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Das Comeback von G9 Zurück in eine ungewisse Zukunft

 ·  Als ob die Schulwahl nicht schon schwer genug gewesen wäre: Nun müssen die Eltern auch noch zwischen G8 und G9 entscheiden. Eine Neuerung mit schwer abschätzbaren Folgen.

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Es war doch so gut gemeint. Als Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Juni vergangenen Jahres ankündigte, den Gymnasien die Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit zu erlauben, wollte er damit die freie Schulwahl der Eltern stärken. Das sagte er jedenfalls. Die Opposition war eher der Ansicht, die schwarz-gelbe Regierung wolle rechtzeitig vor den Landtagswahlen die leidige Debatte um die missratene G8-Reform beenden. Wenn das tatsächlich die Absicht war, dann ist der Erfolg noch nicht eingetreten. Im Gegenteil: Die Schulen, die zu G9 zurückkehren, ächzen unter der abermaligen Umstellung, und solche, die bei G8 bleiben, sehen sich dem Unwillen der Eltern ausgesetzt.

Und das sind nicht die einzigen Verwerfungen, die die Abkehr vom „Turbo-Abi“ mit sich bringt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die von vielen Eltern erhobene Forderung nach „mehr Zeit zum Lernen“ nur für die neuen Jahrgänge erfüllt wird. An der Bettinaschule zum Beispiel, die zum nächsten Schuljahr zu G9 wechseln will, stellen Eltern die Frage, warum die jetzigen fünften und sechsten Klassen nicht auch davon profitieren können. Mit diesem Anliegen sind sie nicht allein: Diese Woche endete die Zeichnungsfrist einer hessenweiten Online-Petition der Elterninitiative „G9-Wahl.de“. Mehr als 22 500 Unterzeichner hatten gefordert, dass die Wechsel-Option auch für bestehende Gymnasialklassen gelten soll.

Wie verlässlich ist diese Kultuspolitik?

So weit geht das Laissez-faire der Landesregierung dann aber doch nicht: Sie verweist auf den Vertrauensschutz für jene Eltern, die sich für G8 entschieden haben, als die schulpolitische Kehrtwende noch nicht absehbar war. Mit dieser Argumentation stellt sich Schwarz-Gelb freilich selbst kein gutes Zeugnis aus: Wie verlässlich ist eine Kultuspolitik, die vor kaum zehn Jahren das „Turbo-Abitur“ einführte, gegen alle Widerstände durchsetzte und es nun innerhalb kürzester Zeit zu einer Option unter vielen erklärt?

Kultusministerin Nicola Beer (FDP) will der Geschichte eine andere Wendung geben: Die Wahlfreiheit sei keineswegs ein Eingeständnis, dass die Reform gescheitert sei und man reumütig zurückkehre, sondern ein Schritt in die Zukunft, sagt sie. Es sei erklärtes Ziel ihrer Partei, den Schulen mehr Selbständigkeit zu gewähren, und dies passiere nun eben auch in der umstrittenen G-Frage.

Etikett „G9“ und „Abitur light“

Einige Gymnasien begreifen die Schulzeitverlängerung tatsächlich als Chance, sich ein besonderes Profil zu geben. Die Vorstellungen über die Rolle, die dabei das Etikett „G9“ spielen soll, gehen allerdings auseinander. An der Schillerschule in Sachsenhausen wird die Entscheidung für die längere Schulzeit als Abkehr vom „Abitur light“ verstanden. Das zusätzliche Jahr soll dazu dienen, intensiver und umfassender zu lernen. Das Kollegium der Schule wie auch die bildungsbürgerliche Elternschaft verbinden mit G9 ein klassisches Bildungsideal. Auch das Kollegium der Ziehenschule begründete die Abwendung von G8 damit, dass die Schulzeitverkürzung zu einer „Verschlankung der Bildungsinhalte“ geführt habe. Mit der zum nächsten Schuljahr geplanten Wiedereinführung von G9 hätten die Schüler außerdem wieder mehr Zeit, sich in Vereinen, kulturell oder sozial zu engagieren und ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Wechselwillig ist auch die Helene-Lange-Schule, allerdings ist dort die Motivation etwas anders gelagert. Das Mittelstufengymnasium in Höchst hat einen sehr hohen Anteil von Kindern aus bildungsfernen Familien. Sie sollen durch die längere Schulzeit die Möglichkeit bekommen, zum Beispiel sprachliche Defizite auszugleichen. Ein solcher Nachholbedarf dürfte bei den Schülern der beiden humanistischen Gymnasien nur in Ausnahmefällen bestehen. Und doch wird auch am Lessing- und am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium über eine Renaissance von G9 diskutiert.

