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Carsten Nicolai im Museum für Moderne Kunst Wie das Gehirn die Wirklichkeit schafft

 ·  Die Schau mit zwei Arbeiten von Carsten Nicolai im Museum für Moderne Kunst ist ein Höhepunkt der „Frankfurter Positionen“.

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Der Raum weitet sich ins Unendliche. Der Trick ist simpel und aus dem Versailler Schloss bekannt: zwei große gegenüberliegende Spiegel erzeugen den Schein von Endlosigkeit. Gar nicht einfach, sondern höchst subtil und ausgeklügelt, technisch perfekt und philosophisch fundiert, ästhetisch, aber auch erkenntnistheoretisch so faszinierend wie befremdlich ist die Arbeit, die in diesem Spiegelsaal ihre Wirkung auf Sinne und das menschliche Denkvermögen entfaltet. Alle Sicherheiten geraten ins Taumeln.

Dabei werden die Phänomene, die hier auf einer breiten Wand visualisiert und zum Teil mit Klängen betont werden, mit wissenschaftlicher Präzision und einer überwältigenden Deutlichkeit der Zeichen vorgeführt. Leistungsstarke Beamer werfen glasklar anmutende Strukturen auf die Projektionsfläche, Linien, Punkte, Sinuskurven, geometrische Figuren. In einigem Abstand davor steht eine lange Bank, auf der die Besucher Platz und sich einige Zeit nehmen sollten. Dann nämlich werden sie ein paar höchst verblüffende Erfahrungen machen.

Sinneseindrücke und Wirklichkeit

Wie viel von dem, was wir wahrnehmen, produziert unser Gehirn selbst? Was haben unsere Sinneseindrücke mit der Wirklichkeit zu tun? Passt sich die Welt unserem Denkorgan an oder umgekehrt? Wie nehmen wir die Zeit wahr? Carsten Nicolai hat für die „Frankfurter Positionen“ im Museum für Moderne Kunst (MMK) eine Installation geschaffen, die mitten hinein führt in Debatten über das Hirn und die Frage, inwieweit es die Realität konstruiert. Der Titel der Arbeit ist „unidisplay“, und es gibt ein ebenfalls im MMK realisiertes Pendant dazu, „unio(psycho)acoustic“, das der Künstler zusammen mit Städelschülern konzipiert hat. Fünf Monate hat die Arbeit an diesem Werk gedauert. Es handelt sich um eine Klanginstallation, in der man hört, was man nicht hören kann. Analog zu den optischen Phänomenen im großen Raum tragen in dem Kabinett Klangereignisse zu einer nachhaltigen Verunsicherung bei.

Diverse akustische Täuschungen sorgen für Irritation, physikalische Effekte, die mit unserer Sinneswahrnehmung nicht in Einklang stehen. So glaubt man, die Töne schraubten sich in immer höhere Lagen, dabei bleiben sie stets auf derselben Höhe. Oder wir lauschen einem elektronischen Schlagzeug, das ständig schneller zu trommeln scheint, dessen Rhythmus in Wahrheit aber immer gleich bleibt. Nur die Töne werden höher. Verblüffend auch, dass das Ohr einen Ton als durchgängig empfindet, obwohl er von einem Rauschen unterbrochen wird, das Tonsignal also gar nicht permanent gesendet wird.

„Man fängt an, an sich selber zu zweifeln.“

Der Besucher kann verschiedene Beispiele wählen, während er zwischen zwei Lautsprechern steht. Mit Erstaunen wird er feststellen, dass sein Gehirn ihm Dinge vortäuscht, die nicht existieren. „Das war auch für die Städelschüler nicht leicht“, sagt Carsten Nicolai mit seinem unverkennbar sächsischen Zungenschlag und lacht. „Man fängt an, an sich selber zu zweifeln.“ Er tippt noch einmal auf die Schaltfläche, es rauscht und zischt. Bald aber stellt sich heraus, dass es sich um Glockenläuten handelt. Erst von einer bestimmten Dauer an ist das Gehirn in der Lage, den Ursprung von Geräuschen zu erkennen. Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst, bekommt eine Gänsehaut. „Das ist alles schon etwas unheimlich“, sagt sie.

Der Künstler und einige Helfer legen letzte Hand bei den Installationen an. Am Abend ist die Eröffnung. Gewiss ein Höhepunkt dieser Ausgabe der von der BHF-Bank-Stifung seit Jahren geförderten „Frankfurter Positionen“, bei denen gattungsübergreifend und in verschiedenen Kulturinstitutionen Themen behandelt werden, wie sie typisch für die Avantgarde-Bewegungen waren. Dieses Mal geht es um Grenzen und Grenzüberschreitungen. Und darum, wie lebendig eine Moderne heute noch ist, der es zentral um die Überwindung von Schranken geht.

