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Veröffentlicht: 08.01.2017, 20:04 Uhr

Brustkrebs bei Männern Diagnose per Zufall

Hubert Schmidt und Robert Wolf hätten nie gedacht, dass sie Brustkrebs haben könnten. Denn in Deutschland erkranken daran jedes Jahr nur 600 Männer. Behandelt werden sie wie ihre Leidensgenossinnen - in einem Brustzentrum.

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© Prisma Bildagentur Durchleuchtung: Auch die männliche Brust kann mammographisch untersucht werden. Das ist aber schwieriger und schmerzhafter als bei Frauen.

Am Anfang glaubte Hubert Schmidt an eine Sportverletzung. Im Fitnessstudio war der damals 62 Jahre alte Mann ein paar Mal mit den Gewichten gegen seinen Brustkorb gekommen. In der Umkleide bemerkte er, dass seine Brustwarze blutete. Als sich die Verletzung nicht besserte, zeigte er sie seinem Hausarzt. Der Arzt tastete einen Knoten und überwies Schmidt an einen Chirurgen. Schon zwei Wochen später musste er zur Biopsie. Die Gewebeprobe bestätigte den Verdacht: Brustkrebs.

Ingrid Karb Folgen:

„Die haben sich bestimmt vertan“, dachte Schmidt zunächst. In seiner Familie gab es zuvor keinen Fall dieser Krebsart, und von Brustkrebs bei Männern hatte er sowieso noch nie gehört. Auch spürte er keine Schmerzen und hatte keine Veränderung bemerkt. Dennoch: „Das Untersuchungsergebnis glich einem Horrorbericht“, erinnert sich Schmidt. Angesichts des Befunds geriet selbst der nach Worten seiner Frau eigentlich immer lebensfrohe und positiv eingestellte Mann ins Grübeln.

Wartende komisch geguckt

Brustkrebs kann bei Männern ebenso auftreten wie bei Frauen, ist aber viel seltener. Nicht einmal ein Prozent aller Brustkrebserkrankungen beträfen Männer, sagt Christine Solbach. Als Senologin ist die Professorin in der Frauenklinik der Universitätsklinik Frankfurt auf die Behandlung der Brust spezialisiert. Jedes Jahr erkrankten in Deutschland etwa 600 Männer neu an Brustkrebs - und 65 500 Frauen.

Für die Behandlung sollten Männer sich an ein zertifiziertes Brustzentrum wenden, rät Solbach. Die meist älteren Männer - der Krebs trete im Schnitt mit 63 Jahren auf - koste es allerdings Überwindung, in eine Frauenklinik zu gehen. Doch dort habe man viel Erfahrung mit der Erkrankung. In der Gynäkologie der Uniklinik würden bis zu drei Männer im Jahr behandelt.

Dazu gehörte vor acht Jahren auch Hubert Schmidt, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil er in seiner südhessischen Heimatgemeinde im Vereinsleben aktiv ist. Eine Bekannte, die an der Frankfurter Uniklinik arbeitet, vereinbarte für ihn einen Termin im Brustzentrum. Wenn er als Mann aufgerufen worden sei, hätten andere Wartende manchmal komisch geguckt, erinnert sich Schmidt.

Regelmäßig zur Kontrolle

Wenige Wochen später wurde er in Frankfurt operiert. Die Ärzte entfernten 125 Gramm Gewebe, die Brustwarze und zwei Lymphknoten. Gestreut hatte der Krebs noch nicht. In der Frauenklinik hatte er natürlich ein Einzelzimmer. Dennoch kam er sich dort etwas komisch vor, wie Schmidt sagt.

Die Behandlung von Männern mit dieser Krebsart unterscheidet sich nicht von der von Frauen. Nur der Brusterhalt spielt bei ihnen keine Rolle. „Bei Männern wird meist das gesamte Brustgewebe inklusive Brustwarze entfernt“, erklärt Solbach. Die weitere Behandlung hängt, wie bei Frauen, von den Eigenschaften des Tumors ab.

