Es ist eine bemerkenswerte Premiere am Samstag am südöstlichen Stadtrand. Zum „Fechenheimer Literaturfestival“ werden an fünf Orten im Stadtteil 25Schriftsteller zu Lesungen erwartet. Sie werden den Zuhörern ihre Werke vorstellen - zumeist soll es sich dabei um Erstlingswerke handeln, denn die Mitwirkenden sind Nachwuchsautoren, die erst auf Erfolg im Literaturbetrieb hoffen. Ihnen soll in Fechenheim eine Bühne geboten werden, und zugleich will sich der Stadtteil ein kulturelles Image erwerben.
Beide Seiten, sowohl das häufig als Industrie- und Gewerbestandort geschmähte Quartier als auch die ambitionierten und die Öffentlichkeit suchenden Schriftsteller, könnten von dem Literaturfestival profitieren. Die Veranstaltung ist eine private Initiative: Elke Dippel und Katja Lehmann haben das Programm in nur zwei Monaten vorbereitet. Dippel wohnt seit fünf Jahren im Stadtteil und betreibt dort die „Lounge Jasmin“. In dem Café an der Einkaufsstraße Alt-Fechenheim organisiert sie regelmäßig literarische Matinees. Bei einer der Veranstaltungen haben sich Dippel und Lehmann kennengelernt. Lehmann, die in Ginnheim wohnt, hat im Internet das noch junge Literaturportal www.phantastikinsel.de eingerichtet, in dem Rezensionen zu aktueller Literatur angeboten werden.
Lyrik, Zeitreisen, Krimis, Fantasy
Beide Frauen bewegt nach eigenen Angaben die Erfahrung, dass es Autoren schwer haben, in der Buchbranche Fuß zu fassen. Wenn ihre Werke dann in geringer Auflage erschien seien, erhielten die Autoren jedoch selten die Möglichkeit, sie bei einer Lesung zu präsentieren und so unmittelbar Reaktionen zu erfahren. Die literaturbegeisterten Frauen haben darum den Entschluss gefasst, den wenig oder gar nicht bekannten deutschsprachigen Schriftstellern eine Plattform zu bieten.
Ihre Bücher werden die am Literaturfestival teilnehmenden Autoren am Samstag von 14 Uhr an präsentieren. Die Lesungen finden in der „Lounge Jasmin“, im Eiscafé „Venezia“, das ebenfalls an der Straße Alt-Fechenheim gelegenen ist, im Restaurant „Kastanie“ an der Leinwebergasse, in der örtlichen Brauerei „Bier-Hannes“ an der Hanauer Landstraße sowie in der Gaststätte „Im Bootshaus“ am Fechenheimer Leinpfad statt. Alle Veranstaltungsorte verfügen über Höfe oder Terrassen, so dass bei gutem Wetter im Freien gelesen wird. Der Eintritt ist jeweils frei. Nach Angaben von Dippel werden unterschiedliche literarische Genres bedient: Lyrik, Zeitreisen, Krimis, Fantasy, aber auch Kinder- und Jugendromane seien zu hören. Durchschnittlich eine Stunde werde jedem Autor gewährt.
Bild von Fechenheim müsse korrigiert werden
Die meisten Schriftsteller, die am Samstag nach Fechenheim reisen, wurden nach Angaben von Dippel über das Literatur-Portal von Lehmann gewonnen, auf dem für das Festival geworben worden sei. Ausreichend Veranstaltungsorte zu finden sei nicht schwierig gewesen. Dass es Gastronomiebetriebe seien, erleichtere die Organisation, sagt Dippel. Aber auch andere Orte wären für die Lesungen denkbar gewesen: etwa das Mainufer, dessen Promenade gerade neu gestaltet wird. Die im Quartier gewonnenen Mitstreiter sehen in dem Festival durchaus einen unterstützenswerten Versuch, das Image des Stadtteils aufzuwerten. Ein ambitioniertes Vorhaben, denn bislang ist Fechenheim, das hinter einem Ring von Industrie- und Gewerbeflächen versteckt liegt, nicht als Stätte der Kultur bekannt. Der Stadtteil, der zuletzt wegen eines Braunkohlekraftwerks in die Schlagzeilen geraten ist, steht im Ruf, mit wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Nicht nur Dippel findet jedoch, dass der Eindruck trüge und dass das öffentliche Bild von Fechenheim korrigiert werden müsse. Das 16.000 Bewohner zählende Quartier, das sich im Südosten in den Mainbogen schmiegt, kann sich in der Tat sehen lassen. Die Straßen sind verkehrsberuhigt, die Einkaufsmeile ist gefällig gepflastert, der aufragende Kirchturm bietet einen schönen Blickfang, und die Mainlandschaft als Naherholungsraum liegt vor der Tür. Dippel sind etliche Kunstschaffende bekannt, die im Stadtteil wohnten und arbeiteten. Mit Blick auf leerstehende Gewerbeimmobilien und die Nähe zur Hochschule für Gestaltung im benachbarten Offenbach sehen auch Politiker in Fechenheim weiteren Raum für Künstler.
Schillerndes Vorbild
Mit den schönen Künsten und ihren Akteuren lässt sich durchaus für einen Stadtteil werben. Nicht weit von Fechenheim entfernt, im benachbarten Bergen-Enkheim, wird dies seit drei Jahrzehnten erfolgreich und ebenso mit Hilfe der Literatur praktiziert. Jeweils Anfang September wird dort ein Autor zum Stadtschreiber ernannt, mit einem ansehnlichen Preisgeld von 20.000 Euro und für ein Jahr mietfrei mit einer Wohnung versehen. Die Auszeichnung wird jeweils anlässlich eines Volksfests in einem Festzelt übergeben. Der Rahmen mutet skurril an, wird deswegen aber geschätzt. Viele renommierte Schriftsteller sind bereits zum Stadtschreiber ernannt worden, unter ihnen ist mit Herta Müller sogar eine spätere Literaturnobelpreisträgerin.
Ein schillerndes Vorbild, das die beiden Initiatorinnen des Fechenheimer Literaturfestivals womöglich auch im Blick hatten. Übertriebene Erwartungen wollen sie zunächst aber weder hegen noch schüren. Nach dem Wochenende soll das Festival mit allen Beteiligten bewertet werden; dass sich daraus eine regelmäßige jährliche Veranstaltung entwickeln könnte, sei aber nicht ausgeschlossen, sagt Dippel.