Mit Büchern ist man auf der eigenen Couch in anderen Welten zu Gast. Nach Frankfurt hingegen kommen Autoren aus aller Welt sogar zu Besuch, zur Buchmesse, dieses Jahr aber auch zu den „Arabischen Literaturtagen“. Schriftsteller aus dem Maghreb, Ägypten, Syrien, dem Libanon, dem Irak und den Golfstaaten berichteten im Januar vom Aufstand in den arabischen Staaten und den mit ihm verbundenen Hoffnungen und Gefahren. Ein Jahr später wiederholt die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika den Erfolg: Im Literaturhaus veranstaltet sie am 25. und 26. Januar die „Afrikanischen Literaturtage“. Abermals geht es um eine ganze Weltgegend, gefangen zwischen Aufbruch und Rückständigkeit, um einen Kontinent, auf dem die Arabellion noch lange nicht zu Ende ist, während im Kongo schon der nächste Krieg ausgefochten wird. In Frankfurt erfährt man, was die Welt prägt - und was die Kunst vermag.
Neujahrskonzert in der Alten Oper
Auf Tonträger ist es nur unter größten Schwierigkeiten zu besorgen und im Konzertsaal ist das Stück weitgehend abwesend: Bernd Alois Zimmermanns köstlich amüsante „Musique pour les soupers du roi Ubu“. Das Werk besteht aus zahllosen Zitaten, von denen einige - etwa der Beginn von Beethovens „Pastorale“ - auch dem musikalischen Laien auffallen. Die Junge Deutsche Philharmonie hatte diese Musik für ihr 15. „1822-Neujahrskonzert“ erarbeitet, das im Januar in der Alten Oper stattfand: Ilan Volkow dirigierte, der Kabarettist Konrad Beikircher steuerte verbindende Texte bei - ein klingendes Erlebnis, das bis heute haftet. Ähnliches könnte sich bald wiederholen: Ihr 16. Neujahrskonzert gestalten die jungen Künstler am 13. Januar von 18 Uhr an am selben Ort. Auch diesmal gibt es eine mit Spannung erwartete Rarität: Eine kleine Schlachtmusik von Beethoven: „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“.
„Kopfleuchten“
Ihr legendärer Dokumentarfilm „Kopfleuchten“ ist eine Reise in unbekannte Welten: Die vielfach ausgezeichneten Filmemacher Mischka Popp und Thomas Bergmann bringen uns darin Menschen nahe, deren Gehirntätigkeit nach Unfällen oder Erkrankungen beeinträchtigt ist: Kein Schreckenskabinett wird gezeigt, vielmehr bewegende Porträts voller Empathie. „Kopfleuchten“ eröffnet die lang erwartete Werkschau im Frankfurter Kino Orfeo’s, bei der von 17. bis 23. Januar insgesamt sieben Filme laufen. Ein Ereignis, das dann ebenfalls zu sehen sein wird, ist auch „Der Rauch der Träume“ von 2007 (22. Januar): die faszinierende Begegnung mit dem berühmten Zürcher Ethno-Psychoanalytiker Paul Parin, der mit 91 Jahren noch höchst lebendig und voller Geschichten war. Oder „Augenlied“, ein großartiger Film über Blindsein (23. Januar). Oder Abgründe des Alltags in „Giftzwerge - Mit bösem Gruß vom Nachbarn“ und „Heimwerker“ (21. Januar).
„Before Your Very Eyes“
Rimbauds „Ich ist ein anderer“ kann als Motto der Frankfurter Mousonturm-Wiedereröffnung gelesen werden. Voller Lebensfreude und Ironie hat das die Performance „Before Your Very Eyes“ des deutsch-britischen Kollektivs Gob Squad umgesetzt. Sieben Kinder schickte es in einen verspiegelten Kubus, der einzig dem Zuschauer Blicke auf sein Gegenüber gewährt. Mit Neugierde und Entdeckerlust machten sich die Akteure daran, Möglichkeiten auszuloten, erzählten und stellten sich selbstironisch aus. Für die Kamera und die Zuschauer inszenierten sie ihr Leben bis hin zum Tod im Schnelldurchlauf - singend, tanzend, sprintend, posierend, mit ansteckender Leichtigkeit. Als ob jeder Tag der letzte wär’. So arbeitete auch Rainer Werner Fassbinder, dem das Filmmuseum Frankfurt eine Ausstellung und Retrospektive widmen wird, der für sich selbst Rollen in seinen Filmen schuf und forderte, dem Schauspieler müsse sein Spiel anzusehen sein, sonst sei es gelogen, und darüber authentisch wirkte wie die Kinder von Gob Squad.
Museumsbaustellen
Baustellen bedeuten Bewegung. Insofern wird sich in den Museen der Region 2013 vieles weiterbewegen. Die Wiedereröffnung der beiden sanierten Seitenflügel des Museums Wiesbaden ist für Mai fest eingeplant. Einen Ort bekommen dort nach langer Abwesenheit die Alten Meister und die Naturkunde, die diese Frischzellenkur wohl noch nötiger hatte. Ähnlich oft verschoben wurde auch die nun aber für Herbst vorgesehene Wiedereröffnung des Landesmuseums Darmstadt. Zwecks energetischer Ertüchtigung geschlossen ist unterdessen das Ausstellungshaus auf der Darmstädter Mathildenhöhe, wo sich Direktor Ralf Beil aber mit einem Paukenschlag in die voraussichtlich 2014 beendete Sanierungszeit verabschiedete: Mit der Themenschau „A House full of Music“ übertraf er sich selbst. Schon jetzt darf man deswegen gespannt sein auf die wohl kaum minder opulent inszenierte Schau, die Beil zum 200. Gebortstag von Georg Büchner vorbereitet und die von Oktober an im Exil des Darmstadtiums zu sehen sein wird.
