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Veröffentlicht: 10.06.2015, 15:52 Uhr

Buchsbaumzünsler Er frisst sich durch Parks und Gärten

Nicht nur in Frankfurt stehen in diesen Tagen viele Gartenbesitzer und Parkbetreiber vor kahlgefressenen Buchsbäumen. Die Ursache ist ein Schädling aus Asien, der hierzulande keine natürlichen Feinde hat.

von Mechthild Hartig
© Sebastian Cunitz Raupe Nimmersatt: Buchsbaumzünsler am Werk

Anfang Mai hatte Nils Andreas genug vom Thema „Buchsbaum“. Jeder zweite Kunde, der in das Gartengeschäft Samen Andreas in Frankfurt gekommen sei, habe darüber geklagt, sein Buchsbaum verliere alle Blätter oder werde braun. Andere haben an ihren Sträuchern sogar die Ursache für den schlechten Zustand der an und für sich immergrünen Pflanzen entdeckt: Es ist der aus China nach Europa eingeschleppte Buchsbaumzünsler, dessen Raupen ausschließlich Buchsbäume befallen. Sie tun sich an den hochgiftigen Blättern gütlich, bis von den oft kugelig geschnittenen Sträuchern nur noch Astgerippe übrig sind. Kahlfraß nennen das die Fachleute.

Derzeit hätten die Gärtner eine kleine Verschnaufpause, sagt Andreas. Der Zünsler bringe es auf mehrere Populationen im Jahr. Gespinste, die häufig wie weiße Spinnenweben aussehen, könnten dem Gartenbesitzer anzeigen, dass die Pflanze befallen ist. Unübersehbar wird der Schaden, wenn die Raupen fressen. Andreas rechnet in vier bis fünf Wochen mit der nächsten Raupen-Generation. Dann wird voraussichtlich wieder jeder zweite seiner Kunden dieselbe Frage stellen: „Wie rettet ich meinen Buchs?“

Keine natürlichen Feinde

Wer nicht warten will, bis sein Strauch leergefressen ist, muss aktiv werden. Denn natürliche Feinde hat der Zünsler in Europa nicht. Wolfgang Nässig, der im Senckenberg-Institut für die Schmetterlingssammlung verantwortlich ist, macht Gartenbesitzern wenig Hoffnung, dass sich daran schnell etwas ändern könnte. „Das wird noch dauern“, sagt er. Bei der Miniermotte, die, von Süden kommend, plötzlich auch über die weißblühenden Kastanien in Frankfurt hergefallen sei, habe es zehn Jahre gedauert, bis sich die Verbreitung allmählich verlangsamt habe. Anfangs habe sich auch die Miniermotte explosionsartig vermehrt, so wie es derzeit beim Zünsler zu beobachten sei.

2007 ist dieser Schädling zum ersten Mal in einem Hausgarten im Süden von Baden-Württemberg entdeckt worden. Mittlerweile kennt man ihn in 20 europäischen Ländern. Wobei diese rasante Entwicklung nicht allein dem Bewegungsradius des Schmetterlings zuzuschreiben ist, wie Fachleute betonen. Schon die jungen Pflanzen, die in Gartenmärkten zum Verkauf angeboten würden, seien vom Zünsler befallen.

Nässig zufolge muss man nun auf die Natur hoffen. In China haben bestimmte Fliegen und Schlupfwespen erkannt, dass sich die Raupen ausgezeichnet als Wirtstiere eignen. In Asien legen Fliegen ihre Eier an die Tiere, damit sich die Larven dann in die Raupen fressen; die Schlupfwespen stechen die Raupe, um ihre Eier abzulegen. Vögel dagegen spielen laut Nässig als Feinde der Raupen eine untergeordneten Rolle.

Es gibt verschiedenste Empfehlungen, wie der Zünsler zu bekämpfen ist. Nässig empfiehlt als beste Methode das Absammeln der Raupen mit der Hand. Das sei einfach und ungefährlich. Es braucht aber auch Zeit und Geduld. Im Botanischen Garten in Frankfurt hat dessen Leiter Manfred Wessel beobachtet, dass der Teil einer Buchsbaumhecke weniger befallen ist, der jedes Jahr im Herbst geschnitten wird. Das ist die Zeit, in der sich der Zünsler zum Überwintern tief in der Hecke einspinnt.

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Andere empfehlen das Öl des Niembaums, das, einmal aufgetragen, die Raupen absterben lässt. Nils Andreas empfiehlt das Fraßgift von Bacillus thuringiensis, das beispielsweise auch gegen den Eichenprozessionsspinner eingesetzt wird. Das Mittel muss allerdings zur rechten Zeit und mehrmals im Jahr gesprüht werden. Fachleute sagen oft, dass einmal befallene Pflanzen kaum zu retten seien. Sie raten, die Buchsbäume zu verbrennen oder in Plastiktüten verpackt in den Restmüll zu geben, sie aber auf keinen Fall in die Biotonne zu werfen.

Die Stadt setze in ihren Parks keine „chemischen Keulen“ ein, sagt Heike Appel, stellvertretende Leiterin des Grünflächenamts. Über kurz oder lang würden die Park-Buchsbäume alle gerodet.

Ersatzgewächs Ilex crenata

Besonders betroffen sind historische Anlagen. Denn der Buchs spielt in der Gartenkunst eine wichtige Rolle. So sind Barockgärten ohne die Beeteinfassungen aus diesem Gewächs kaum vorstellbar. Aber auch im Klostergarten in Seligenstadt gibt es kilometerlange Buchshecken, die fast vollständig abgefressen sind. Denn auch die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen spritzt nichts gegen Schädlinge. Dort hat man darüber hinaus erlebt, dass die vom Buchsbaumzünsler geschwächten Pflanzen stark von einem besonderen Buchsbaumpilz befallen werden. Auch der breitet sich in Deutschland und Frankreich stark aus.

Die für die hessischen Gartenanlagen verantwortliche Landschaftsarchitektin Inken Formann hat sich deshalb dafür entschieden, befallene Buchsbäume durch eine andere Pflanzenart zu ersetzen. Das kostet die Gartenverwaltung nach bisheriger Schätzung rund 75.000 Euro. Doch dafür sähen Kugeln und Beeteinfassungen wieder attraktiv aus, heißt es. Das Ersatzgewächs Ilex crenata sieht Formann zufolge genauso aus wie ein Buchs.

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