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Boxen Der Helfer, der nicht helfen darf

 ·  Boxtrainer Werle bereut, Thompson nicht auf den Kampf gegen Klitschko vorbereitet zu haben. Jetzt drückt er ihm nur noch die Daumen.

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Für Tony Thompson, der am Samstag in Bern Box-Weltmeister Wladimir Klitschko entthronen will, hätte der Weg in die Schweiz eigentlich über Frankfurt führen sollen. Zwei Wochen lang hätte der Herausforderer des Champions im Schwergewicht am Main trainiert, sich hier den letzten Schliff geholt. So war es abgemacht zwischen dem Athleten aus Washington und Enno Werle, jenem Mann, der einst den Karlsruher Markus Bott zum Weltmeister formte. Inzwischen weiht er in der Boxing Academy des Challenge Club in der Darmstädter Landstraße Manager in das ABC des Faustkampfs ein. Werle kennt Thompson schon ein gutes Jahrzehnt lang; seit Dezember 2001, als der Amerikaner den Sparringspartner für Luan Krasniqi gab. „Ein richtig netter Kerl“, sagt Werle über Thompson, unabhängig von allen Enttäuschungen der vergangenen Wochen, denn der Mann aus Übersee hat nicht Wort gehalten. Oder er ist schlecht beraten worden. Wer weiß das schon?

Am Mittwoch hat Werle seinem alten Kumpel eine Mail geschickt, alles Gute für den Kampf gewünscht. Die Rückmeldung kam prompt: „Alles Gute auch für dich, es bedeutet mir viel, von dir zu hören.“ Am Ring im Berner Stade de Suisse war Werle als Co-Trainer und Cutman vorgesehen, als Mann für die Blessuren im Gesicht. Statt in der Ecke des Herausforderers zu stehen, wird Werle daheim vor dem Fernseher sitzen und das Duell mit gemischten Gefühlen verfolgen. Eine verpasste Chance mehr, denkt er schon heute. Für Thompson, aber auch für Werle. Er hat daran mitwirken wollen, dass Thompson sein Potential ausschöpft, denn dafür hatten ihn die Amerikaner im Januar während eines spontanen Besuchs Werles in ihr Team geholt. „Mr. Handsup“ haben sie ihn genannt, weil er so penetrant das Deckungsverhalten ihres Tonys anmahnte. Werle erkannte Nachholbedarf im Washingtoner „Headbangers Gym“: Die Balance stimmte nicht. Es fehlten Schnelligkeit, Aggressivität und Schlaghärte. Als „stümperhaft“ bezeichnete Werle das Training des Rechtsauslegers, ohne eine Spur von Systematik, ohne Pünktlichkeit, ohne Disziplin, manchmal fiel eine komplette Trainingseinheit aus. „Die Linke wusste nicht, was die Rechte tut“ - die Bilanz von Mr. Handsup. „Um all diese Defizite abzustellen, haben sie mich verpflichtet“, so Werle, ehe er zurück in die Heimat flog. An der Frankfurter Messe hatte Werle ein Hotel für das Thompson-Team gebucht, im Offenbacher Boxklub Nordend einen Hochring für das Training reserviert. Aber dann kam die Absage aus den Vereinigten Staaten. Man fliege direkt in die Schweiz, vor allem aber sei man auf jeden Cent angewiesen. „Hör auf zu helfen, wenn es Geld kostet“, so die Botschaft. Mit „Danke, mein Freund“, wurde die E-Mail der Absage am Schluss verziert. Als Honorar waren 3,5 Prozent der Börse von 900.000 Euro ausgemacht.

Werle will keine „Almosen“

Ursprünglich, meint Werle, hätte er Thompson eine Chance von 1:3 gegen Klitschko eingeräumt. Heute rechnet er sie mit 1:30 hoch. „Thompson kann nur gewinnen, wenn sich Klitschko während des Kampfes das Bein bricht.“ Wer nicht lernen will, muss fühlen, dürfte die sportliche Konsequenz für die halbherzige Vorbereitung des vierzigjährigen Thompson sein. Er und Wladimir Klitschko standen sich schon 2008 gegenüber. Damals siegte der Ukrainer durch K.o. in der elften Runde. Dessen Trainer Emanuel Steward prophezeit diesmal den K.o. für Runde sechs. Aus der Ferne wird Enno Werle dem Außenseiter die Daumen drücken, so desillusioniert er auch sei. Der „nette Kerl“ sei zugleich ein armer Kerl. Geplagt von Steuerschulden und diversen Forderungen. Da wäre der von Werle eingefädelte Werbevertrag für den Kampfabend ein Segen gewesen, aber Thompson meinte besonders schlau zu sein, als er auch noch amerikanische Firmen als Sponsoren an Land ziehen wollte. Weil aber jeder auf Exklusivität beharrte, geht Thompson leer aus, wenn es um zusätzliche Einnahmen geht. Er schafft es, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Werle hat er gebeten, ihm die Summe der Auslagen zu nennen, um sie „im Rahmen meiner Möglichkeiten, aber nicht alle“ zu begleichen. Enno Werle will keine „Almosen“. Ein Honorar als Mann an der Seite des Herausforderers wäre ihm lieber gewesen. Es wäre auch für ihn eine Herausforderung geworden, David im Kampf gegen Goliath zu mobilisieren. Werle wird Thompson am Samstag die Daumen drücken, ihm wohl weiterhin wie alle Jahre wieder Weihnachtsgrüße in die Vereinigten Staaten schicken. Die Botschaft Thompsons in einer der letzten E-Mails gleicht einem Hilferuf: „Ich wünsche nichts mehr, als dass du an meiner Seite bist.“

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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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