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Veröffentlicht: 21.04.2016, 20:50 Uhr

Comic-Zeichner Rautie Strichmännchen statt Superhelden

Auf die Geschichte kommt es an: Der Hanauer Comic-Zeichner Michael Rautenberg zeichnet einfach gehaltene Figuren. Und das mit Erfolg.

von Judith Brosel
© Rainer Wohlfahrt Farbgebung: Die skurrilen Strichmännchen haben auch den Weg in Michael Rautenbergs Gemälde gefunden.

„Stuss“: Damit möchte Michael Rautenberg im Mai auf der wichtigsten Comic-Messe Deutschlands in Erlangen glänzen. Ein kleines Comic-Magazin, für das er gut und gerne auch einmal eine ganze Nacht hindurch zeichnet. „Das kommt einfach aus mir heraus.“ Das Ergebnis wird schon des Stusses zweiter Teil sein. Der erste Band bietet abwechslungsreiche ein- und zweiseitige Comics in einem kleinen Heft, mal mit, mal ohne Sprache. Knallige Farben stechen schon beim Blättern ins Auge, und immer wieder sind die kleinen Geschichten für Lacher gut.

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Mit zehn Jahren wusste Michael Rautenberg ganz genau, was er einmal werden wollte: Comic-Zeichner. Nach dem Aufstehen habe er das seinen Eltern erzählt, richtig ernst genommen worden sei er noch nicht. Doch er verfolgte dieses Ziel, habe ständig gezeichnet. Er wollte Geschichten erzählen. Wollte die Freude, die er beim Lesen von Comics empfand, auch in eigenen Geschichten erleben. Wo immer es einen Buchladen gab, kaufte er die drei Comics, die es dort gab, suchte auf Flohmärkten, beschäftigte sich mit der Geschichte des Comics. „Ich war ein kleiner Nerd.“ Angefangen habe er dabei mit Asterix und Obelix und Tim und Struppi. „Ich bin Legastheniker, durch Comics bin ich überhaupt zum Lesen gekommen.“

Spitzname entstand beim Pogo-Tanzen

Rautenberg machte seinen Hauptschulabschluss, doch dann kam seinem großen Traum zunächst eine Lehre als Automechaniker in die Quere. Er habe Probleme gehabt, nach der Schule eine Lehrstelle zu finden. Die Lehre zum Automechaniker sei das Erste gewesen, was sich anbot. Doch das war nichts für ihn, mit Autos konnte Rautenberg nichts anfangen und mit den Kollegen kam er auch nicht gut zurecht. Er brach die Lehre nach einem Jahr ab. „Ich war mit meinem Kopf einfach woanders.“

Rautie - Der Comic-Zeichner Michael Rautenberg  spricht in seinem Atelier in  Hanau mit Judith Brosel. © Rainer Wohlfahrt Vergrößern Auch die Figuren der „Rappelrübe“ stammen von Rautenberg.

Durch Zufall bekam er die Möglichkeit, seine Mappe einer Werbeagentur zu zeigen. Die stellte ihn ein. Er begann dort eine Lehre zum Werbekaufmann. „Ich musste dafür den ganzen kaufmännischen Bereich lernen, durfte aber parallel zeichnen.“ Zeit zu experimentieren hatte er nicht - was er zeichnete, musste sich verkaufen. Computer gab es noch nicht, er skizzierte klassisch von Hand, Schriften wurden „gemalt“. Seinen Abschluss erhielt er nur mit dem Versprechen, niemals als Werbekaufmann zu arbeiten. Er versicherte seinen Prüfern, er wolle in Zukunft nur zeichnen. „Dann wurde ich mit einer vier geradeso durchgewunken.“ Rautenbergs Spitzname Rautie wurde zum Künstlernamen. „Entstanden ist der Name irgendwann in den Achtzigern - beim Pogo-Tanzen.“

Rautie ist heute 48 Jahre alt und hat Figuren geschaffen. Heinz und Pifie zum Beispiel, für deren Geschichte er 2000 auf der Messe Comic-Salon in Erlangen einen Preis erhielt. Die Geschichte des Männchens Heinz und seines Kumpans Pifie, einem mutierten Riesenwurm, spielt nach einem Atomkrieg - auf einer Reise zum Mond. „Wobei das nicht ganz klar wird. Das war auf mehrere Teile angelegt, ich habe aber nur den ersten gemacht.“ Rautenberg erzählt die Geschichte trotzdem fertig. Obwohl er sie nie zu Ende geführt hat - aus seinem Kopf gestrichen scheint sie nicht.

