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Daniel Cohen : Kammermusikalischer Ansatz

Debüt in Darmstadt: Der neue Generalmusikdirektor Daniel Cohen Bild: Benjamin Ealovega 2013

Darmstadts neuer Generalmusikdirektor Daniel Cohen leitet ein Orchester nicht von oben herab. Das Antrittskonzert nährt große Hoffnungen.

          Das kleine, eher inoffizielle und kurzfristig angesetzte Antrittskonzert, das Daniel Cohen am Mittwoch im Foyer des Staatstheaters Darmstadt vor Mitarbeitern und Freunden des Hauses gegeben hat, nährt große Hoffnungen. Nachdem für den vormaligen Generalmusikdirektor Will Humburg im ersten Auswahlverfahren kein geeigneter Nachfolger gefunden worden war, konnte nun mit dem erst 34 Jahre alten Israeli die Stelle so blitzschnell besetzt werden, dass in der gerade begonnenen Saison noch zwei Opernproduktionen und drei Sinfoniekonzerte in die Hände des neuen musikalischen Leiters des Staatsorchesters gelegt werden konnten: Bei den Premieren von Verdis „Maskenball“ am 8. Dezember und von Dvořáks „Rusalka“ am 23. März 2019 wird Cohen schon am Pult stehen. Sein offizielles Antrittskonzert gibt er am 18. November. In Änderung des ursprünglich noch ohne Nennung eines Dirigenten angekündigten Programms wird er die Sinfonie Nr. 36 C-Dur KV 425 („Linzer“) von Mozart, die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 69 von Brahms und Luigi Nonos 1950 in Darmstadt uraufgeführte Variationen über ein Thema von Schönberg leiten.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Neuen Musik sieht sich Cohen gerade in Darmstadt, wo diese in den Ferienkursen „nach dem Krieg geboren“ worden sei, besonders verpflichtet, wie er nach dem Konzert sagte. Doch strebe er auf Basis eines „Grundrepertoires“ von Mozart bis Mahler eine Mischung von Älterem und Neuerem an. Voll des Lobes zeigte er sich für den aktuellen Spielplan des Hauses, in dem viele thematische und musikhistorische Linien erkennbar seien. Dass jüngst die Premiere der großen Oper „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen auf den Tag des traditionell im Kreis der Familie begangenen jüdischen Neujahrsfestes gefallen sei, deutete er symbolisch: „Ich habe mich sehr gefreut, hier in Darmstadt mit meiner neuen Familie zu sein“, sagte er an das Orchester und die Besucher gewandt. Der strahlende Intendant Karsten Wiegand hob hervor, dass Cohen, der im Juni ohne Probenzeit die Leitung von Mozarts „Così fan tutte“ übernommen hatte, mit breiter Zustimmung gewählt worden sei.

          „natural born conductor“

          Zuletzt war Cohen seit 2015 Kapellmeister an der Staatsoper Berlin, wo Wiegand in einer Vorstellung von ihm begeistert war. Bei den Probedirigaten der Kandidaten habe er ihn dann als „natural born conductor“ erlebt, sagte der Intendant. Er stehe für einen kammermusikalischen Ansatz, wie ihn Claudio Abbado gepflegt habe, und leite ein Orchester nicht von oben herab. Bezeichnenderweise stellte sich Cohen gleich zum Auftakt mit einem komplexen Kammermusikwerk vor, in dem er nur mit dezenten Fingerzeigen das Miteinander beförderte: mit dem 1986 vollendeten Sextett „Dérive 1“ von Pierre Boulez, dessen Assistent er noch war. Es folgte eine überaus frische, knackige, von der historischen Aufführungspraxis beeinflusste Interpretation der im November noch einmal zu hörenden „Linzer Sinfonie“ von Mozart.

          Geboren wurde Daniel Cohen 1984 im israelischen Netanya – „in keine musikalische Familie, das sind alles ganz normale und gute Leute“, wie er schmunzelnd sagte. Er begann gleichwohl früh mit dem Klavier- und später mit sechs Jahren mit dem Violinspiel. Er kam mit 14 Jahren an die Akademie in Tel Aviv, wo er auch Komposition studierte. In dem von Daniel Barenboim gegründeten West-Eastern Divan Orchestra spielte er zehn Jahre lang als Violinist und wurde dann Assistent des Dirigenten, den er seinen Mentor nennt. Nach weiteren Studien an der Royal Academy of Music in London folgten die Assistenzen bei Boulez und Gustavo Dudamel beim Los Angeles Philharmonic Orchestra. Cohens Vertrag läuft über fünf Spielzeiten bis 2023.

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