Schmidt musste fünf Jahre lang jeden Tag eine Tablette nehmen, um das Nachwachsen von Krebszellen zu verhindern. Außerdem geht er nach wie vor regelmäßig zur Kontrolle. Zunächst musste er alle drei Monate zur Nachsorgeuntersuchung inklusive Abtasten der Brustwand und der Lymphabflusswege. Alle sechs Monate wurde er per Ultraschall untersucht. Nach drei Jahren verlängerten sich die Nachsorge-Intervalle auf sechs Monate.

Erkrankung meist spät entdeckt

Eine Mammographie wird bei Männern in der Nachsorge allerdings nicht regelmäßig gemacht. Denn dabei wird das Brustgewebe zwischen zwei Platten eingeklemmt, was bei Männern wesentlich schwieriger und schmerzhafter ist als bei Frauen. Schmidt sagt: „Ohne blaue Flecken geht da nichts.“ Außerdem tastet der Rentner alle 14 Tage die Brust ab. Das wäre ihm zuvor nie in den Sinn gekommen.

„Die männliche Brust wird in der Regel nicht abgetastet“, sagt Ärztin Solbach. Das gelte auch für Vorsorgeuntersuchungen. Deshalb werde Brustkrebs bei Männern meist spät entdeckt. Bemerkt werde die Erkrankung erst, wenn sich die Brustwarze verändere, sich zum Beispiel einziehe, entzünde, blute, schuppe oder wenn es offene Stellen gebe.

Risiko bei familiärer Häufung von Brustkrebs

Auch Robert Wolf hat seinen Tumor nur durch Zufall entdeckt. Im Alter von 43 Jahren hatte er 2010 im Urlaub beim Eincremen mit Sonnenmilch so etwas wie einen Pflaumenkern unter der Haut an der Brust gespürt. „Vermutlich eine entzündete Talgdrüse“, dachte er und war nicht weiter beunruhigt. Deshalb ging er auch nicht sofort nach der Rückkehr zum Arzt, sondern zeigte die Erhebung erst später dem Hausarzt. Der ging zunächst von einer Zyste aus.

Doch einige Tage später klingelte das Telefon. Der Hausarzt schickte den verwunderten Wolf zu einer Mammographie. Zufällig hatte der Mediziner in der Zwischenzeit mit einer Gynäkologin gesprochen, die ihn auf die Möglichkeit von Brustkrebs aufmerksam machte. Tatsächlich gab es in der Familie von Wolf schon drei Brustkrebsfälle, seine Mutter war im gleichen Alter daran gestorben.

Wegen der geringen Fallzahl seien die Auslöser bei Männern nur schwer zu erforschen, sagt Senologin Solbach von der Frankfurter Uniklinik. Ein erhöhtes Risiko besteht bei familiärer Häufung von Brustkrebs und auch von Eierstockkrebserkrankungen, falls eine genetische Mutation dafür die Ursache ist. Auch Männer mit dem Klinefelter-Syndrom, die über ein zusätzliches X-Chromosom verfügen, und ein stärkeres Wachstum von Brustdrüsengewebe haben können, sind gefährdet.

Mit 49 Jahren in Rente

Wolf war nie auf die Idee gekommen, dass auch er an Brustkrebs erkranken könnte. Untersuchungen ergaben allerdings, dass es sich bei ihm um hormonell bedingten Brustkrebs ohne nachweisbare genetische Disposition handelte.

Eine Woche nach dem Befund wurde er operiert. Der Tumor war noch recht klein. Es folgten eine sechsmonatige Chemotherapie und eine mehrjährige Antihormontherapie; damit wird standardmäßig hormonell bedingter Brustkrebs auch bei Frauen behandelt. „Männer haben aber einen anderen Hormonhaushalt“, sagt Wolf. Die Behandlung habe ihn wegen der vielen Nebenwirkungen regelmäßig „ausgeknockt“. Dennoch arbeitete er weiter als Vertriebsingenieur und war oft beruflich im Ausland.

