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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

Sind so kleine Füße: Mutter, die um das Sorgerecht für ihre drei Kinder kämpft, mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn sowie einem Hund Bild: Franziska Gilli

Kinder brauchen Klarheit, sagt das Jugendamt. Im Fall von Ashley, Vivian und Jeremy ist das gründlich schiefgegangen. Sie leben nun schon zum zweiten Mal in staatlicher Obhut. Doch geht es ihnen dort besser?

          Ashley hat die besten Ideen für das Foto. Für Bilder hat die Vierzehnjährige einen Sinn. Und für Kommandos. „Alle mal herhören“, sagt sie, und selbst Vivian lässt sich auf ihre Anweisungen ein. Am Ende steht die Familie zusammen, hält sich an den Händen, so wie Ashley sich das vorgestellt hat. Die Fotografin drückt auf den Auslöser. Ashley ist zufrieden.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Es ist einer der letzten Spätsommertage, die Wiese hinter dem Haus ist feucht, Jeremy, der Jüngste, trägt seine Gummistiefel. Es ist fürs Erste einer der letzten gemeinsamen Tage für Andrea Schneider und ihre Kinder. Das Jugendamt verliert danach keine Zeit mehr. Innerhalb weniger Wochen müssen die drei umziehen. Ashley lebt nun im Odenwald, Vivian in der Nähe von Mainz. Als schließlich Jeremy ins Kinderheim nach Rödelheim muss, geht ein Kapitel Familiengeschichte zu Ende, das Jugendamt, Familienhelfer und Gerichte jahrelang beschäftigt hat. Es ist das zweite Mal, dass die Kinder von ihrer Mutter getrennt werden.

          Darum kennt Andrea Schneider das Gefühl, alleine in ihrer Wohnung zu sitzen und sich Woche für Woche auf den Weg zu ihren Kindern zu machen. Neu ist hingegen die Resignation. Ein paar Kilo hat die 37 Jahre alte Mutter in den vergangenen Monaten verloren. Die Wut ist gewichen, ihr vehementes „Hallo?!“ kommt ihr nicht mehr so leicht über die Lippen. Stattdessen hat sie ein gebrauchtes Taschentuch in der rechten Faust. Den Tränen ist sie praktisch ständig nahe, vor allem wenn sie von den Besuchen bei ihren Kindern erzählt. „Ich erkenne sie kaum noch wieder“, sagt sie.

          Sie macht wieder nachts ins Bett

          Vivian habe es schwer in ihrer Wohngruppe. Dort wohnten außer ihr nur Geschwisterkinder, sie sei die Einzige, die auf sich allein gestellt sei. Jeremy lebt wieder in Rödelheim, im einzigen Kinderheim, das die Stadt betreibt. Aus Ashley ist ein pubertierendes Mädchen geworden, das nur noch nach mehrmaliger Aufforderung ihre Aufgaben erledigt, wieder nachts ins Bett macht, beim Klauen erwischt wurde und nach Angaben seiner Mutter raucht. Geht es den drei Kindern in der Obhut des Staates also wirklich besser als in der Wohnung ihrer Mutter?

          Dass Ashley die richtige Bleibe gefunden hat, glauben selbst ihre Betreuer nicht. „Wir bezweifeln, dass Ashley bei uns gut aufgehoben ist“, schreiben sie in einem Zwischenbericht. Eine kleinere Wohngruppe könne ihr wohl besser gerecht werden. Es steht also zu erwarten, dass Ashley bald wieder umziehen wird. Nach Stabilität klingt das nicht und auch nicht nach dem, was Inge Büttner vom Frankfurter Jugendamt als wichtige Prämisse formuliert: „Kinder brauchen Klarheit.“

          Klarheit ist so ziemlich das Letzte, was jenen in den Sinn kommt, die Andrea Schneiders Kinder in den vergangenen Jahren begleitet haben. Ashley, die Kreative, Vivian, die Aufmüpfige, und Jeremy, der Neugierige, haben ein Hin und Her hinter sich, das niemand gewollt hat. Offenbar ist alles nach Recht und Gesetz verlaufen, doch ihre Geschichte hinterlässt die Frage, wann der Staat wirklich eingreifen muss, um Kindern zu helfen. Und vor allem, wie er das tun sollte.

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