Jeff Koons und Yoko Ono
Auch wenn die mentalen Vorbehalte gegen eine von Kalkül und Kommerz geprägte Kunst groß sind, wird man doch zugestehen müssen, dass die Doppelausstellung mit Bildern und Objekten von Jeff Koons in der Frankfurter Schirn und im Liebieghaus die bemerkenswerteste Schau des Jahres 2012 im Rhein-Main-Gebiet war. Zumal vor allem die Präsentation im Skulpturen-Museum deutlich vor Augen führte: Der Glanz der Oberfläche, die Lust an der Spiegelung, die Feier des Materials gehören nicht erst seit der Pop-Art oder deren Radikalisierung durch Koons zum Kunstgeschäft. Der Reiz des Äußerlichen ging und geht auch von der alten Plastik aus, was im Zusammenklang mit den Koons-Arbeiten umso deutlicher zum Vorschein kam. Ebenso wenig wie in diesem Fall wird man die Vorurteile, die Yoko Ono betreffen, abstreifen können. Dabei dürfte die Präsentation ihrer Werke, die vom 15. Februar an in der Schirn zu sehen sein wird, ein Höhepunkt des Ausstellungsjahres 2013 werden.
Rheingau Musik Festival
Zugegeben: Der noch nicht lange zurückliegende Frankfurter Zyklus des Artemis-Quartetts in der seit diesem Jahr nicht mehr bestehenden Besetzung mit der Primaria Natalia Prischepenko wird schwer zu übertreffen sein. Doch die Gesamtaufführung der Streichquartette Beethovens mit dem Hagen-Quartett beim Rheingau Musik Festival ist im August auf ähnlich hohem Niveau angelaufen. Das seit mehr als 30 Jahren bestehende Salzburger Ensemble spannte dazu gleich zum Auftakt den Bogen vom ersten Quartett in F-Dur op. 18 Nr. 1 bis zum sechzehnten und letzten in derselben Tonart op. 135 und gab auch im Folgenden einen stilistisch fein differenzierten Überblick über Beethovens Schaffen. Im Sommer wird der Zyklus auf Schloss Johannisberg mit drei Konzerten fortgesetzt.
Lou Reed im Mainzer Zollhafen
Als sardonischer Chronist des Abgründigen sezierte Gossenpoet Lou Reed im Mainzer Zollhafen genüsslich die Subkultur seiner New Yorker Heimat. Das 70 Jahre alte Urgestein und ehemalige Mitglied der Kultformation The Velvet Underground lotste durch künstlerische Experimente aus vier Dekaden - darunter auch Auszüge des jüngsten Avantgardeprojekts „Lulu“ - und nahm das mehrere Generationen umspannende Publikum mit auf einen dekadenten „Walk On The Wild Side“. Unterdessen zieren 14 selbstkomponierte und rustikal arrangierte Songs zwischen Folk, Pop und Rock das Debüt des 18 Jahre alten Briten Jake Bugg. Turbostart eines Ausnahmetalents, das die Antithese zum Reißbrettnachwuchs aus TV-Castings verkörpert. Ein in der Provinz Gereifter, der selbst Noel Gallagher zu Lobeshymnen hinreißt. Sein jugendliches Genie stellt Jake Bugg am 2. März im Frankfurter Club Zoom unter Beweis.
Eine Lichterkette am Theaterhimmel 2012
Kein einsames Highlight am Theaterhimmel 2012. Dafür aber eine Lichterkette vom Auftritt Constanze Beckers als Frau John in Thalheimers „Ratten“ im Frankfurter Schauspiel über den Auftritt von Tobias Lehmann als „Des Teufels General“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel bis hin zu Reinhard Hinzpeters grandioser Inszenierung von „Atropa - Der Fall Trojas“ mit dem Freien Schauspiel Ensemble im Titania. Zu Recht in aller Munde aber war seit Mitte Juni vor allem das Musical „Ein Käfig voller Narren“ im Frankfurter Volkstheater. Wolff von Lindenau und Bäppi La Belle rührten die Herzen als schwules Ehepaar samt Adoptivsohn. Mit dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte inklusive Travestieshow wird sich das Volkstheater im Frühjahr für immer von seinem Publikum verabschieden und in bester Erinnerung bleiben.
War da was? Bleibt da was?
War da was? Irgendwas, das bleibt von diesem Jahr? Immerhin, an der Basis, in Galerien oder freien Räumen also, gab es immer wieder bemerkenswerte Ausstellungen zu entdecken. Doch die Großereignisse in den Institutionen versprachen fast durchweg mehr, als sie dann halten konnten. Jeff Koons? Am Ende doch vor allem aufgeblasen. Oder die Documenta? Eine Ernüchterung, wenn auch auf gehobenem Niveau. Zwar war das „Brain“ im Fridericianum besser, als es von der Kritik gemacht wurde. Die Kunst aber zeigte sich dem gewaltigen Überbau der 13. Kasseler Weltkunstschau häufig nicht gewachsen. Die Vorfreude auf 2013 freilich kann uns das nicht nehmen. So darf man auf die Retrospektive des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica, die das Frankfurter MMK im Herbst ausrichtet, ebenso gespannt sein, wie man sich auf die dortige Schau des unlängst gestorbenen Franz West freuen darf. Im Zweifelsfall sind ja die Galerien auch noch da.