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Daniel Kehlmann in Frankfurt : Gespenster

Dozent der Poetik: Schriftsteller Daniel Kehlmann in der Frankfurter Universität Bild: Röth, Frank

Daniel Kehlmann ist in seiner Frankfurter Poetikvorlesung durch die deutsche Vergangenheit gestreift. Es war die erste von insgesamt fünf Vorlesungen, die er an der Universität halten wird.

          Neun Minuten Peter Alexander reichen, um Günter Grass dankbar zu sein. So formuliert Daniel Kehlmann es in der ersten von insgesamt fünf Frankfurter Poetikvorlesungen, die er in den nächsten Wochen an der Frankfurter Goethe-Universität hält, jeweils dienstags von 18 Uhr an. Mit amerikanischen Freunden, berichtet der Schriftsteller, habe er kurz zuvor über die Neigung der deutschen Literatur zum Politisieren und Moralisieren diskutiert. Dann sei er auf den Einfall gekommen, ihnen einen Ausschnitt aus „Peter schießt den Vogel ab“ zu zeigen, von Alexander im Jahr 1959 gedreht. Es ist das Jahr, in dem Grass „Die Blechtrommel“ veröffentlicht und Alexander zwei weitere Filme fertigstellt, „Konfektionsblödsinn“, wie Kehlmann es nennt. So empfinden das auch seine bis dahin selig ahnungslosen Freunde aus Übersee: „Und das haben Leute gesehen?“

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von sich selbst spricht Kehlmann an diesem Abend nicht. Und tut es, indem er immer wieder auf Ingeborg Bachmann zurückkommt, dann doch. Mit ihr beginnt, ebenfalls 1959, die Reihe der Frankfurter Poetikdozenten, an die Kehlmann in dem Jahr, in dem die Hochschule hundert Jahre alt wird, erinnert. Vor neun Jahren hat der Schriftsteller, den Universitätspräsident Werner Müller-Esterl als meistübersetzten deutschsprachigen Autor der Gegenwart begrüßt, in „Die Vermessung der Welt“ Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß durch ihre Zeit stapfen lassen, den einen im Dschungel Südamerikas, den anderen im Reich der Mathematik. Nun schickt Kehlmann ein weiteres schräges Paar auf die Reise durch einen seiner Texte, zeigt Bachmann und Alexander im von Verbrechen und Verdrängung gezeichneten Nachkriegsdeutschland, die eine auf künstlerischer Entdeckungsreise, den anderen beim lustigen Übertünchen der Vergangenheit.

          „Nichts muss sein, wie es ist“

          Schaue man sich die Filme des Entertainers genauer an, öffne sich eine „Geisterwelt der Schatten und Echos“, in der mühsam Ausgesperrtes unwillkürlich sichtbar werde: „Erst nach dem Krieg starrt einen im deutschen Film die Fratze des Wahnsinns an.“ Eine „giftige, alles durchdringende Falschheit“ sei den Gesten Alexanders eigen, der durch seine Filme hetze, „als könne er für ein ganzes Land die Leichtigkeit zurückgewinnen, die es nie mehr erreichen wird“. Bachmann hingegen, die sich in ihren Werken dem Schrecken der Vergangenheit stellt, erringt für ihn genau das, wonach Alexander, der vor der Vergangenheit stellvertretend für seine Zuschauer ins Lustige flieht, vergeblich sucht.

          Über die Geister der Vergangenheit: Daniel Kehlmann spricht in Frankfurt.
          Über die Geister der Vergangenheit: Daniel Kehlmann spricht in Frankfurt. : Bild: Röth, Frank

          Und damit ist Kehlmann bei sich selbst. Denn die „Phantasiegeographie der Dinge“, denen Bachmann nachspürt, das „Paralleluniversum der Sprache und Leichtigkeit“, das sie errichtet, das sind künstlerische Strategien, die auch ihm am Herzen liegen, der kurze Dreh, die leichte Veränderung, die aus einem wirklichkeitssatten Stoff ein feingearbeitetes Kunstwerk machen: „Nichts muss sein, wie es ist.“ Als Überraschung für Kehlmann werden ihm nach dem Ende seiner Vorlesung die Originalmagnete präsentiert, mit denen Gauß auf Bitten Humboldts die Stärke des Erdmagnetfelds maß. Es gibt ein paar Spuren der Vergangenheit, die nicht gespenstisch sind.

          Quelle: F.A.Z.

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