Gemischte Gefühle bei den Gesamtschulen

Oft wird dabei die Ansicht laut, durch das Nebeneinander von G8- und G9-Schulen entstehe ein Zwei-Klassen-Abitur. Das könnte durchaus sein - die Frage ist nur, welches dann die erste und welches die zweite Klasse ist. Werden sich die schwächeren Schüler für G9 entscheiden, weil sie die Anforderungen von G8 scheuen, oder werden die besonders bildungsaffinen Elternhäuser im neunjährigen das „klassische Gymnasium“ wiederentdecken? Das wird sich wohl erst im Laufe der Zeit herausstellen und hängt maßgeblich davon ab, welche Schulen sich zur Umstellung entschließen und mit welchen pädagogischen Konzepten sie dies tun.

Mit gemischten Gefühlen müssen die Gesamtschulen die Entwicklung verfolgen. Die kooperativen Gesamtschulen können in ihrem Gymnasialzweig schon seit 2008 zu G9 zurückkehren. Die Otto-Hahn-Schule machte 2011 von dieser Option Gebrauch, unter anderem in der Hoffnung, damit leistungsstarke Schüler zu gewinnen, deren Eltern G8 ablehnen. Dieses Alleinstellungsmerkmal des neunjährigen Gymnasialzweigs büßt die Nieder-Eschbacher Schule nunmehr ein.

Rund 90 Prozent der Eltern lehnen G8 ab

Auch die integrierten Gesamtschulen haben vom Verdruss über das „Turbo-Abi“ profitiert. Viele Kinder mit Gymnasial-Empfehlung wurden in den vergangenen Jahren auf eine IGS geschickt, um dort mehr Zeit zum Lernen zu haben - unter Wahrung der Option, nach Abschluss der Mittelstufe auf ein Oberstufengymnasium zu wechseln.

Solche Bildungswege, die ebenfalls zum Abitur führen, könnten unter dem Comeback von G9 leiden. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass ohnehin beliebte Gymnasien nach der Umstellung noch stärker frequentiert werden. Im Herbst hatte eine Emnid-Umfrage ergeben, dass rund 90 Prozent der hessischen Eltern G8 ablehnen. Wenn dies im Umkehrschluss bedeutet, dass sie ihre Kinder nun auf G9-Schulen schicken, dann können sich diese auf einen Ansturm gefasst machen.

Die Wöhlerschule zum Beispiel musste schon bisher Jahr für Jahr Hunderte Bewerber wegen fehlender Plätze ablehnen. Wenn sie nun wie geplant übernächstes Schuljahr zu G9 zurückkehrt, wird der Nachfragedruck noch zunehmen. Hinzu kommt, dass wegen der Gymnasialzeitverlängerung mittelfristig ein zusätzlicher Schüler-Jahrgang untergebracht werden muss. Die Direktoren, die Kinder dann gegen den Willen ihrer Eltern an eine G8-Schule verweisen müssen, sind nicht zu beneiden.

Mit der Debatte um G8 und G9 beschäftigt sich am Donnerstag, 21. Februar, eine Podiumsdiskussion, zu der das Kuratorium Kulturelles Frankfurt einlädt. Beginn ist um 19 Uhr im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse, Neue Mainzer Straße 49.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1972, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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