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Veröffentlicht: 15.05.2017, 13:31 Uhr

Cannabis in der Medizin „Ohne Gras hätte ich nicht kommen können“

Seit 10. März sind Arzneien mit dem Cannabis-Wirkstoff THC ohne Ausnahmeregelung erstattungsfähig. Doch profitieren seitdem mehr Patienten davon? Eine Tagung für Ärzte und Patienten dazu brachte Antworten.

von Martina Propson-Hauck
© Wolfgang Eilmes Wirk-Stoff: Dronabinol ist zähflüssiger Form von THC Pharm in Frankfurt

Canan Kocabey sitzt im Rollstuhl, der Kopf kippt hin und her, Speichel rinnt aus seinem Mund. Wenn er spricht, muss sein Pfleger die Laute in verständliche Worte übersetzen. „Brauche Arzt für Rezept!“ steht auf seinem Pappschild. Er ist am Wochenende von Aachen nach Frankfurt gereist, um einen Arzt zu finden, der ihm Cannabis zur Linderung seiner Beschwerden verschreibt. „Ohne Gras hätte ich nicht kommen können“, übersetzt der Pfleger. Im Preungesheimer Saalbau haben sich am Samstag mehr als 200 Ärzte aus ganz Deutschland auf einer medizinischen Fachtagung über den Einsatz von Cannabis und Cannabinoiden in der Medizin informiert.

Anlass ist eine Gesetzesänderung, die es seit dem 10. März Ärzten ermöglicht, Medikamente auf Cannabisbasis, Blüten der Pflanze und Extrakte per Betäubungsmittelrezept zu verschreiben, ohne eine Ausnahmegenehmigung erwirken zu müssen. Dass das in der Praxis für Arzt und Patient oft immer noch eine bürokratische und komplizierte Auseinandersetzung mit Krankenkassen zur Folge habe, war eine Erkenntnis der Tagung. Viele Ärzte, so der Tenor, möchten ihren Patienten gern mit Cannabispräparaten helfen, haben aber bisher keinerlei Erfahrung damit.

„Gegen sehr viele Krankheiten“

Auch Patienten nutzten den Kongress, um konkrete Hilfe zu suchen, einige mit Tourette-Syndrom, aber auch Herr B. aus Wiesbaden, der seinen Namen nicht nennen möchte, „weil ich Beamter bin“. Und Privatpatient, wie er auf sein Schild geschrieben hat, weil er hofft, dass es das leichter macht. Gegen seine chronische Schlaflosigkeit und Schlafapnoe nimmt er seit vielen Jahren Schlafmittel und Psychopharmaka. Jetzt hat er Angst vor einem Schlaganfall und will probieren, ob Medizinalhanf ihm hilft. Aus der „Schmuddelecke“ will Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) die Medikation mit Cannabis herausholen. „Es muss in Frankfurt genügend gut informierte Ärzte geben, die Cannabis bei entsprechender Indikation verschreiben“, sagte er. Deshalb hat das Drogenreferat der Stadt die Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Cannabis in der Medizin(ACM) zusammen mit der Landesärztekammer organisiert und unterstützt.

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Die Frankfurter Ärztin Sylvia Mieke setzt seit 17 Jahren Dronabinol, den Cannabiswirkstoff THC, in der Behandlung „gegen sehr viele Krankheiten“ ein: etwa gegen Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung von Krebs- und Aids-Patienten oder gegen heftige Schmerzen. Sie ist wie die Referenten Kirsten Müller-Vahl und Franjo Grotenhermen im Vorstand der ACM. Grotenhermen, der seit Jahren an einer seltenen Erkrankung leidet und deshalb auf einer Trage im Liegen referieren muss, ist Arzt in Rüthen (Nordrhein-Westfalen) und gilt als Pionier der medizinischen Behandlung mit Cannabis in Deutschland. Er ist seit Freitag in einen befristeten Hungerstreik getreten, um öffentlich darauf aufmerksam zu machen, dass sich der Preis für Cannabis aus der Apotheke nach der Gesetzesänderung vervielfacht habe. Die Zubereitung als Rezeptur ermögliche Apothekern diesen Aufschlag. Zudem beklagten Patienten große Lieferschwierigkeiten für einige Sorten.

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