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Cassella AG Glaskolben leuchtet wieder

 ·  125 Jahre nach ihrer Gründung verschmolz die Cassella AG einst mit dem Hoechst-Konzern. Nun taucht der traditionsreiche Name wieder im Wirtschaftsleben auf.

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Noch bleibt es abends dunkel, so wie schon seit einem Jahrzehnt. Doch bald könnte es wieder so bunt leuchten wie einst: das kreisrunde Zeichen mit dem Erlenmeyerkolben und dem Namenszug der „alten“ Cassella. Es thront auf einem Rotklinkerbau im Osten Frankfurts und sticht Tag für Tag Zehntausenden Autofahrern ins Auge. Wer über die Hanauer Landstraße nach Fechenheim fährt, muss vorbei an dem historischen Firmenlogo. Das wird fortan nicht mehr für einen Teil der deutschen Wirtschaftsgeschichte stehen. Karl-Gerhard Seifert, ehemaliger Vorstand der Hoechst AG, erweckt die Cassella zu neuem Leben. Ein glücklicher Zufall kommt dem Unternehmer zu Hilfe und erlaubt ihm etwas, das ihm bisher verwehrt blieb.

Die Wiederkehr des einst börsennotierten Unternehmens ist an sich ein wenig aufregender, weil formaler Akt. Der symbolische Gehalt jedoch ist hoch. Und er zeigt: In Frankfurt hat chemische Produktion weiter Zukunft, trotz harter Konkurrenz aus Asien. Seifert hat die Muttergesellschaft seiner Allessa-Chemie in Fechenheim umfirmiert. Aus der Allessa Holding GmbH ist die Cassella GmbH geworden. Unter ihrem Dach will der Gesellschafter die 750 Beschäftigte starke Allessa-Chemie und die 70Kräfte zählende Allessa Syntec vereinen, die im Industriepark Höchst sitzt.

Die Wurzeln der Tradition wieder sichtbar machen

Die Fechenheimer Firma mit einem Ableger in Griesheim ist das größte deutsche Chemieunternehmen Frankfurts und stellt unter anderem Vorprodukte für Pflanzenschutzmittel, Kosmetika sowie Arzneien her. Bei einer Chemikalie für Windeln ist sie der größte Hersteller weltweit. Die Syntec geht auf das frühere Technikum der Hoechst AG zurück und bietet als Lohnfertiger spezielle chemische Verfahren an. Sie gehörte nie zur Allessa Holding, sondern zu einer anderen Firma Seiferts.

Indem der Unternehmer nun seine Chemiebetriebe unter einem Dach zusammenfasst, vereinfacht er nicht nur die Beteiligungsstrukturen. Vor allem aber macht er die Wurzeln eines traditionsreichen Frankfurter Wirtschaftszweigs wieder sichtbar. Die Allessa-Chemie sitzt schließlich seit ihrer Gründung vor elf Jahren im alten Werk der Cassella, die 1870 entstand, also sieben Jahre nach der Hoechst-Keimzelle (siehe Kasten). Dass Seifert das Unternehmen nicht schon seinerzeit nach dem legendären Vorgänger benannte, hat einen einfachen Grund: Er durfte es nicht.

Ein modernes Wortspiel

Denn die Cassella-Namensrechte lagen bei der Hoechst GmbH und damit beim Arzneimittelhersteller Sanofi, in dem 1999 die Hoechst-Pharmasparte aufging. Um aber die Verbindung zur Cassella im Namen seines neuen Unternehmens, das er 2001 mit damaligen Geschäftspartnern aus dem Schweizer Clariant-Konzern herausgekauft hatte, zu wahren, griff Seifert zu einem Wortspiel. Er drehte Cassella um und hängte das „C“ einfach ab.

Ursprünglich hatte er die Firma „Allessac“ nennen wollen, wie er sagt. Doch sah er davon ab - weil er argwöhnte, der Frankfurter Volksmund könnte den neuen Namen zu „ahle Sack“ verballhornen. Darüber kann Seifert heute herzlich lachen. Zumal er den Konflikt löste, indem er einfach „Chemie“ an „Allessa“ dranhängte. Ganz modern, ohne Bindestrich.

