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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Couchsurfing Der Fremde auf meinem Sofa

 ·  Tausende Frankfurter nutzen für ihre Reisen Online-Portale, die auf Gastfreundschaft statt Kommerz setzen. Denn gratis schlafen ist dabei Nebensache.

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Zuletzt hat sich Dennis Schep um elf Uhr morgens eingeloggt. In Berlin. In seinem Online-Profil ist außerdem zu erfahren, dass er gerne mit Socken schläft, in Argentinien gelebt und ein Buch geschrieben hat. Im realen Leben ist Schep gerade unterwegs nach Rödelheim. Dort wird er gleich Deniz Tavli treffen, mit der er sich über das Internet verabredet hat. Er kennt sie zwar nicht, aber er wird die nächsten drei Nächte auf ihrer Couch schlafen.

Die 26Jahre alte Rödelheimerin tippelt auf dem S-Bahnsteig auf und ab. Immer wieder streckt sie den Kopf, um zu sehen, ob Schep schon angekommen ist. Von den Fotos auf seinem Profil weiß sie, nach wem sie Ausschau halten muss. Am nächsten Tag wollen die beiden Philosophiestudenten zusammen auf eine Konferenz über den französischen Denker Jacques Derrida gehen.

Wie einen Bruder begrüßen

Die Frankfurterin Tavli und der Berliner Schep haben sich über das Netzwerk „Couch-Surfing“ kennengelernt, das mittlerweile fast vier Millionen Mitglieder weltweit hat. Das Prinzip des Portals, das im Internet seit 1999 unter www.couchsurfing.com in mittlerweile 32Sprachen zu erreichen ist, ist schnell erklärt: Mitglieder legen ein Profil an, auf dem sie Reisenden ihre Couch unentgeltlich zur Übernachtung anbieten. Diese können dann, wenn sie wie Schep auf der Suche nach einem Schlafplatz sind, eine „Couch-Anfrage“ stellen. Weil Tavli seine Anfrage angenommen hat, ist der gebürtige Niederländer nun auf dem Weg zu ihr.

Kurz bevor die Uhr am Bahnsteig 18 Uhr anzeigt, wuchtet Schep nach sieben Stunden Fahrt seine graue Stofftasche aus der S-Bahn. Mit seiner Größe von 1,90 Metern ist er in der Menschenmenge auf dem Bahnsteig leicht zu erkennen. Zwei Küsschen auf die Wange, ein Kniff in den Arm, dann lautes Geflachse in gleich vier Sprachen: Tavli begrüßt ihren Gast wie einen Bruder.

Die Couch ist schon vorbereitet

Die Rödelheimerin ist eines von mehr als 8500Mitgliedern bei „Couch-Surfing“, die ihren Wohnsitz in Frankfurt haben. Sie ist seit 2008 Mitglied und hat schon einige Erfahrung, sowohl im „Hosten“, wie das Anbieten der eigenen Couch heißt, als auch im „Surfen“ auf anderen Sofas. In Berlin, Maastricht und Südspanien ist sie so schon untergekommen. In Bordeaux hat sie mehrere Monate mit sieben Leuten aus sieben verschiedenen Ländern die Wohnung geteilt. Für sie ist Couch-Surfing längst zu einer Passion geworden: „Ich bin reisesüchtig. Überall dorthin zu reisen, wo ich hin will, und dabei auch noch tolle Persönlichkeiten kennenzulernen - das ist so cool und mehr wert als jedes Hotel.“

Doch die nächsten drei Tage ist sie nun erst einmal Gastgeberin. In ihrer Wohnung angekommen, stellt ihr Gast zunächst seine Tasche vor der Couch ab. Die ist mit Kissen und Bezug schon vorbereitet. Schep schaut sich um. An der Wand hängt ein Foto, das tiefblaues Meer zeigt, orientalische Teppiche zeugen von Tavlis vielen Reisen in die Türkei, wo auch ihre Eltern herkommen. Auf mehreren Porträts ist die mexikanische Malerin Frida Kahlo zu sehen. Und noch ehe sich Schep einen Überblick verschafft hat, bietet Tavli ihm ihr Doppelbett zum Tausch an. Der Gast solle sich schließlich wie zu Hause fühlen, sagt sie.

