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Veröffentlicht: 17.05.2017, 12:23 Uhr

Christian Wulff in Frankfurt Das Kopftuch als „Normalität“

Der Islam gehört zu Deutschland - zu dieser Aussage steht der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff heute wie vor sieben Jahren. Manches in seinem Vortrag in Frankfurt dürfte nicht nur bei AFD-Anhängern Unbehagen hervorrufen.

von , Frankfurt
© dpa Christian Wulff, ehemaliger Bundespräsident, war zu Gast an der Frankfurt University of Applied Sciences. (Archivbild)

Vor allem dieser eine Satz ist aus den Reden Christian Wulffs in Erinnerung geblieben: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Als der damalige Bundespräsident dies 2010 sagte, löste er heftige Kontroversen aus. Sieben Jahre später ist umstrittener denn je, ob Wulffs These als Tatsache verstanden oder doch mit einem Fragezeichen versehen werden sollte.

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Die Frankfurt University of Applied Sciences entschied sich für Letzteres, als sie am Montagabend Wulff zu seinen damaligen Ausführungen Stellung nehmen ließ. Sein Vortrag war Teil der Reihe „Think Europe – Europe thinks“, die vom Zentrum für angewandte Europastudien der Hochschule organisiert wird. Das Konzept sieht vor, dass die Positionen der Referenten in einer „Gegenrede“ kritisch kommentiert werden.

Stoff für Diskussionen

Wer erwartet hatte, dass Wulff seine Äußerung von 2010 hinterfragen würde, sah sich enttäuscht. Gleich zu Beginn distanzierte er sich von dem Fragezeichen, das seiner Islam-Sentenz hinzugefügt worden war, und betonte: „Ich bin heute mehr denn je überzeugt, dass der Satz richtig ist.“ Wünschenswert sei ein erfolgreiches Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen anstelle von Ausgrenzung und Abschottung – so ließ sich die Botschaft Wulffs zusammenfassen. Was er als Fortschritte hin zu einem bunten Miteinander pries, dürfte jedoch nicht nur bei AfD-Anhängern Unbehagen hervorrufen – etwa die Feststellung, dass „in Berlin heute mehr Muslime als Katholiken“ lebten und Frauen mit Kopftuch zur „Normalität“ geworden seien.

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Das einstige Staatsoberhaupt nahm in seiner teils abgelesenen Rede für sich in Anspruch, in den Debatten über Islam und Zuwanderung die Mitte zu verkörpern, die weder für Ausgrenzung noch für multikulturelle Illusionen stehe. Einer, der „auch die Probleme beim Namen nennt“, wolle er sein, und er schloss sich der Burka-Kritik seines CDU-Parteifreundes Thomas de Maizière an. Mit dem türkischen Moscheeverband Ditib scheint Wulff dagegen kein Problem zu haben.

Dass er ausschließlich von „sehr guten Erfahrungen“ mit Vertretern der Organisation sprach, wirkte angesichts der Berichte über mögliche Spitzeldienste von Ditib-Imamen für die Regierung Erdogan irritierend. Auch Wulffs Vermutung, dass einige Christen in Deutschland mit Argwohn auf streng religiöse muslimische Mitbürger schauten, weil diese ihren Glauben konsequenter lebten als die Christen selbst, dürfte Stoff für Diskussionen bieten.

Unpräzise Aussage

„Gegenrednerin“ Ursula Fasselt allerdings stand der Sinn nicht nach Kontroverse. Der Hinweis der Rechtsprofessorin, sie sehe ihre Aufgabe als „Ding der Unmöglichkeit“ und wolle „nicht im Sinne einer Kontrahentin“ auftreten, ließ früh erahnen, dass es ihr mehr um Einordnung als um Widerspruch zu Wulffs Ausführungen gehen würde. Fasselts Verdienst war es, daran zu erinnern, dass es „den“ Islam nicht gebe, sondern dass fundamentalistische, pragmatische und liberale Strömungen existierten.

Dass Wulffs Aussage zum Islam unpräzise sei, hatten auch Parteikollegen des früheren Bundespräsidenten moniert, etwa Volker Kauder. Im vergangenen Jahr hatten in einer Infratest-Umfrage 60 Prozent der Teilnehmer auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, mit Nein geantwortet. Es wäre interessant gewesen, wie das Ergebnis ausgefallen wäre, hätte man vor das Wort „Islam“ das Attribut „aufgeklärt“ gesetzt.

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