Nach beinahe zwei Jahrzehnten schließt sich der Kreis

An die Cassella haben Seifert in den Folgejahren aber nicht nur das Logo, dessen Beleuchtung aus Kostengründen abgeschaltet ist, auf dem Dach des Firmensitzes an der Hanauer Landstraße erinnert. Des Öfteren hätten ihm Frankfurter dafür gedankt, „unsere Cassella“ weiterzuführen, wie er immer wieder berichtet. Dass das Unternehmen längst eine andere Statur hat und nur knapp halb so viele Beschäftigte zählt wie der traditionsreiche Vorläufer, fällt dabei offenbar nicht ins Gewicht. Und fortan wiegt dieser Einwand ohnehin weniger schwer. Denn mit Ablauf des vergangenen Jahres verzichtete Sanofi darauf, sich die Namens- und Markenrechte weiter zu sichern. Mit Hilfe eines Anwalts hat Seifert die Rechte übernommen, per Urkunde hat sie das Deutsche Patent- und Markenamt im Februar ihm für die nächsten zehn Jahre zugeteilt. Seifert zeichnet selbst als Geschäftsführer.

So schließt sich nach beinahe zwei Jahrzehnten ein Kreis: Denn Seifert war, wie er erzählt, 1995 gemeinsam mit dem damaligen Hoechst-Chef Jürgen Dormann zu der Überzeugung gekommen, das Cassella-Werk könne so nicht weiterlaufen. Börsennotiert, mit 2000 Mitarbeitern und drei Vorständen sei das Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig. Der Hoechst-Konzern hielt seit 1970 schon etwa drei Viertel der Cassella-Aktien.

Ein Chemie-Dino im Senckenberg-Museum

In der Folge stockte er 1995 den Anteil an der Cassella auf 95 Prozent auf und ließ beim Vorstand durchblicken, die Firma dem Konzern einverleiben zu wollen. „Das war kurz vor der 125-Jahr-Feier“, sagt Seifert, damals Aufsichtsratschef der Cassella. Es mutet in der Rückschau fast komisch an, dass der damalige Chemie-Dino Cassella ausgerechnet das Senckenberg-Museum mit all den Überbleibseln urzeitlicher Tiere als Ort für das Fest ausgesucht hatte.

Die Verschmelzung verlief schmerzhaft. Die Hoechst-Vorstände sahen sich für ihren Plan, mittelfristig 700 Stellen bei der Cassella abzubauen, harscher Kritik etwa des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler (SPD) ausgesetzt. „Das hat mich belastet“, sagt Seifert. Besonders bitter aber nennt er die Schließung der gegenüber der Cassella gelegenen Fabrik der Kosmetik-Tochter Jade ein Jahr nach dem Verkauf 1995: „Dort haben die Frauen vieler Cassella-Beschäftigter gearbeitet.“

„Verhalten optimistisch“ in die Zukunft

Dort reckt sich längst ein Bürohaus aus Rotklinker und Stahlbeton in die Höhe. Auf der anderen Seite der Hanauer Landstraße liegt „der gesunde Kern“ der neuen Cassella, wie Seifert das Allessa-Werk nennt, auf dessen Areal auch 250 Kräfte kleinerer Firmen aus der Chemie- und der Biotech-Branche tätig sind.

„Wir haben in den vergangenen elf Jahren aus diesem Standort ein Feinchemie-Werk gemacht“, sagt Seifert. Der 65 Jahre alte Unternehmer blickt „verhalten optimistisch“ in die Zukunft und lobt die Belegschaft, die „unglaubliche Opfer“ gebracht habe. Gerade erst sind Unternehmen und Betriebsrat übereingekommen, die Vereinbarung, die die wirtschaftliche Zukunft stützen soll, für vier Jahre zu verlängern. Das bedeutet für die Belegschaft zwar auch Verzicht - doch im Gegenzug sichert Seifert der Belegschaft zu, sie im Fall eines Verkaufs des Werks am Erlös zu beteiligen.

Doch liebäugelt der Chef nicht mit dem Altenteil. „Chemie an diesem Standort zu machen, solange es geht“ - dieses Mitte 2004 von ihm formulierte Ziel gilt weiter. „Auf der jüngsten Betriebsversammlung habe ich den Mitarbeitern gesagt: Ich will hier meinen 70. Geburtstag feiern“, sagt er und lacht. Das hört sich wie eine Bestandsgarantie für die nächsten fünf Jahre an, mindestens.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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