http://www.faz.net/-gzg-7615m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.01.2013, 23:23 Uhr

Das Comeback von G9 Zurück in eine ungewisse Zukunft

Als ob die Schulwahl nicht schon schwer genug gewesen wäre: Nun müssen die Eltern auch noch zwischen G8 und G9 entscheiden. Eine Neuerung mit schwer abschätzbaren Folgen.

von , Frankfurt
© Seuffert, Felix Schwamm drüber: Das mit dem „Turbo-Abi“ war wohl doch nicht so ernst gemeint.

Es war doch so gut gemeint. Als Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Juni vergangenen Jahres ankündigte, den Gymnasien die Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit zu erlauben, wollte er damit die freie Schulwahl der Eltern stärken. Das sagte er jedenfalls. Die Opposition war eher der Ansicht, die schwarz-gelbe Regierung wolle rechtzeitig vor den Landtagswahlen die leidige Debatte um die missratene G8-Reform beenden. Wenn das tatsächlich die Absicht war, dann ist der Erfolg noch nicht eingetreten. Im Gegenteil: Die Schulen, die zu G9 zurückkehren, ächzen unter der abermaligen Umstellung, und solche, die bei G8 bleiben, sehen sich dem Unwillen der Eltern ausgesetzt.

Matthias Trautsch Folgen:

Und das sind nicht die einzigen Verwerfungen, die die Abkehr vom „Turbo-Abi“ mit sich bringt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die von vielen Eltern erhobene Forderung nach „mehr Zeit zum Lernen“ nur für die neuen Jahrgänge erfüllt wird. An der Bettinaschule zum Beispiel, die zum nächsten Schuljahr zu G9 wechseln will, stellen Eltern die Frage, warum die jetzigen fünften und sechsten Klassen nicht auch davon profitieren können. Mit diesem Anliegen sind sie nicht allein: Diese Woche endete die Zeichnungsfrist einer hessenweiten Online-Petition der Elterninitiative „G9-Wahl.de“. Mehr als 22 500 Unterzeichner hatten gefordert, dass die Wechsel-Option auch für bestehende Gymnasialklassen gelten soll.

Wie verlässlich ist diese Kultuspolitik?

So weit geht das Laissez-faire der Landesregierung dann aber doch nicht: Sie verweist auf den Vertrauensschutz für jene Eltern, die sich für G8 entschieden haben, als die schulpolitische Kehrtwende noch nicht absehbar war. Mit dieser Argumentation stellt sich Schwarz-Gelb freilich selbst kein gutes Zeugnis aus: Wie verlässlich ist eine Kultuspolitik, die vor kaum zehn Jahren das „Turbo-Abitur“ einführte, gegen alle Widerstände durchsetzte und es nun innerhalb kürzester Zeit zu einer Option unter vielen erklärt?

Kultusministerin Nicola Beer (FDP) will der Geschichte eine andere Wendung geben: Die Wahlfreiheit sei keineswegs ein Eingeständnis, dass die Reform gescheitert sei und man reumütig zurückkehre, sondern ein Schritt in die Zukunft, sagt sie. Es sei erklärtes Ziel ihrer Partei, den Schulen mehr Selbständigkeit zu gewähren, und dies passiere nun eben auch in der umstrittenen G-Frage.

Etikett „G9“ und „Abitur light“

Einige Gymnasien begreifen die Schulzeitverlängerung tatsächlich als Chance, sich ein besonderes Profil zu geben. Die Vorstellungen über die Rolle, die dabei das Etikett „G9“ spielen soll, gehen allerdings auseinander. An der Schillerschule in Sachsenhausen wird die Entscheidung für die längere Schulzeit als Abkehr vom „Abitur light“ verstanden. Das zusätzliche Jahr soll dazu dienen, intensiver und umfassender zu lernen. Das Kollegium der Schule wie auch die bildungsbürgerliche Elternschaft verbinden mit G9 ein klassisches Bildungsideal. Auch das Kollegium der Ziehenschule begründete die Abwendung von G8 damit, dass die Schulzeitverkürzung zu einer „Verschlankung der Bildungsinhalte“ geführt habe. Mit der zum nächsten Schuljahr geplanten Wiedereinführung von G9 hätten die Schüler außerdem wieder mehr Zeit, sich in Vereinen, kulturell oder sozial zu engagieren und ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vom Schulrat entlassen Lehrerinnen führen Schüler durch geschlossene Bahnschranken

Beim Ausflug einer Wiener Grundschule werden mehr als 80 Kinder durch geschlossene Bahnschranken gelotst. Drei Lehrerinnen verlieren deswegen ihren Job. Zurecht? Die Diskussion ist immens. Mehr Von Stephan Löwenstein, Wien

27.07.2016, 22:11 Uhr | Gesellschaft
Nach Putschversuch in Türkei Erdogan greift nach der absoluten Macht

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bringt die türkische Gesellschaft immer mehr unter seine Kontrolle. Er ordnete per Dekret die Schließung von Schulen, Universitäten, Stiftungen und Gewerkschaften an. Über 1000 Wohltätigkeitsorganisationen, Gewerkschaften und Stiftungen wurden aufgelöst. Zuvor waren rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert oder festgenommen worden. Mehr

24.07.2016, 17:37 Uhr | Politik
Amokläufe Der Massenmörder, mein Vorbild

Kriminologen warnen, dass Berichte über Amokläufer Nachahmungstätern als Vorlage dienen können – und tatsächlich finden sich bei Winnenden, Utøya und München Gemeinsamkeiten. Mehr Von Rüdiger Soldt

24.07.2016, 21:31 Uhr | Politik
Fahrbericht Toyota Prius

Der Toyota Prius ist Vorreiter einer ganzen Generation Autos. Als Hybrid-Pionier führte der Prius lange die Spitze dieser Gruppe an. Doch die anderen Autobauer haben aufgeholt. Kann die vierte Generation Prius da noch mithalten? Mehr

25.07.2016, 14:22 Uhr | Technik-Motor
Teilnehmer an Start Plus Ausbildung light als zweite Chance

Schüler, die keinen Ausbildungsplatz finden, müssen nicht in der Arbeitslosigkeit landen. Das Programm Start plus zum Beispiel gibt ihnen neue Chancen. Zwei Beispiele aus Frankfurt-Höchst. Mehr Von Olga Scheer

26.07.2016, 17:40 Uhr | Rhein-Main

Schluss um Mitternacht

Von Helmut Schwan

Flughafenbetreiber Fraport fordert mehr Flexibilität bei der Handhabung des Nachtflugverbots. Minister Al-Wazir verspürt aber keine Lust, sich auf diesem Feld Ärger einzuhandeln. Mehr 4

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen