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Catherine Vickers : Die Suche nach dem, was in der Musik ist

Goodbye: Die Klavier-Professorin Catherine Vickers verabschiedet sich von der Musikhochschule. Bild: Marcus Kaufhold

Die Klavier-Professorin Catherine Vickers verabschiedet sich von der Frankfurter Musikhochschule. Sie versuchte jungen Pianisten eine „Tradition des Wissens“ zu vermitteln.

          Die Stadt Regina sei „doch noch so etwas wie eine Wildwest-Provinz“ gewesen, als sie dort im Jahr 1952 geboren wurde, erzählt Catherine Vickers. Etwa auf halbem Weg zwischen Winnipeg und Calgary gelegen, besaß die spätere Hauptstadt der kanadischen Provinz Saskatchewan erst seit 50 Jahren die Stadtrechte.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          In ihrem Elternhaus dort habe es damals auch noch keinen Plattenspieler gegeben, dafür aber einen schönen Flügel der amerikanischen Firma Baldwin, und ihr Vater, der selbst Horn und Posaune spielte, habe sie angehalten, das Klavierspielen zu lernen, „falls in der Kirche einmal der Organist ausfällt“. Dass seine Tochter mit 27 Jahren den Internationalen Busoni-Wettbewerb gewinnen und einmal jahrzehntelang als Professorin für Klavier in Deutschland lehren würde, ahnte er da natürlich noch nicht.

          Lebensprägende Erfahrungen in Kanada

          Entscheidend sei für sie in ihrer Jugendzeit gewesen, dass sie andere musikbegeisterte Menschen gefunden habe. Mit dem ältesten Sohn einer Familie von Streichern, mit dem späteren Konzertmeister des Boston Symphony Orchestra Malcolm Lowe, habe sie fast das ganze Repertoire für Violine und Klavier erarbeitet. Bei Gustin Lyell, einem frankokanadischen Pianisten, den sie ihren Mentor nennt, habe sie in Sommerkursen Theorie, Gehörbildung und etwa die Partituren der Sinfonien von Haydn und Mozart studiert. Wie dieser Mann um sich herum eine „Kulturinsel“ geschaffen habe, war demnach die lebensprägende Erfahrung ihrer Zeit in Kanada. In solch offenen Atmosphären entstünden die Energien, die für junge Menschen so wichtig seien.

          Dergleichen zu schaffen hat sie als Pädagogin ebenfalls versucht. Denn zunehmend verfügten die jungen Pianisten zwar über enorme spieltechnische Fähigkeiten. Woran es aber mehr und mehr mangele sei eine „Tradition des Wissens“. Die Suche anzuregen nach dem, „was in der Musik ist“, beispielsweise das Verständnis für die Spiritualität Bachs zu wecken, ein Qualitätsbewusstsein zu befördern und ihren Studenten einen „Werkzeugkasten“ an die Hand zu geben, mit dem sie selbständig weiterarbeiten können – das sehe sie als ihre zentralen Aufgaben an. Als Konzertpianistin hat sie sich unter diesem Primat der Musikvermittlung daher ebenso wie als Pädagogin immer in dienender Funktion gesehen.

          Sieg beim Busoni-Wettbewerb 1979

          Unterrichtet hat Catherine Vickers, so unglaublich es klingt, in Kontinuität von ihrem 13. Lebensjahr an. Auch sei ihr als Jugendlicher schon klar gewesen, dass sie Klavier studieren wollte. So kam sie 1969 erstmals nach Europa, um in Wien Meisterklassen von Alfred Brendel, Jörg Demus und Paul Badura-Skoda zu besuchen. „Ich war 16 Jahre alt und sprach kein Wort Deutsch“, erinnert sie sich. Das lernte sie aber bald, denn sie wollte hier im Herzen von Europa studieren – dort, wo man Häuser besuchen könne, in denen Mozart oder Schumann gewohnt hatte: „Ich wollte in diese Quelle tauchen.“ So kam sie 1971 an die Musikhochschule Hannover zu dem berühmten Klavierpädagogen Hans Leygraf.

          Der Sieg beim Busoni-Wettbewerb 1979 habe ihr dann viele Türen geöffnet. Die Folkwang-Hochschule in Essen trug ihr so, nachdem sie dort eine Konzertreihe mitgestaltet hatte, 1981 eine Professur an. Noch eine ganze Zeit sei sie zwischen ihren pädagogischen Neigungen und ihrem Leben als Konzertpianistin hin und her gerissen gewesen, bis ihr die Doppelbelastung zu groß wurde und sie das Konzertieren einschränkte. Essen blieb allerdings ihr Hauptwohnsitz, auch als sie zum Semester 1998/99 ihre C4-Professur für künstlerisches Klavierspiel an der Frankfurter Musikhochschule antrat. Denn in Essen hatte sie an der Hochschule auch ihren Mann kennengelernt, den Komponisten Nicolaus A. Huber. Sie pendelte also fast 20 Jahre lang zwischen den Städten, und hielt in Frankfurt nur eine kleine Zweitwohnung.

          Als Ausbildungsdirektorin arbeitete sie hier in den Jahren 2009 bis 2011 federführend an den schwierigen Umstellungen auf die Bachelor- und Masterstudiengänge mit und übernahm danach bis 2014 als Dekanin die Verantwortung für den Fachbereich 1 und damit für die künstlerische Instrumentalausbildung, die Instrumentalpädagogik, die Historische Interpretationspraxis und die Kirchenmusik. Nebenher gastierte sie regelmäßig vor allem bei Festivals für Neue Musik, für die sie sich stets besonders einsetzte.

          Catherine Vickers gibt am 30. Januar von 19.30 Uhr an in der Frankfurter Musikhochschule ihr Abschiedskonzert.

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