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Das Viertel um die EZB : Herztransplantation

„Keine Aufenthaltsqualität“: Auf dem vor Jahren neu geschaffenen Paul-Arnsberg-Platz fühlen sich die Bewohner im Sommer wie ein Spiegelei in der Pfanne. Bild: Frank Röth

Wo früher im Ostend eine Großmarkthalle stand, ragt nun der Neubau der Europäischen Zentralbank empor. Das Viertel verändert sich. Zwischen den alten Kneipen hat die erste Szenebar aufgemacht. Aber die Welten bleiben unter sich.

          Die „Kutscherklause“ ohne ein „Mahlzeit“ betreten - das geht nicht. Moni hat einem schon das erste Bier gezapft, ehe in dem ganzen, großen Hallo Zeit gewesen wäre, es zu bestellen. Hinten sitzt die Rommé-Runde im Pfeifenrauch. An der Theke zeigt der Casanova alte Fotos von sich, das Haar darauf noch schwarz und lockig. Und Ede schiebt schon wieder einen Zwanziger seiner Rente in den Spielautomaten. Reden wir also über das Ostend. „Das hier ist die Zentrale“, sagt einer, der sich hinter der Theke gerade selbst seinen Kaffee macht. Moni winkt ab. „Wir sind die Einzigen, die übrig geblieben sind.“

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ist es tatsächlich so schlimm? Kein Stadtteil steht gerade so unter Beobachtung wie das Ostend, kurz vor der offiziellen Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Projektentwickler nennen das Viertel breitbeinig „Eastside“, die Stammgäste in der „Kutscherklause“ finden, hier müsse gar nichts entwickelt werden, aber am Ende stellen sie sich doch alle dieselben Fragen. Wie hoch steigen die Mieten? Müssen alle Arbeiter ausziehen? Wann ist die letzte Schmuddelecke weggentrifiziert? Und: Essen die Zentralbanker in der „Kutscherklause“ mittags das Schnitzel mit Kraut für 7,50 Euro?

          Antwort auf die letzte Frage: Ja, schon. Aber dazu später mehr. Wir fangen anderswo an, an einem Ort, an dem Mädchen mit kurzen Röcken und freien Rücken Selfies machen, amüsiert die Köpfe über dem Ergebnis zusammenstecken und mit dem Prozedere von vorn beginnen. Ein endloses Ringel-Ringel-Reihe-Spiel, knipsen, freuen, wiederholen.

          Natürlich steigen die Mieten

          Freitagabend im „Jesse James“, die neue und einzige Szenebar am Ostbahnhof, ein Ort, der „anders, neu und wild“ ist, wenn der Besitzer recht hat. Das „Jesse James“ gibt es seit gut einem Monat, und nichts passt besser neben den Neubau der Zentralbank. Namensgeber ist ein Bankräuber, die Location ist eine ehemalige Bankfiliale, und die Whisky-Flaschen stehen in den Original-Tresoren. Die, die an den quadratischen Tischen an ihren E-Zigaretten ziehen, sehen aus, als hätten sie sich vor Betreten des Ladens den Vollbart gebürstet. Es sind Leute, wie sie nach der Aussage von „Jesse James“-Macher Jonatan Beruk zuletzt vermehrt ins Ostend gezogen sind: junge Oberhemdenträger auf der Suche nach Zerstreuung.

          Neues Ostend: Jonathan Beruk (links) mit seinem Geschäftspartner in seinem Restaurant „Jesse James“ an der Hanauer Landstraße.

          Beruk wohnt selbst seit sieben Jahren im Ostend. Er sagt, er hoffe wie alle Geschäftsleute darauf, von der Veränderung im Viertel zu profitieren. Er macht eine Pause. Die Mieten steigen jetzt natürlich, sagt er. „Das ist nicht fair den Leuten gegenüber, die schon immer hier gewohnt haben.“ Solche Sätze sind zum Reflex geworden. Jeder hört sie, jeder sagt sie, jeder schränkt sie ein. „Das Schöne an den Veränderungen ist, dass man jetzt nicht mehr unbedingt raus muss aus dem Ostend, wenn man etwas erleben will.“ So klingt das bei Beruk.

          Autohäuser, Wettstuben und Arbeiterstrich

          Das Ostend steckt zwischen Angst und Aufbruch, wobei der Aufbruch der Angst gerade davonrennt. Das „Jesse James“ ist ein gutes Beispiel dafür. Kann gut sein, dass das Ostend gerade gentrifiziert wird, aber es lässt die erste Phase aus. Ehe die Künstler und Kreativen überhaupt Fuß fassen konnten, sind schon die Besserverdiener da. Die Hippness wird hier künstlich geschaffen, und das könnte auf Dauer sehr langweilig werden.

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