Mit einer Tradition von mehr als 400 Jahren zählt der Botanische Garten in Gießen zu den ältesten Lehr- und Ziergärten in Deutschland, der aber auch dem Wandel unterworfen ist. So entwickelten Botaniker der Gießener Universität ein neues Konzept für die Anlage. Dabei ging es darum, mehr als bislang die Entstehungsgeschichte und Weiterentwicklung des Lebens auf der Erde darzustellen. Forschung und Lehre zu Biodiversität und das Veranschaulichen verschiedener Mechanismen von Anpassung und Änderung an sich wandelnde Umweltbedingungen sind Leitbilder für den neuen Schwerpunkt im Botanischen Garten der Justus-Liebig-Universität.
Im Mittelpunkt steht dabei der Darwinpfad. Dieser ungewöhnliche Rundweg ist jetzt als „ausgewählter Ort 2012“ beim bundesweitern Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet worden. Bei diesem Wettbewerb mit mehr als 2000 Bewerbungen handelt es sich um ein Projekt der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, die sich zum Ziel gesetzt hat, Innovationen auf vielen Gebieten in Deutschland zu fördern und vorzustellen.
Anlass für den Bau des „Evolutionsdenkgartens“ gab das Darwin-Jahr, das 2009 dem Wirken des englischen Naturforschers gewidmet war. Zudem zählte Gießen im 19. Jahrhundert zu den Orten, wo die Debatte um Evolution und Schöpfung besonders intensiv geführt wurde. Dazu beigetragen hatte vor allem der Gießener Zoologe Carl Vogt, der seinerzeit mit seinen auch außerhalb von wissenschaftlichen Zirkeln in Schriften die Abstammung des Menschen vom Affen propagierte und damit einer der Wegbereiter für die Lehre von der Transformation der Typen wurde.
Beim Gießener Darwinpfad, den Volker Wissenmann, wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens, gemeinsam mit dem Technischer Leiter des Gartens, Holger Laake, entworfen hat, handelt es sich um eine Art Labyrinth, einen verschlungenen, von mehreren Meter hohen Bambuspflanzen gesäumten sandigen Weg, der den Besucher zu Stationen führt, an denen er mit Theorien zu Entwicklung und Ursprung des Lebens konfrontiert wird. Die Bepflanzung des Weges mit Bambus wurde gewählt, weil sich an dieser Spezies die von Darwin propagierte natürliche Auslese besonders gut erklären lässt. In Anlehnung an Darwins Sand Path im britischen Down House, auf der Darwin während vieler Wanderungen an seinen Ideen feilte, bekommen Besucher nicht nur Informationen über Weltanschauungen und wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie sollen auf dem Pfad auch animiert werden, selbst Antworten auf Existenzfragen zu finden. Anregungen geben sogenannte Sammelpunkte, die historisch aneinander anknüpfen.
Einer der vielfältigsten Lehrgärten
An diesen mit Bänken gestalteten Stationen befinden sich Tafeln mit Fragen und Erklärungen sowie Büsten von Vertretern verschiedener Theorien zur Erklärung des Lebens und seiner Entwicklung. Dabei geht es um philosophische Grundlagen aus dem Altertum ebenso wie um Glaubenslehren verschiedener Epochen und naturwissenschaftliche Theorien. So stehen beispielsweise die Büsten des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné und des Göttinger Universalgelehrten Albrecht von Haller für die Diskussion um Schöpfung und Entwicklungsfähigkeit von Organismen, die im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Entdeckung immer neuer Arten besonders lebhaft geführt wurde. Vorgestellt wird unter anderem auch, dass im 19. Jahrhundert Anschauungen diskutiert wurden, die sich an Darwin anlehnten, aber vor allem darauf fixiert waren, das Auftreten neuer Tier- und Pflanzenformen durch das Aussterben anderer zu erklären, also die Wandlungsfähigkeit weniger berücksichtigten. Dazu gehörte der Gießener Zoologe Carl Vogt, der daraus auch eine Art Evolutionstheorie für den Zusammenhang von politischen und gesellschaftlichen Ereignissen von 1848 entwickelte. Am Ende des Weges geht es um Darwin und seine Antworten auf die Entstehung des Lebens und der Veränderungen von Organismen und Raum und Zeit.
Der Darwinpfad hat seinen Platz inmitten des 1609, von Landgraf Ludwig V. vor den Toren des Alten Schlosses gegründeten Gartens. Das Refugium für Pflanzen und allen Kontinenten am Rande der Gießener Innenstadt zählt trotz einer vergleichweise kleinen Fläche von knapp vier Hektar mit rund 7500 Arten zu den vielfältigsten Lehrgärten. Zunächst als Heilpflanzengarten für die medizinische Fakultät angelegt, wuchsen die Bestände im Laufe der Jahrhunderte um ein Vielfaches, vor allem seit die Botanik an Bedeutung im Wissenschaftsbetrieb mehr und mehr Bedeutung gewann. Um 1800 wurde der Forstgarten in die Anlage integriert, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein umfassender Wandel, mit neuen Beeten für Pflanzengemeinschaften auch aus exotischen Regionen und dem Bau eines Tropenhauses. Neue Forschungsschwerpunkte erforderten in den zurückliegenden Jahrzehnten die Erweiterung etwa um Bestände von Nutzpflanzen aus verschiedenen Gegenden der Welt und den Aufbau einer Abteilung mit bestandgefährdeten Gewächsen. Hinzugekommen ist zuletzt ein Duft- und Tastgarten, dessen Zusammenstellung von Beeten und Rabatten vor allem den Bedürfnissen von Blinden und Sehbehinderten Rechnung trägt. Seit Stadt und Universität eine Nutzungsvereinbarung trafen, hat sich das Pflanzenparadies auch zu einem beliebten Ziel für Erholungssuchende und Laienbotaniker entwickelt.