http://www.faz.net/-gzg-74rb2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.12.2012, 00:12 Uhr

Cocoon Club Die Party ist aus - und geht weiter

Schlangestehen zum Abschied: Die letzte Nacht des Cocoon Clubs erinnert an die gute alte Zeit des Techno. Die ist vorbei, der Club ist insolvent. Neue Zeiten haben begonnen.

von Markus Klein
© Eilmes, Wolfgang So etwa wurde im Cocoon Club getanzt, wenn DJ Sven Väth auflegte

Schon drei Stunden. „Ich kann meine Zehen nicht mehr spüren“, hört man einen der vielen Drängenden, die der Kälte trotzend anstehen, um zum letzten Mal im Cocoon Club zu feiern. „Einlassstopp“. Etwa 200 Wartende erstarren, als der Türsteher das ruft, um halb drei Uhr morgens. Die meisten geben auf, Enttäuschungen murmelnd oder Beschimpfungen. Ein paar Optimisten bleiben und wippen mit den verfrorenen Füßen. Nichts lässt darauf schließen, dass es den Cocoon in ein paar Stunden nicht mehr geben wird. Die Riesendisko im Fechenheimer Industriegebiet, weltbekannt, ist insolvent, nach acht Jahren und viermaliger Kür zum besten Technoclub Deutschlands. Was ist geschehen?

“Am Anfang war es jedes Mal so voll“, sagt eine Frau Mitte dreißig. Sie aber warte zum ersten Mal so lange, da sie die Betreiber von früher kenne und sie häufig auf der Gästeliste stehe. Heute habe sie niemanden erreichen können. Auch ihre Clubkarte habe sie vergessen. Der Türsteher lässt die Argumente nicht gelten. „Man hätte mehr Geld verlangen sollen“, sagt die Frau daraufhin. „Ein höherer Preis hätte gleich aussortiert.“ Wer wirklich im Cocoon feiern wolle, würde auch 50 Euro bezahlen.

Cocoon - Der legendären Technoclub des weltbekannten Frankfurter DJs Sven Väth. © Eilmes, Wolfgang Vergrößern DJ Sven Väth feierte 2004 im Cocoon Club seinen 40. - und legte selbst auf

Unter den Umstehenden verziehen einige das Gesicht zu einem skeptischen Blick, andere nicken. Tendenziell sind die Skeptiker jung, die Nickenden älter. Kein Wunder: Die ersten Jahre galt das Haus als Exklusivclub mit harter Türpolitik. Wer reinkam, fühlte sich privilegiert. Ein Mann Ende dreißig, „schon immer Cocoongänger“, sagt er, macht die Türpolitik für die Insolvenz verantwortlich. „Man hätte nie anfangen sollen, besoffene Jugendliche reinzulassen, die pöbeln statt zu tanzen.“

Um halb fünf lässt der Türsteher die letzten, die noch anstehen, doch noch in den Club. Es ist immer noch voll. Nicht mehr komplett, im Rundgang um die Tanzflächen ist Platz, aber nicht auf den Tanzflächen selbst. Der Boden vibriert vom starken Bass der Musikanlage, die einmal 700 000 Euro gekostet hat. Das wärmt die Zehen auf. Ein blondes Mädchen mit Minirock und engem Top, Mütze und Sonnenbrille, schafft sich mit stolzierenden Schritten einen Laufsteg.

Einstiger Newcomer legt auf

Auf der DJ-Kanzel, die wie ein landendes Raumschiff in den Raum ragt, legt Dominik Eulberg auf, Newcomer des Jahres 2004 (“Groove Magazin“), Durchbruch beim Plattenlabel des Clubs, Cocoon Records. Das Publikum, das die Lieder des Vierunddreißigjährigen feiert, ist gut durchgemischt. Das Alter der Feiernden lässt sich bei eingeschalteter Nebelmaschine im Stroboskop-Licht und Trockeneisdunst höchstens aus der Wahl der Kleider ableiten. Alle tanzen, alle Altersklassen, verschiedenste Stile. Alle feiern den DJ, gemeinsam. So war es lange nicht mehr, und so bleibt es auch nicht.

Als Eulberg mit seinem Set fertig ist und sich der Club ein wenig leert, ist es deutlich zu sehen: Gruppen bilden sich, besonders an den hellen Theken im Rundgang um die Hauptfläche herum. Betrunkene rempeln sich gegenseitig an, immer wieder müssen die Sicherheitsleute einschreiten und jemanden vor die Tür bringen. Die kleinere, zweite Tanzfläche füllt sich zunehmend, die Musik gleitet hier sanfter und melodischer, im Hauptraum dominieren weiter tiefe, feste Bass-Strukturen. Beides nennt sich Minimal. Im überfüllten kleinen Raum feiern die jüngeren Technoadepten, Leute, die in den Neunzigern jung waren, sind im Hauptraum. Sven Väth, der Gründer des Cocoon Clubs, ist nicht da. Wegen eines schon vor einem Jahr vereinbarten Auftritts im Ausland, und wegen „interner Aspekte“, wie er vergangene Woche mitteilen ließ.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurter Clubszene Partymacher im Bahnhofsviertel

Mengi Zeleke und seine Brüder sind als Clubbetreiber bekannt und wegen eines Rechtsstreits mit einer Bank. Jetzt machen sie wieder eine Disko auf. Mehr Von Grete Götze

28.08.2016, 17:14 Uhr | Rhein-Main
Jugendzeitschrift Die Bravo wird 60

Schon so mancher heutiger Rentner hat sie heimlich unter der Schulbank gelesen, inzwischen suchen die Enkel in dem Heft nach neuesten Nachrichten über Stars oder Rat bei Pubertätsproblemen: Die Bravo" feiert ihren 60. Geburtstag. Mehr

29.08.2016, 11:30 Uhr | Feuilleton
London Über 400 Festnahmen beim Karneval von Notting Hill

Jedes Jahr mischen sich beim Karneval im Londoner Stadtteil Notting Hill Kriminelle unter die ausgelassen Feiernden. Die Polizei nahm bereits hunderte Personen fest. Vier Menschen wurden durch Stichwaffen verletzt. Mehr

30.08.2016, 14:35 Uhr | Gesellschaft
Klassische Musik Leidenschaft für historische Instrumente

Das Orchester Anima Eterna aus Brügge hat sich mit der historischen Aufführungspraxis von Musik aus dem Barockzeitalter international einen Namen gemacht. Der Gründer Jos van Immerseel ist einer der leidenschaftlichsten Vertreter auf diesem Gebiet. Mehr

25.08.2016, 13:05 Uhr | Stil
Museumsuferfest Frankfurt feiert seine Vielfalt

Beim Museumsuferfest will Frankfurt zeigen, dass es nicht nur eine markante Hochhaus-Silhouette hat. Das soll mit einem vielfältigen Kulturprogramm gelingen. Mehr Von Bettina Wolff, Frankfurt

25.08.2016, 20:16 Uhr | Rhein-Main

Nicht schlechter geworden

Von Peter Heß

Nach dem Sieg gegen Schalke 04 bleibt festzuhalten: Schlechter ist die Frankfurter Eintracht jedenfalls nicht geworden. Was das im Verhältnis zur Konkurrenz bedeutet, lässt sich seriös noch nicht beantworten. Mehr 2

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen