Ein Lastwagen, beladen mit Baumstämmen, biegt langsam von der B3 nach Schönstadt ab. Die Ladung ist für das Sägewerk in dem Cölber Ortsteil bestimmt. Bald werden auch die Schönstädter etwas von der Holzverarbeitung dort haben, ein dampfendes Vollbad zum Beispiel. Denn in dem Ort entsteht ein Nahwärmenetz, das heiße Wasser dafür kommt aus dem Werk. Bürger treiben das Projekt voran - und fast das ganze Dorf macht mit.
„An sich ist das eine Aufgabe der Kommunen. Aber die können das nicht mehr leisten, deshalb machen wir es“, sagt Andreas Mainusch, Vorsitzender der Genossenschaft „Nahwärme Schönstadt“. Im Oktober sollen rund 280 Gebäude, etwa 80Prozent des Dorfes, ans Netz gehen und mit Wärme und Warmwasser von nebenan versorgt werden. Angeschlossen sind dann Wohnhäuser, Grundschule, Bürgerhaus, Kita und Feuerwehr.
Es geht nicht so sher um die Finanzen
Finanziert wird das etwa sechs Millionen Euro teure Projekt über die staatliche Förderung, ein Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, für das die Gemeinde bürgt, sowie über Einlagen der Genossen. Jeder hat 500 Euro Mitgliedsbeitrag gezahlt und 4500 Euro für die Installation. Hinzu kommen Kosten für die Arbeiten im Heizungskeller.
Cölbes Rathauschef Volker Carle (parteilos) sieht nicht in erster Linie die Finanzen als Grund dafür, dass die Schönstädter ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen. Vielmehr könne die Gemeinde die Bürger für so ein Vorhaben kaum gewinnen, die Genossenschaft hingegen könne es. Die Idee fürs Netz entstand 2010. Das mittelhessische Dorf war gerade Landessieger im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ geworden und nahm an der Bundesentscheidung teil. In dieser Aufbruchstimmung wuchs der Entschluss, die Energie des Sägewerks mitzunutzen. Dessen Biomasseheizkraftwerk erzeugt aus Produktionsresten genug davon. Ortsvorsteher Hannes Weber: „Die Wärme, die das Werk nicht nutzt, geht bisher in die Luft. In Zukunft kriegt es etwas Geld dafür. Wir profitieren und das Sägewerk auch.“ Und die Wertschöpfung bleibe im Ort.
Neues Kapitel in der Dorfentwicklung
Die Firma Holz Schmidt reizte nach ihren Angaben die Idee, die kohlendioxidneutral produzierte Wärme in der Region zu belassen, und das große Interesse der Bürger. Bedenken gab es keine: „Zu diesem Zeitpunkt war bereits das benachbarte Hofgut Fleckenbühl an unser Wärmenetz angeschlossen, und die Nahwärmeversorgung hat sich für beide Seiten als sehr positiv erwiesen“, berichtet die Geschäftsführung.
Seit der Gründung des Familienbetriebes vor etwa 100 Jahren sei man eng mit den Schönstädtern verbunden. Mit dem Nahwärme-Projekt „schreiben wir gemeinsam ein neues Kapitel, nicht nur der Unternehmens-, sondern auch der Dorfentwicklung“. Die Bürger investieren Geld und Zeit. Die Engagierten der Genossenschaft arbeiten ehrenamtlich. Sie zogen etwa von Tür zu Tür und fragten die Bewohner, ob sie bei der Nahwärme mitmachen. Die Zustimmung sei groß gewesen, auch die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie seien positiv gewesen, sagt Mainusch.
„Das ist nicht nur ein technisches Projekt“
Seit März wird in dem 1600-Einwohner-Ort gebuddelt. Auf den Straßen verlaufen schmale Streifen neuen Asphalts, darunter liegen die Leitungen. In der Regel werden zwei Rohre nebeneinander installiert, auf rund 13Kilometer. Damit ist das Schönstädter Nahwärmenetz nach Angaben der Genossenschaft bundesweit das größte. Das Schönstädter Netz beginnt am Sägewerk, verläuft 600 Meter unter einem Acker hindurch bis zur „Energiezentrale“. Früher ein Hühnerstall, ist das Gebäude künftig das Herz des Systems. Dort kommt das Wasser von Holz Schmidt an und wird ins örtliche Netz gepumpt. Falls es einen Systemausfall gibt, steht ein Tank mit Öl als Reserve bereit.
Bei dem Projekt geht es nicht nur um die Vision vom gemeinsamen, nachhaltigen Heizen. Jutta Seip, Sprecherin der Genossenschaft: „Das ist nicht nur ein technisches Projekt. Das hat auch einen riesigen sozialen Aspekt.“ Menschen seien ins Gespräch gekommen, die sich vorher nicht gekannt hätten. Das Dorf sei ein Stück enger zusammengerückt.

