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Das Verbraucherthema : Nah-Esser sind keine besseren Menschen

Nah: Das neue Regionalfenster von Tegut weist auf die Herkunft der Produkte hin Bild: Eilmes, Wolfgang

Lebensmittel aus der Region sind laut Studien nicht automatisch umweltfreundlicher als aus Übersee. Und oft ist es der Verbraucher selbst, der die Klimabilanz verhagelt. Das Verbraucherthema.

          Das Thema Region ist bei Verbrauchern beliebt. Per se gilt: Das, was aus der Umgebung kommt, ist das ökologisch bessere Produkt, da Transportwege kürzer sind. Nicht ohne Grund führen jetzt die Handelskonzerne für ihre eigenen Regionalmarken ein Kennzeichen, das Regionalfenster, ein, das Sicherheit über die Herkunft geben soll (siehe Kasten).

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Elmar Schlich, Professor für Prozesstechnik in Lebensmittelbetrieben an der Universität Gießen, beschäftigt sich seit Jahren mit regionalen und globalen Strukturen und bürstet mit den Ergebnissen seiner Studien, für die er sich auch Rinderzuchtbetriebe in Argentinien anschaut und Apfelbaumplantagen in Südafrika, kräftig gegen den Strich. Seine These lautet: Lebensmittel aus der Region sind nicht unbedingt klimafreundlicher als die aus Übersee.

          Seine Studien haben ergeben: Anders als allgemein angenommen, spielen Transportwege nur eine Rolle von vielen bei der Beurteilung der Umweltbilanz und längst nicht die entscheidende. Viel wichtiger sei die Effizienz in der gesamten Logistik und in der Produktion. „Es kommt auf die Art des Transports an und auf die Auslastung“, sagt Schlich. Äpfel, die im Frühjahr, in Neuseeland frisch geerntet, in großer Stückzahl mit dem Containerschiff nach Deutschland kommen, verbrauchen nach seinen Studien nicht mehr Energie als deutsche Äpfel, die zu diesem Zeitpunkt schon sechs Monate lang gekühlt gelagert werden mussten.

          Kniffliges Thema Ökobilanz

          Überrascht haben den Prozesstechniker, wie er sagt, die Ergebnisse zu Studien über Rindfleisch aus Argentinien. Das Fleisch von Rindern, die dort frei herumlaufen, hat danach eine bessere Ökobilanz als das Fleisch von Rindern, die hierzulande auf einem kleinen Hof im Stall gehalten und mit Kraftfutter gefüttert wurden, womöglich aus brasilianischen Sojabohnen. Wie effizient ein Betrieb arbeitet, hat nach der Analyse aus Gießen immer auch mit seiner Betriebsgröße und dem Flächenertrag zu tun. Grundsätzlich gilt: Groß produziert effizienter als klein. „Es gibt keinerlei Beweis für ,Small is beautiful‘“, sagt der Prozesstechniker, der weiß, dass diese Botschaft bei „ökologisch-bewegten Landwirten“ nicht gut ankommt.

          Gleichwohl plädiert Schlich dafür, Genossenschaften zu bilden. Als vorbildlich führt der Professor etwa Winzergenossenschaften wie die Bergsträßer Winzer mit Sitz in Heppenheim an. Mehr als 400 Mitglieder unterschiedlichster Betriebsgröße haben sich darin zusammengeschlossen, um Wein gemeinsam abzufüllen, zu keltern und zu vertreiben. „Die haben eine Spitzen-Energiebilanz.“ Zusammenschlüsse von Erzeugern befürwortet Schlich auch im Hinblick auf den Verkehr. „Es muss nicht jeder Bauer selbst zum Wochenmarkt fahren.“ Dies setze jedoch eine gewisse Transparenz und Bereitschaft voraus, sich in die Bücher schauen zu lassen.

