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Veröffentlicht: 30.11.2011, 21:08 Uhr

Chemiekonzern Clariant in Höchst Mehr Innovationen durch mehr Nähe

Der Chemiekonzern Clariant zentralisiert die Forschung in Höchst. Dort will er mehr umweltfreundliche Produkte und Stoffe auf natürlicher Grundlage entwickeln.

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© Clariant Produktion auf großer Fläche - der Infrapark von Clariant

Für Hariolf Kottmann gibt es keinen Zweifel: Der von ihm geführte Chemiekonzern Clariant braucht mehr neue Produkte. „Unsere Kunden aus der Konsumgüterindustrie kommen mit einer Innovation nach der anderen auf den Markt“ - da müsse das Unternehmen aus Muttenz bei Basel eben innovative Grundstoffe für Cremes, Lotionen oder auch Waschmittel liefern. Richten soll es das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum. 100 Millionen Euro lässt sich Clariant das Gebäude kosten. Hochgezogen wird es im Industriepark Frankfurt-Höchst, wo sich auch der weltweit größte Produktionsstandort des Konzerns befindet. Ende Februar oder Anfang März will Kottmann den ersten Spatenstich setzen, das Unternehmen wartet aber noch auf die Genehmigung des Bauantrags, wie Martin Vollmer sagt. Als Chief Technology Officer zeichnet er auch für die Forschung verantwortlich, die in Höchst zentralisiert wird.

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Derzeit forschen Clariant-Mitarbeiter noch an mehreren Standorten, unter ihnen auch Höchst und Muttenz. Vom zentralen Neubau verspricht sich Kottmann allerdings schon deshalb mehr Innovationen, weil dann mehr Forscher näher beieinander arbeiteten, als es derzeit der Fall sei, und der Austausch von Ideen entsprechend befördert werde. Dieser Hoffnung und Erwartung entspricht auch die Architektur: Die Schweizer lassen im Stammwerk der ehemaligen Hoechst AG, deren Spezialchemie-Sparte sie 1997 kauften, einen Glaspalast bauen. Und damit ein Sinnbild für Transparenz. Wenn alles nach Plan läuft, wird das „Clariant Innovation Center“ im dritten Quartal 2013 in Betrieb genommen.

Ziel: Kompetenz am Standort nutzen

Den Industriepark im Westen Frankfurts haben die Schweizer nicht deshalb für diese Großinvestition gewählt, weil sie knapp ein Drittel am Betreiber Infraserv Höchst halten und nach dem Chemiekonzern Celanese der zweitgrößte Anteilseigner sind. „In Frankfurt ist viel Kompetenz, die wir nutzen wollen“, hebt Ulrich Ott, Chef von Clariant in Deutschland, unter Verweis auf das Ingenieurwesen am Ort und die Pilotanlage für neue Produkte hervor. Die Forschung in Höchst besitze schon die „kritische Masse“, sagt Vollmer, außerdem seien dort wesentliche Geschäftseinheiten vertreten. Hinzu kämen als Pluspunkte das akademische Umfeld im Rhein-Main-Gebiet und den angrenzenden Regionen sowie das Fachwissen der chemisch-pharmazeutischen Betriebe.

In der Chefetage von Clariant denkt man dabei nicht nur an neue Produkte: „Wir wollen den Wettbewerb um Talente nutzen und spüren dies schon, wenn wir Stellen ausschreiben.“ Der Konzern baue in Höchst „selektiv auf“, sagt Vollmer, ohne sich jedoch auf Zahlen neuer Arbeitsplätze festlegen zu wollen. An Bewerbern dürfte es Clariant aber schon angesichts des Abbaus von Forscherstellen beim Arzneimittelhersteller Sanofi, der in Höchst 410 Arbeitsplätze abbauen will, nicht mangeln.

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Die Mitarbeiter im Industriepark werden für vier der fünf Forschungsschwerpunkte verantwortlich sein, die Clariant sich gegeben hat. Der erste Schwerpunkt umfasst Farben und Farbeffekte und deckt auch Farbfilter für Flüssigkristalle ab, wie sie etwa für Flachbildschirme und Mobiltelefone verarbeitet werden. Als zweiten Schwerpunkt nennt Vollmer sogenannte oberflächenaktive Substanzen. Zu ihnen zählt beispielsweise der Kosmetikzusatz Velsan, der Keimen und Pilzen in Cremes und Lotionen entgegenwirken und dadurch die Gabe hautreizender Konservierungsmittel verringern soll. „Dieses Geschäft wollen wir ausbauen.“

Ebenfalls zentral in Höchst gesteuert werden soll die Forschung zu speziellen Kunststoffen, die in Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln eingesetzt werden. Gleiches gilt für Pigmentpasten - flüssige Gemische, die den Farbstoff schon beinhalten und Lacken oder Druckfarben ihre besondere Note geben. Dagegen teilen sich Frankfurt und ein Standort in Frankreich in Zukunft die Zuständigkeit für Effekt-Chemikalien. Clariant versteht darunter zum Beispiel Flammschutz, der neben anderem für Rechner wichtig sei, wie Ott sagt.

Lösungsmittel? - Unerwünscht

Grundsätzlich fragen Kunden nach den Worten Otts und Vollmers vermehrt nach wässrigen Lacken und wollen weniger Produkte mit Lösungsmitteln. Auch würden neue Anforderungen an farbgebende Pigmente gestellt. So seien Varianten, sogenannte Easy Dispersible Pigments, gefragt, die sich leicht in herkömmliche und wässrige Lacke einarbeiten ließen. Mit diesen Stoffen sei eine Zeit- und Energieersparnis für Kunden verbunden. Eine sich verstärkende Nachfrage sei absehbar, da in der Architektur und im Automobilbau umweltfreundliche Lösungen zunehmend verlangt würden - um nur zwei Einsatzgebiete zu nennen.

Zu den „Megatrends“ zählten auch Produkte auf Grundlage nachwachsender Rohstoffe etwa für Reinigungsmittel und Kosmetika. Vollmer nennt beispielhaft Emulgatoren aus Maiszucker und Pflanzenölen, um Wasser und Öl zu mischen.

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