Punk-Musik habe seinen Comic-Stil geprägt

Doch Rautenberg kann auch weit weniger komplex. Bei Coco Fisch erzählt er in vielen kurzen Szenen von einem Goldfisch im Glas und seinem Besitzer - meist machen es sich die beiden nicht leicht. Oder die Geschichte des Strichmännchens mit Hut, Fitzgerald, die ganz ohne Texte auskommt. Und dann gibt es noch Familie Rappelrübe, eine nette Hasenfamilie mit ihren Geschichten aus dem Alltag. Die hat er, wie auch die Geschichte über den pubertierenden Jungen Willy, gemeinsam mit Raul C.O. Kauke, einem Freund aus alten Zeiten, entwickelt. Mit ihm habe er Nächte am Boden liegend verbracht, Rautie beim Zeichnen, Raul beim Texten der Geschichten. Diese Zeiten seien jedoch vorbei, heute tauschten sie sich telefonisch aus. Kennen gelernt hat Rautenberg Kauke während seines Zivildienstes. Er hatte nach seiner Lehre die Zeit, beim Zeichnen zu experimentieren. Der damals Achtzehnjährige gründete zusammen mit anderen das Hanauer Stadtmagazin „Banane“ mit einem kleinen Comic-Teil. Später entstand daraus das Magazin „Kix“.

Für „Kix“ scharte er eine bunte Gruppe aus Freunden, Künstlern und Musikbegeisterten um sich. „Das Magazin war erst einmal gegenläufig zu dem, was ich als Kind an Comics geliebt habe.“ Bei ihnen gab es Strichmännchen statt Superhelden. Er sei mit Anfang zwanzig in der Punk- und Rock-Szene unterwegs gewesen. Diese Musik habe die Gruppe versucht, mit Comics zu verbinden. Dadurch seien sie in der Szene aufgefallen. Auf Konzerten wurden Comics über die Bühne projiziert, oder den Heftchen lag eine Schallplatte bei. „Da ging das ganze Ersparte drauf, und wir haben erst mal richtig gefloppt.“ Doch sie hatten den Anspruch, etwas Neues zu machen. Durch die Punk-Musik sei Rautenberg zum Vegetarier geworden. Vor allem habe sie ihn aber in seinem Zeichenstil geprägt, er sei dadurch nicht in der „klassischen Comic-Ecke“ gelandet.

Hat gleich zwei Ateliers in Hanau

„Comic ist nicht das, was wirklich Geld bringt, aber das, was am meisten Spaß macht.“ Geld verdiene er daher hauptsächlich in der Werbebranche, das Zehnfache bekomme er dort für seine Arbeit. So entwickelt er hauptberuflich zum Beispiel Covers und Logos oder erstellt Trickfilme als Werbung für Unternehmen. Außerdem malt Rautenberg, seine Bilder füllen eigene Ausstellungen. Doch auch bei den Gemälden ist der Comic-Zeichner in ihm unverkennbar. „Ich könnte auch realistisch malen, aber so habe ich einen hohen Wiedererkennungswert.“

Die Arbeiten entstehen in seinen beiden Ateliers in Hanau. „Am liebsten arbeite ich nachts, da klingelt kein Telefon.“ Er ist in Hanau geboren, lebt dort mit seiner Frau und zwei Söhnen. Bei Workshops für Jugendliche gibt er seine Leidenschaft weiter. Das Erzählen stehe für ihn im Vordergrund, das versuche er zu vermitteln. „Ich möchte einen einfachen Stil fördern, zu einfachen Figuren und Strichmännchen motivieren.“

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