          Nicht zuletzt hat der Verbraucher nach der Analyse selbst einen entscheidenden Einfluss auf die Ökobilanz. Der Salatkopf aus der Wetterau auf dem Wochenmarkt ist ökologisch gesehen nur dann ein gutes Produkt, wenn der Konsument sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad dorthin begibt. Wer mit dem Auto erst zehn Kilometer zum Hofladen fährt, um Bio-Eier und -Milch zu kaufen, vermasselt dagegen die Klimabilanz. Bei etwa 40 Prozent sieht Schlich den Anteil der Verbraucher daran, etwa gleich groß ist der Einfluss der Landwirtschaft. Er bezieht sich dabei auf Zahlen aus dem Umweltbundesamt.

          Nach Saison einkaufen

          Die Lebensmittelindustrie selbst, also Handel und Transport, sei dagegen nur für 20 Prozent verantwortlich. So gesehen sind Nah-Käufer in jedem Fall die besseren Konsumenten. Für die Nah-Esser gilt das nur bedingt. Und es würde in der breiten Masse ohnehin nicht funktionieren, da Obst und Gemüse, die hierzulande angebaut und geerntet werden, nur für 20 Prozent des Bedarfs ausreichen. „Es geht gar nicht anders, wir müssen importieren“, sagt Schlich und plädiert auch aus diesem Grund für eine nüchternere Betrachtung des Themas Regionalität. Der Begriff stehe zutreffender für andere Kategorien, wie etwa Landschaftspflege, Heimat und Kultur.

          Viel wichtiger aus ökologischer Sicht sei, dass Obst und Gemüse dann gegessen werden, wenn sie Saison haben. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung stufe die Saisonalität wichtiger ein als die Regionalität. Doch wann Erdbeeren und Äpfel reif sind, wüssten viele Verbraucher heute nicht mehr. Das zu ändern sei eine Aufgabe des Verbraucherschutzes. „Wir brauchen mehr Verbraucherbildung“, fordert Schlich. Das sei wichtiger als „plakative Aktionen und teure Internetplattformen“.

          Obst und Gemüse mit neuem Label

          Das neue Regionalfenster soll einen neuen einheitlichen Standard setzen. Mit dem Kennzeichen, das die Marketinggesellschaft Gutes aus Hessen mitentwickelt hat, erfahren Kunden, woher die wichtigsten Zutaten eines Lebensmittels stammen, wo sie verarbeitet wurden und wie hoch der Gesamtanteil der regionalen Zutaten ist. Die Region kann ein Bundesland sein, aber auch ein Landstrich wie die Rhön. Kontrollen sollen ähnlich ablaufen wie bei Bio-zertifizierten Betrieben. Der Startschuss fiel jetzt auf der Grünen Woche in Berlin.

          Tegut, Edeka Südwest und Rewe wollen in den nächsten Wochen die ersten Lebensmittel mit neuem Kennzeichen in den Handel bringen. Dafür eigenen sich die eignen regionalen Marken der Handelsunternehmen. „Unsere Heimat - echt & gut“ ist das etwa bei Edeka mit 250 Artikeln. Sie alle erfüllten die Voraussetzungen für das Regionalfenster, teilt das Unternehmen mit. Der Rewe-Konzern will Obst und Gemüse der Eigenmarke „Rewe Regional“ kennzeichnen. Die Handelskette Tegut hat Bio-Zwiebeln aus Mainfranken, die im Produktionsbetrieb Remlinger Rüben abgepackt werden, bereits im Programm. Angemeldet sind Eier verschiedener Bio-Höfe, ebenso Schweinefleisch. Als Region definiert das Unternehmen ein Einzugsgebiet 150 Kilometer rund um Fulda. Bereits vorgeprescht ist der Discounter Lidl, der in seinen bayerischen Filialen Milch, Quark, Joghurt, Butter, Wurst und Steaks der Marke „Ein gutes Stück Heimat“ mit dem Regionalfenster labelt.

          Grundsätzlich ist das Kennzeichen, für das ein Trägerverein gegründet wurde, freiwillig. Verbraucherschützer bemängeln dies. Da das Kennzeichen freiwillig sei, könnten Verbraucher Schwindeleien auch weiterhin kaum erkennen. (hoff.)

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