Der Geschäftsmann hat gerade keine Zeit. Die Kerze nimmt er zwar dankend an, begibt sich damit aber nicht in den Dom, sondern geradewegs zu seinem BMW, der wenige Meter entfernt geparkt ist. Etwas achtlos stellt er die Kerze auf das Armaturenbrett und fährt los.
„Das macht nichts“, sagt Eva Kämmerer. „Wenn wir nur einen Menschen heute dazu bewegen, sich wieder mehr mit Gott auseinanderzusetzen, dann hat sich das für uns gelohnt.“ Kämmerer gehört zu einem Dutzend junger Erwachsener, die am Samstagabend vor dem Frankfurter Dom stehen und kleine Teelichter in roten Plastikhaltern verteilen. An die Passanten, die vom Einkaufen auf der Zeil kommen. An Schüler, die gerade auf dem Weg zur HR3-Nacht sind. Die Opferlichter gibt es einfach so, Kämmerer und ihre Freunde wollen keine Spende. Sie laden die Menschen lediglich dazu ein, die Lichter in der Kirche anzuzünden und ein Gebet zu sprechen.
Frankfurt nimmt als einzige deutsche Stadt teil
Im Kirchenraum knien derweil zahlreiche Jugendliche vor dem Allerheiligsten, dem Leib Christi, der noch den ganzen Abend lang auf dem Altar zur Anbetung ausgestellt sein wird. „Dort werdet ihr Ihn sehen“, ist das Motto einer kürzlich vom Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung ins Leben gerufenen Glaubensoffensive, der „Missio Metropolis“. Mit ihr soll nicht nur der katholische Glaube gefeiert, sondern die christliche Botschaft vor allem denjenigen näher gebracht werden, die sich der Kirche entfremdet haben. In zwölf europäischen Metropolen, darunter Dublin, Warschau, Paris und Lissabon, hat die katholische Kirche an diesem Wochenende Menschen eingeladen, sich mit dem zeitgenössischen Christentum auseinanderzusetzen.
In Frankfurt, der einzigen deutschen Stadt, die teilnimmt, eröffnete der Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, die Veranstaltungsreihe mit einer Stadtjugendmesse, in der er die Wichtigkeit des Gesprächs mit Gott betonte: „Das Gebet ist der Nerv des Glaubens.“ Gerade in diesem Jahr, das Papst BenediktXVI. zum „Jahr des Glaubens“ ausgerufen hat, müsse die Jugend sich wieder für selbigen entzünden. „Nightfever“, die Initiative, für die Eva Kämmerer und ihre Freunde vor dem Eingang Kerzen verteilen, hat sich diesen Grundsätzen schon vor sieben Jahren verschrieben.
„Spiritueller Abend“
In ihren schwarzen Pullovern mit der stilisierten roten Flamme und den antikisierten Versalien des „Nightfever“-Schriftzugs erinnern sie eher an Besucher eines Heavy-Metal-Konzerts als an eine Kircheninitiative. Die katholische Kirche werde oft als „eingefahrener Verein“ dargestellt, sagt Kämmerer. Doch Glaube sei ganz im Gegenteil jung und lebendig, und die Kirche stehe für jeden offen. Genau das wolle „Nightfever“ vermitteln. Die Idee entstand 2005 auf dem Weltjugendtag in Köln, wo mehr als eine Million Jugendlicher an einer kollektiven eucharistischen Anbetung teilgenommen hatten. Ein intensives Erlebnis, nach dem zwei Studenten die Idee der Kirchennacht bei Kerzenschein entwickelten, um so die Freude an der Anbetung des Leibes Christi weiterleben und in andere Städte tragen zu können. Bis Mitternacht stehen dann die Türen der Kirchen offen, jeder darf eintreten, eine Kerze anzünden, das Allerheiligste anbeten, mit einem Priester sprechen oder einfach nur zur Ruhe komme.
Dazu arbeitet das Team junger Gläubiger mit lokalen Gemeinden zusammen, die die musikalische Gestaltung des Abends übernehmen oder zur Seelsorge bereit stehen. In 30 deutschen Städten findet der „spirituelle Abend“ mittlerweile regelmäßig statt, sogar in London und Kanada haben die Organisatoren schon zusammen mit anderen Christen gebetet. In Frankfurt sind sie zum ersten Mal.
„Nightfever“ soll es jetzt häufiger in Frankfurt geben
Meist stehen Kämmerer und ihre Freunde in Fußgängerzonen, zum Beispiel in Mainz an der Augustinerkirche. Am Frankfurter Dom kommt weitaus weniger Laufkundschaft vorbei, trotzdem füllt sich der Kirchenraum gegen 21 Uhr deutlich. Auch Scharunas Stanscheitis und Estera Kimantas sind der Einladung gefolgt. Sie kommen gerade vom Einkaufen, eigentlich waren sie auf dem Heimweg, doch die Idee mit der Kerze gefiel ihnen. Sie sind Christen, finden aber nur selten die Zeit, ihren Glauben zu leben. „Meist sind andere Dinge einfach dringender“, sagt Kimantas. Aber schon nach wenigen Minuten im Dom hat sie beschlossen, sich künftig mehr Zeit zu nehmen und öfter in die Kirche zu gehen.
Noch bis Mitternacht machen die Veranstalter weiter. Und sieben Stunden später beginnt schon der nächste Teil der „Missio Metropolis“ - die Lesung des kompletten Markus-Evangeliums in verschiedenen Sprachen. Das Allerheiligste wird dann wieder sicher verwahrt sein, doch für Eva Kämmerer steht fest: „Nightfever“ soll es in Frankfurt von jetzt an regelmäßig geben.