Die Grenzüberschreitung muss nicht neu aufgerollt werden

„Wir hatten schon lange vor, mit Carsten Nicolai zusammenzuarbeiten“, sagt die Museumsleiterin. Die „Frankfurter Positionen“ seien ein guter Anlass gewesen. Mit einem mittleren fünfstelligen Betrag wird die Ausstellung von der BHF-Bank-Stiftung gefördert. Dies habe allerdings nicht ganz gereicht, sagt Gaensheimer, um das Projekt zu verwirklichen, es habe noch anderer Mittel bedurft. Auch Städelschulrektor Nikolaus Hirsch habe schon seit längerem vorgehabt, Nicolai an die Kunsthochschule als Gastdozent zu holen. So habe sich ein „schönes Paket“ schnüren lassen.

Das Thema der diesjährigen „Frankfurter Positionen“ sei für MMK und Städelschule sehr passend, sagt Gaensheimer. Dabei habe sie gefunden, das Thema der Grenzüberschreitungen müsse eigentlich nicht noch einmal neu aufgerollt werden, denn dies sei in den Avantgarden des vorigen Jahrhunderts schon hinreichend geschehen. Andererseits habe sie überrascht, dass als kritisches Argument gegen eine Präsentation der Arbeit von Christoph Schlingensief auf der Biennale in Venedig 2011 vorgebracht wurde, er sei kein bildender Künstler, sondern Theatermann und Filmemacher.

Drittmittelakquise als Hauptaufgabe

Carsten Nicolai sei ein Pionier, der das Akustische und das Visuelle zusammengebracht habe, sagt Gaensheimer. „Wir haben den Wunsch, die beiden Arbeiten zu erwerben.“ Dafür brauche sie wiederum Geld. Mittlerweile mache die Beschaffung von Drittmitteln drei Viertel ihrer Arbeitszeit aus. „Aber Akquise von Drittmitteln bedeutet nicht, einmal anrufen und die Rahmenbedingungen aushandeln. Es bedeutet, über viele Jahre ein Netzwerk auszubauen, Vertrauen aufzubauen und Kontakte zu pflegen.“ Das MMK sei sehr stark auf Drittmittel angewiesen. Die Stadt könne dem Haus bei der Akquisition nicht direkt helfen. „Die Stadt unterstützt uns, wo immer sie es kann. Aber wir brauchen mehr Leute, um Drittmittel zu akquirieren“, führt die Museumschefin aus. Die Erwartungshaltung wachse. Das Personal aber wachse nicht mit.

Die große Arbeit von Nicolai besteht aus 24 einzelnen Teilen. Wie auf einem Computer-Desktop sind deren Icons neben- und untereinander angeordnet. Jeweils eines dieser Symbole wird herangezoomt, danach füllen die entsprechenden Strukturen das gesamte Bild. Manches erschließt sich rasch. Bei anderem ist es komplizierter. Unmittelbar einleuchtend sind etwa die mikadoartig gestreuten Linien, die sich nach und nach aufrichten und in Reih und Glied stellen.

Unser Gehirn will uns schützen

Anhand eines anderen Teils der Arbeit wird deren Prinzip verständlich: Das Gehirn gaukelt uns eine Wirklichkeit vor, nicht um uns in die Irre zu leiten, sondern aus vielerlei Gründen, etwa um uns zu schützen, eine konsistente Weltsicht zu ermöglichen, die Umwelt zu unserem Vorteil einzuschätzen. Wir sehen einen Ball über die Wand rollen, obwohl nichts als vier Stäbe dargestellt werden. Je nach Geschwindigkeit nehmen wir die kreisrunde Fläche als mehr oder weniger geschlossen wahr. Aber auch in eine vieleckige oder eine Kreuzform verändert sich das Aussehen der Stäbe, während sie sich mal rascher, mal langsamer über die Fläche bewegen. Evolutionsbiologisch war es für den Menschen wichtig, die Beute auch in dem Fall zu erkennen, wenn sie sich versteckt hat. Das Hirn stellt ein Ganzes her, obwohl es nur einzelne Elemente zu sehen gibt.

„Ausgangspunkt war: Wie funktioniert das Auge, wie funktioniert das Sehen“, erläutert der Künstler. „Ich habe die Phänomene gesammelt, es gibt bekannte und weniger bekannte. Irgendwann dachte ich, ich würde das gerne in eine Arbeit umsetzen, und habe schnell begriffen, dass auch die Form der Sprache und der Zeichen wichtig ist.“ Während es zahlreiche Darstellungen von optischen Täuschungen in Büchern gebe, die gleichsam erstarrt seien, habe er die Bewegung ins Spiel bringen wollen. „Dadurch wurde für mich die Zeit für relevant.“ Weshalb er als Teil der Videoinstallation zwei Uhren konstruiert hat. Sie gehen exakt.

Die Ausstellung mit den beiden Installationen von Carsten Nicolai ist im Frankfurter Museum für Moderne Kunst bis zum 5. Mai zu erleben. Heute, Sonntag, wird von 12 bis 16 Uhr im Portikus auf der Frankfurter Main-Insel eine Performance von Carsten Nicolai mit Rainer Römer vom Ensemble Modern aufgeführt. Unter der Klangregie von Norbert Ommer wird „Aleph-1“, eine Kombination aus elektronischen und akustischen Klängen, erstmals zu hören sein.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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