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Burgfestspiel Bad Vilbel Eruptive Erinnerung an eine vergangene Jugend

Bei den Burgfestspielen Bad Vilbel hauchen Gustav Peter Wöhler und seine Band alten Hits neues Leben ein.

© Eilmes, Wolfgang Vergrößern Mit Körpereinsatz: Gustav Peter Wöhler bringt Bewegung in die Wasserburg von Bad Vilbel.

Wohl noch nie hat es in der Wasserburg von Bad Vilbel derart gerockt. Beglückt und verzückt verlassen die Gäste der Burgfestspiele nach zwei Stunden die mittelalterliche Ruine. Fertiggebracht hat das ein kleiner runder Mann mit schütterem Haar, den die Menschen vor allem als Schauspieler aus dem Fernsehen, Kino und Theater kennen: Gustav Peter Wöhler. Immer aber hat er auch Musik gemacht. Seit 15 Jahren geht er auf Tour und hat schon fünf CDs veröffentlicht.

Wöhler singt die Songs, die seine Jugend und ihn damit fürs Leben geprägt haben. 1956 kam er in Bielefeld zur Welt und war 14 Jahre alt, als Elton John „Take me to the Pilot“ sang. Mit diesem Hit bringt Wöhler erst einmal Bewegung in die vollbesetzte Burg. Selbst aus Bruce Springsteens Ballade „I’m on Fire“ macht er eine Rhythmus-Nummer. Neben seiner mit Klavier (Kai Fischer), Kontrabass (Olaf Casimir) und Gitarre (Mirko Michalzik) unelektronisch besetzten Band singt Wöhler mit seiner wandlungsfähigen, im Grundton aber zum hellen Reibeisen tendierenden Stimme nicht nur Text, sondern macht sie bisweilen zum vierten Instrument.

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Kollektive Seufzer und rote Rosen

Außerdem beeindruckt er durch enorme Beweglichkeit. In Streifenhemd, schwarzer Weste, schwarzer Hose und Turnschuhen tanzt er den Moonwalk, verwandelt seine Arme in Propeller, Flügel oder zu scheinbar knochenlos vibrierenden Fortsätzen, ist Derwisch, Flummi, Tier und irgendwie auch Elfe in Personalunion. Sein Mikrofon hält dieser Energie stand. Nachdem er es umgeworfen hat, funktioniert es immer noch. Und wer einen Texthänger so charmant wegsingt wie Wöhler bei „Stuck in the Middle of You“ von Stealers Wheel, wird zu Recht auch dafür bejubelt.

Dass sein Publikum und er sich so gut verstehen, liegt auch daran, dass man im gleichen Alter ist. Wenn er davon erzählt, dass er einst das Gefühl hatte, Elton John rede in „Your Song“ nur zu ihm, weiß jeder, was er meint. Als er den Titel ankündigt, löst sich in den Sitzreihen jedenfalls ein kollektiver Seufzer, und eine Anhängerin überreicht ihm sogar rote Rosen. Nach der temporeichen ersten Konzerthälfte, die aus einer Folge ehrlicher, sauber intonierter und gut arrangierter Cover-Nummern besteht, zieht Wöhler im zweiten Teil mehr musikalische sowie schauspielerische Register. Ohne falsche Scheu traut er sich nun an Simon and Garfunkels „Bridge over Troubled Water“, das tatsächlich erst tost und dann mit Casimirs Basstönen beinahe unhörbar leise endet, macht Bob Dylans „The Times They Are A-Changin“ auch zum eigenen politischen Statement, treibt - unterstützt von Michalziks Gitarre - den Police-Hit „Message in a Bottle“ in die Entfesselung, während er „I still haven’t Found what I’m Looking For“ von U2 depathetisiert und vom Hymnensockel holt.

Ein Kabinettstück liefert Wöhler mit „Nur geträumt“ ab, bei dem er Nenas Girlie-Punk mit so großer Kraft zerhaut, dass man Angst hat, er platzt. Dass sich das freilich noch steigern lässt, erfährt das Publikum im Zugabenteil. Nicht nur lässt er bei Randy Newmans „It’s lonely at the top“ die komödiantische Sau raus. Auch seine falsettierte Version von „Words“ ist eine Bee-Gees-Persiflage vom Feinsten. Die ohnehin häufig von sehnsuchtsvollen Liebesliedern unterbrochenen Eruptionen umweht trotzdem auch stets ein melancholischer Hauch. Die Jugend, welche die Stücke kurzfristig wieder auferstehen lassen, ist vergangen.

Quelle: F.A.Z.

 
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