Frage des Vertrauens

Fremden die eigene Wohnung überlassen - wie fühlt sich das an? „Sicher“, sagt die junge Frankfurterin. Und auch ihr Berliner Gast fühlt sich „pudelwohl“. „Man kann das nur machen, wenn man Vertrauen hat“, meint Tavli, die ihrem Sofa-Gast später sogar einen Haustürschlüssel geben wird.

Vertrauen soll beim Couch-Surfing vor allem durch die Sicherheitseinstellungen auf der Internetseite hergestellt werden. Die hat die amerikanische Organisation, die hinter dem Projekt steckt, in den vergangenen Jahren immer wieder verschärft. Kernstück ist dabei ein Bewertungssystem, über das Besucher und Besuchte für alle Nutzer sichtbar beurteilt werden. Darüber hinaus gibt es das sogenannte Vouching-System, welches das Empfehlen vertrauenswürdiger Mitglieder ermöglicht. Dritter Baustein ist das Prüfen und Verifizieren der Identität und des Wohnortes. Diese Option ist jedoch freiwillig; sie schlägt in Deutschland mit 14,90 Euro zu Buche. Trotz all dieser Vorkehrungen sind allerdings auch schon Diebstähle nach Übernachtungen bekannt geworden. In einem Fall hat es 2009 in England auch eine Vergewaltigung gegeben.

Eine Couch in Sarajevo

Deniz Tavli vertraut nicht allein auf die Sicherheitseinstellungen. Bevor sie mit jemandem die Couch tauscht, schaut sie sich dessen Profil genau an. Dann schreibt sie dem potentiellen Mitbewohner eine Nachricht über das Kontaktmenü. Manchmal trifft sie sich sogar vorher mit dem Gast oder Gastgeber. Bei Schep hatte sie von vornherein ein gutes Gefühl. Unter anderem, weil er sich auf seinem Profil so umfassend präsentiert - wie die Sache mit den Socken zeigt. Eine genaue Selbstbeschreibung und ein reges Interesse am Gegenüber seien Indizien dafür, dass es dem Mitglied nicht nur um einen kostenlosen Schlafplatz gehe, glaubt sie. „Mir geht es auch um gute Gespräche. Ich will die Person, bei der ich wohne, kennenlernen und ihre Geschichten hören“, sagt Schep.

Für manche Nutzer ist Couch-Surfing deshalb zum dauerhaften Ersatz zum Reisen in der Gruppe oder als Pauschaltourist geworden. Und dass Gastfreundschaftsnetzwerke ein Erfolgsmodell sind, verdeutlichen auch die Zahlen, die auf der „Couch-Surfing“-Homepage veröffentlicht werden: Im März haben sich allein auf diesem Portal jede Woche bis zu 25600 neue Mitglieder registriert. Andere Netzwerke wie hospitalityclub.org, tripping.de oder bewelcome.org verzeichnen ähnliche Zuwächse. In Frankfurt ist inzwischen eine regelrechte Gastfreundschaftsszene entstanden, etwa 6000Couch-Surfing-Mitglieder haben sich in einer eigenen Gruppe registriert. Sie ist Diskussionsforum, Veranstaltungskalender und eine Art Schwarzes Brett. Mitglieder bieten darin Mitfahrgelegenheiten an, organisieren Fahrradtouren oder helfen Neu-Frankfurtern, sich in der Stadt zurechtzufinden. Darüber hinaus wird einmal in der Woche zu einem Stammtisch geladen. Ins „Captain’s Inn“ in Rödelheim kamen zuletzt gut 30Mitglieder aus aller Herren Länder, darunter viele Frankfurter, die sich schon seit Jahren kennen, aber auch Auswärtige und Ausländer, die gerade erst in die Stadt gekommen waren. Manchmal kämen auch Reisende, die auf dem Flughafen gestrandet seien, berichtet Tavli. Die könnten mit etwas Glück noch für den selben Abend eine Couch finden.

In Rödelheim haben die beiden Studenten derweil zu Abend gegessen. Der erste gemeinsame Tag geht zu Ende - ebenso wie die Flasche spanischen Rotweins, bei der Tavli und Schep über ihre nächsten Reiseziele gesprochen haben. Die Frankfurterin will nächstes Jahr nach Sarajevo fliegen, wo sie schon eine Couch in Aussicht hat. Der Berliner hat es ein bisschen eiliger: In drei Tagen fliegt er von Frankfurt aus weiter nach Schanghai.

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