Trotz der Nachsorge entdeckten die Ärzte nach fünf Jahren bei Wolf Metastasen in Wirbelsäule und Leber. Nun folgte eine andere Chemotherapie, die zunächst gut anschlug. Das Wachstum der Krebszellen konnte eingefroren werden. Wegen der starken Nebenwirkungen der Behandlung ist Wolf mit 49 Jahren in Rente gegangen. Als die Metastasen nach einigen Monaten wieder größer wurden, begann eine weitere Chemotherapie.

Austausch in Internetforum

Wolf engagiert sich seit Jahren in der Selbsthilfe. Er will sich dafür einsetzen, dass die Krebserkrankung bei Männern schneller entdeckt und behandelt wird. Allen Männern, in deren Familien Brustkrebs aufgetreten ist, empfiehlt er, ihre Brust regelmäßig abzutasten. Weil die Versorgung nicht optimal war, haben Betroffene im Jahr 2010 das „Netzwerk Männer mit Brustkrebs“ unter dem Dach der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ gegründet. Der eingetragene Verein hat etwa 60 Mitglieder, die sich zweimal im Jahr treffen. Wolf ist Ansprechpartner für den Rhein-Neckar-Raum und berät Betroffene auf Patienten-Tagen in der Region. Meist meldeten sich Frauen oder Töchter bei ihm; die Männer hätten in der Regel Angst, offen über ihre Erkrankung zu reden.

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Weil er und ein anderer Mann momentan die einzigen Männer im Netzwerk mit Metastasen seien, tausche er sich viel mit Frauen aus der Selbsthilfe und anderen Patienten in einem Internetforum aus, berichtet Wolf. So hat er auch Angela Hasse kennengelernt. Die Hamburger Fotografin hat vor einigen Jahren „Neun Frauen und ich - Ein Buch über Brustkrebs, Heilung, Hoffnung und Erotik“ geschrieben und illustriert. Darin werden Frauen interviewt, die gelernt haben, mit der möglicherweise todbringenden Diagnose umzugehen. In einer neuen Auflage, die bald erscheinen soll, wird sie Robert Wolf als Mann mit Brustkrebs aufnehmen.

„Mit Herzklopfen zur Untersuchung“

Hubert Schmidt kennt keinen anderen Mann, der an Brustkrebs erkrankt ist. Eine Reha nach dem Klinikaufenthalt lehnte er ab, weil er nicht ständig über die Erkrankung reden wollte. Deshalb hat er auch nie eine Selbsthilfegruppe besucht. Selbst im Internet hat er nie nachgeschaut - „um sich nicht herunterziehen zu lassen“. Stattdessen ging er bald wieder arbeiten. „Was habe ich davon, wenn ich zu Hause sitze und grübele?“

Schmidts Operation ist nun fast acht Jahre her. Bisher hatte er keinen Rückfall. Im Nachhinein ist er froh, dass er damals im Fitnessstudio das Blut bemerkt hat. Dadurch sei der Krebs früh entdeckt und schnell behandelt worden. Er habe seine Ernährung umgestellt, aber ansonsten nicht viel verändert. Mit dem Rauchen hatte er schon vorher aufgehört, Alkohol trinkt er in Maßen nach wie vor. Auch treibt er wieder Sport. Schmerzen hat er durch die Operation nicht, und die Medikamente zeigen bei ihm keine Nebenwirkungen. Alle sechs Monate aber bangt er wieder: „Ich fahre aber immer noch mit Herzklopfen zur Untersuchung und bete: ,Hoffentlich ist nichts.‘“

Mehr Informationen zu Brustkrebs bei Männern finden sich im Internet, zum Beispiel unter der Adresse www.brustkrebs-beim-mann.de.

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