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Veröffentlicht: 26.10.2012, 18:51 Uhr

Büchner-Preise Auch ohne Anhänger für die Zukunft schreiben

Friedrich Christian Delius spricht in Darmstadt über Wolfgang Koeppen. Er lobt ihn als bescheidenen, oft verkannten und doch beeindruckenden Autoren.

von Jennifer Warzecha, Darmstadt
© dpa Wolfgang Koeppen diente ihm als starkes literarisches Vorbild: Friedrich C. Delius, Büchnerpreisträger 2011.

Seinen Verleger Siegfried Unseld trieb er mit Vorschusswünschen und Schreibhemmungen fast zur Verzweiflung, einen seiner Nachfolger als Träger des Büchnerpreises aber hat Wolfgang Koeppen zum Schreiben gebracht. Friedrich Christian Delius, Büchnerpreisträger des Jahres 2011, erinnerte als Gast des von Martin Schneider organisierten „Literarischen Herbstes“ in der Darmstädter Stadtkirche an den Schriftsteller, dem die Auszeichnung, die am Samstag an Felicitas Hoppe vergeben wird, vor genau 50 Jahren zugesprochen wurde.

Damals, im Jahr 1962, war der 56 Jahre alte Koeppen erst seit kurzem Suhrkamp-Autor. Mit seiner zu Beginn der fünfziger Jahre erschienenen „Trilogie des Scheiterns“, bestehend aus den Romanen „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“, hatte er sich zu einem der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit entwickelt, überforderte die Mehrzahl der Leser jedoch mit seiner Anknüpfung an die Verfahren der internationalen literarischen Moderne der Vorkriegszeit. „Koeppen“, sagte Andreas Müller, einer der ehemaligen Leiter des Literaturhauses Darmstadt, „hat nicht nur in die Gegenwart geguckt, sondern auch in die Zukunft hineingeschrieben.“

Er durchschaute „die Bräuche der Eile und der Verwertung“

Delius, der Koeppen als junger Leser nach eigenem Bekunden zu seinen Vorbildern zählte, sah es schärfer und fügte hinzu, Koeppen habe vielen Zeitgenossen nicht gepasst. In seinem Nachruf auf den 1996 gestorbenen Autor, den er ebenso vortrug wie Koeppens Dankrede auf den Erhalt des Büchnerpreises, hatte Delius geschrieben, Koeppen habe „keine Gemeinde unter den eher konservativen Lesern und Denkern“ gehabt, denen er zu radikal gewesen, und über „keine Gemeinde unter den Linken“ verfügt, „denen er zu preußisch oder zu dunkel“ erschienen sei. Auch keine Gemeinde der von ihm ohnehin zutiefst verachteten „Mitte“ habe es für Koeppen geben können: „Kein Dechiffriersyndikat, weil er zu klar schreibt.“

Koeppen selbst hatte in seinem Büchnerpreis-Dank resümiert, er habe seine Generation „bekämpft“. Die Auszeichnung empfand er sehr bescheiden nicht als „Krönung“, sondern „als Förderung“ seiner Karriere. Delius sah in seinem Nachruf, in dem er mit der Vorstellung spielt, wie Rundfunkredakteure ihm nur vier Minuten Sendezeit geben, den „lieben Alten“ ob des Zeitzwangs „verschmitzt lächeln“. Koeppen, der - trotz Büchnerpreis - lange vor seinem Tod literarisch verstummte, habe „die Bräuche der Eile und der Verwertung“ erkannt. „Er hat sie beschrieben, er hat sie durchschaut.“ Nicht das Schlechteste, auch wenn es Stummheit heißt.

Quelle: F.A.Z.

 

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