http://www.faz.net/-gzg-762id
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.01.2013, 17:45 Uhr

Carsten Nicolai im Museum für Moderne Kunst Wie das Gehirn die Wirklichkeit schafft

Die Schau mit zwei Arbeiten von Carsten Nicolai im Museum für Moderne Kunst ist ein Höhepunkt der „Frankfurter Positionen“.

von , Frankfurt

Der Raum weitet sich ins Unendliche. Der Trick ist simpel und aus dem Versailler Schloss bekannt: zwei große gegenüberliegende Spiegel erzeugen den Schein von Endlosigkeit. Gar nicht einfach, sondern höchst subtil und ausgeklügelt, technisch perfekt und philosophisch fundiert, ästhetisch, aber auch erkenntnistheoretisch so faszinierend wie befremdlich ist die Arbeit, die in diesem Spiegelsaal ihre Wirkung auf Sinne und das menschliche Denkvermögen entfaltet. Alle Sicherheiten geraten ins Taumeln.

Michael Hierholzer Folgen:

Dabei werden die Phänomene, die hier auf einer breiten Wand visualisiert und zum Teil mit Klängen betont werden, mit wissenschaftlicher Präzision und einer überwältigenden Deutlichkeit der Zeichen vorgeführt. Leistungsstarke Beamer werfen glasklar anmutende Strukturen auf die Projektionsfläche, Linien, Punkte, Sinuskurven, geometrische Figuren. In einigem Abstand davor steht eine lange Bank, auf der die Besucher Platz und sich einige Zeit nehmen sollten. Dann nämlich werden sie ein paar höchst verblüffende Erfahrungen machen.

Sinneseindrücke und Wirklichkeit

Wie viel von dem, was wir wahrnehmen, produziert unser Gehirn selbst? Was haben unsere Sinneseindrücke mit der Wirklichkeit zu tun? Passt sich die Welt unserem Denkorgan an oder umgekehrt? Wie nehmen wir die Zeit wahr? Carsten Nicolai hat für die „Frankfurter Positionen“ im Museum für Moderne Kunst (MMK) eine Installation geschaffen, die mitten hinein führt in Debatten über das Hirn und die Frage, inwieweit es die Realität konstruiert. Der Titel der Arbeit ist „unidisplay“, und es gibt ein ebenfalls im MMK realisiertes Pendant dazu, „unio(psycho)acoustic“, das der Künstler zusammen mit Städelschülern konzipiert hat. Fünf Monate hat die Arbeit an diesem Werk gedauert. Es handelt sich um eine Klanginstallation, in der man hört, was man nicht hören kann. Analog zu den optischen Phänomenen im großen Raum tragen in dem Kabinett Klangereignisse zu einer nachhaltigen Verunsicherung bei.

Diverse akustische Täuschungen sorgen für Irritation, physikalische Effekte, die mit unserer Sinneswahrnehmung nicht in Einklang stehen. So glaubt man, die Töne schraubten sich in immer höhere Lagen, dabei bleiben sie stets auf derselben Höhe. Oder wir lauschen einem elektronischen Schlagzeug, das ständig schneller zu trommeln scheint, dessen Rhythmus in Wahrheit aber immer gleich bleibt. Nur die Töne werden höher. Verblüffend auch, dass das Ohr einen Ton als durchgängig empfindet, obwohl er von einem Rauschen unterbrochen wird, das Tonsignal also gar nicht permanent gesendet wird.

„Man fängt an, an sich selber zu zweifeln.“

Der Besucher kann verschiedene Beispiele wählen, während er zwischen zwei Lautsprechern steht. Mit Erstaunen wird er feststellen, dass sein Gehirn ihm Dinge vortäuscht, die nicht existieren. „Das war auch für die Städelschüler nicht leicht“, sagt Carsten Nicolai mit seinem unverkennbar sächsischen Zungenschlag und lacht. „Man fängt an, an sich selber zu zweifeln.“ Er tippt noch einmal auf die Schaltfläche, es rauscht und zischt. Bald aber stellt sich heraus, dass es sich um Glockenläuten handelt. Erst von einer bestimmten Dauer an ist das Gehirn in der Lage, den Ursprung von Geräuschen zu erkennen. Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst, bekommt eine Gänsehaut. „Das ist alles schon etwas unheimlich“, sagt sie.

Der Künstler und einige Helfer legen letzte Hand bei den Installationen an. Am Abend ist die Eröffnung. Gewiss ein Höhepunkt dieser Ausgabe der von der BHF-Bank-Stifung seit Jahren geförderten „Frankfurter Positionen“, bei denen gattungsübergreifend und in verschiedenen Kulturinstitutionen Themen behandelt werden, wie sie typisch für die Avantgarde-Bewegungen waren. Dieses Mal geht es um Grenzen und Grenzüberschreitungen. Und darum, wie lebendig eine Moderne heute noch ist, der es zentral um die Überwindung von Schranken geht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zum Abschied von Max Hollein Wie eine Kunststadt entsteht

Max Hollein tritt im Juni seine Stelle als Direktor der Fine Arts Museums in San Francisco an. Am Sonntag verabschiedet ihn die Stadt Frankfurt. Eine Ära endet. Mehr Von Michael Hierholzer

22.05.2016, 09:06 Uhr | Rhein-Main
Für hohe Ansprüche Apple in der Kunst

Apple-Produkte haben sich zu einem beliebten Werkzeug von Künstlern und Filmemachern entwickelt, nicht nur durch clevere Vermarktung. Dank hochauflösender Displays und zugeschnittenen Apps erfüllen sie deren Ansprüche. Mehr

08.05.2016, 02:00 Uhr | Technik-Motor
Musikprojekt One Day in Life Daniel Libeskind horcht in Frankfurt hinein

75 Konzerte in Frankfurter Krankenhäusern, Bunkern, fahrenden Straßenbahnen: Das ist Daniel Libeskinds Musikprojekt One Day in Life. Der Architekt im Gespräch über den Klang von Städten. Mehr Von Michael Hierholzer

20.05.2016, 10:18 Uhr | Stil
Dokumentarfilm Ai Weiwei ist Flüchtlingen in Gaza auf der Spur

Der chinesische Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei hat im Gazastreifen mit Arbeiten für einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge begonnen. Zu diesem Zweck führte er Interviews mit Menschen, die im Gazakrieg 2014 ihre Häuser verloren haben. Ai Weiwei befasst sich seit längerem mit dem Schicksal von Flüchtlingen. Mehr

13.05.2016, 12:19 Uhr | Politik
F.A.S.-exklusiv Wird Jürgen Fitschen Ehrenpräsident der Deutschen Bank?

Jürgen Fitschen ist nicht mehr Chef von Deutschlands bedeutendstem Geldhaus. Für die Bank arbeitet er aber weiterhin - und muss auch nicht auf den Elefantenfriedhof umziehen. Mehr

21.05.2016, 17:21 Uhr | Finanzen

Mut, nicht Übermut

Von Ralf Euler

Die FDP profitiert von der Flüchtlingskrise - sollte aber sorgfältig mit dem Zuspruch der Wähler umgehen. Denn ob ihr Comeback von Dauer ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Mehr 1 1

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen