute ist das Entsetzen über das Verhalten dieses Mannes spürbar, wenn sie von ihm erzählt.

          Schnur ist wenigstens einer der wenigen, die für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Viele andere sind davongekommen. Für das Unrecht, das Schlicke und ihrer Familie angetan wurde, hat bislang keiner büßen müssen, wie sie sagt. Nicht dafür, dass sie 21 Monate im Gefängnis verbringen musste, nicht für die täglichen Verhöre über acht Stunden in der Stasi-Untersuchungshaft, nicht für den international als Folter gebrandmarkten Schlafentzug mit Hilfe von gleißend hellem Licht, das Halogenstrahler in der Nacht alle halbe Stunde ins Gesicht warfen. Und schon gar ungesühnt sind die Qualen ihrer Mutter, der die Falschmeldung zugetragen wurde, ihr ebenfalls inhaftierter Mann habe sich erhängt, wohl wissend, dass die Frau sich nirgendwo Klarheit über das schreckliche Gerücht würde verschaffen können.

          „Ich wollte unbedingt reisen“

          Trotzdem haben auch Schlickes Eltern und ihre beiden jüngeren Geschwister die Zeit überstanden. Die Eltern leben heute unweit von Fulda. Die Mutter, sagt Tochter Birgit, belaste das alles bis heute mehr als den Vater. Der habe immer unerschrocken für das Recht und das, was er für das Richtige hielt, gestritten.

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