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Botschafter des Jazz Herr Adorno hat leider keine intellektuelle Hilfe geleistet

01.10.2003 ·  Aber auch ohne ihn waren Frankfurts Musiker als Botschafter des Jazz erfolgreich unterwegs: Für dreihundert Mark mit einem klapprigen Kleinbus von Offenbach über Hamburg bis nach Zopot.

Von Jürgen Schwab
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Aber auch ohne ihn waren Frankfurts Musiker als Botschafter des Jazz erfolgreich unterwegs: Für dreihundert Mark mit einem klapprigen Kleinbus von Offenbach über Hamburg bis nach Zopot

"Aktiv sind die Two Beat Stompers des hot club frankfurt, die sich nunmehr zum Ziele gesetzt haben, durch öffentliche Konzerte den wachsenden Kreis des deutschen Jazz-Publikums anzusprechen", berichtete 1954 das Internationale Jazz Podium: "Diese ,one night stands' wurden durch ein erfolgreiches Konzert in der Aula des Kreuznacher Gymnasiums begonnen und fanden ihre Fortsetzung im Saalbau von Neustadt an der Weinstraße. Anfang Mai werden die Two Beat Stompers in Koblenz spielen, weitere Konzerte sind für Köln, Düren, Bonn und Hannover geplant." Als Kontaktadresse war eine Offenbacher Anschrift angegeben. Dort wohnte Wolfgang Böhm, der spätere Wirt vom "Jazzhaus". Damals fungierte Böhm als hauptamtlicher Geschäftsführer der Deutschen Jazzföderation (DJF), und seine Privatanschrift war identisch mit derjenigen der Föderation. Seine Bemühungen um überregionale Engagements für die "Two Beat Stompers" lagen durchaus auf einer Linie mit den Zielen der DJF: den Jazz als ernstzunehmende Kunstmusik im öffentlichen Bewußtsein zu verankern.

Dabei galt es zunächst einmal den "echten" Jazz von den seichteren Formen populärer Musik zu differenzieren, die bis weit in die fünfziger Jahre hinein immer wieder unter dem vermeintlich verkaufsfördernden Label "Jazz" vermarktet wurden. Selbst der gewichtigste Gegner des Jazz, Theodor W. Adorno, machte da keine Unterschiede, obwohl er es als musikalischer Gewährsmann eigentlich besser hätte wissen müssen. Man kann nur vermuten, daß Adornos Standpunkt in einer tiefen persönlichen Aversion gegen den Jazz begründet war. Wissenschaftlich erscheint er aus heutiger Sicht ebenso unhaltbar wie folgenlos. Die DJF ging letztlich als Sieger aus der Kontroverse hervor, die nicht nur hermetisch intellektuell geführt, sondern vor allem in den Massenmedien, zunächst im Radio, später im Fernsehen ausgetragen wurde. Jazzsendungen des Hessischen Rundfunks von Olaf Hudtwalker und Horst Lippmann waren quasi die Fortsetzung von Schallplatten-Vortragsabenden, mit denen der Hot Club Frankfurt seit der Nachkriegszeit das Publikum mit den Stilen und Solisten des Jazz bekannt gemacht hatte.

Ähnlich didaktisch gestaltete sich auch das erste erfolgreiche Tournee-Konzept Frankfurter Musiker. Unter dem Titel "History of Jazz" machten sie sich etwa um das Jahr 1956 auf, den deutschen Bildungsstand in Sachen Jazz zu heben. Die Idee kam von Fritz Rau, der von Mitte der fünfziger Jahre an als Konzertreferent der DJF in Frankfurt wirkte. "Ich hab vom Norman Granz Geld gepumpt, daß wir einen VW-Bus kaufen konnten", erzählt Rau: "Mit dem sind wir durch die Gegend gefahren: vom Jazzclub Nürnberg bis Hamburg hoch. Geld gab's kaum, so dreihundert Mark höchstens, übernachtet haben wir bei Jazzfreunden, gegessen haben wir nicht viel und gespielt wie die Teufel."

Das Konzept war ausgeklügelt. Aus sieben Musikern - so viele paßten gerade in den Bus - wurden drei Bands gebildet, um die stilistische Entwicklung des Jazz zu demonstrieren. Höhe- und Endpunkt war das Joki Freund Quintett mit den Brüdern Mangelsdorff. Für die Anfänge im Dixieland kam Trompeter Werner Rehm von den "Two Beat Stompers" dazu, Joki Freund spielte Sousaphon und Emil Mangelsdorff Klarinette. Das tat er auch in dem nach ihm benannten Swingtett, während Bruder Albert hier die Gitarre und Freund Joki das Klavier bediente.

In der Frankfurter Szene existierten keine Berührungsängste zwischen den Anhängern des Modernen und denen des Traditionellen Jazz. "Wenn Not am Mann war, stiegen die Gebrüder Mangelsdorff in eine Dixieland-Combo ein", berichtete 1953 ein erstaunter Journalist von einer Session im Jazzkeller: "Albert, der kühlste Posaunist Deutschlands, und Emil, moderner Altist, spielten Tailgate-posaune und New-Orleans-Klarinette im alten Stil, daß es eine Freude war. Es gibt keine feindlichen Lager, die sich aufs Blut bekämpfen." Das war um so erstaunlicher, als die stilistische Demarkationslinie in Nachkriegsdeutschland jener zwischen Profis und Amateuren entsprach. Noch erstaunlicher war es freilich, wenn man bedenkt, daß der Dixieland von Amateurbands kommerziell erfolgreicher war als der Modern Jazz von Profis, die Mühe hatten, von ihrer Kunst zu leben. In Frankfurt führte all das nicht zur Spaltung. Im Gegenteil: Joki Freund und Emil Mangelsdorff gehörten lange Zeit fest zu den "Two Beat Stompers", bei denen selbst Albert bei einer Plattenaufnahme mitwirkte. Es herrschte eine Atmosphäre der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts, die nicht zuletzt in den gemeinsamen Erfahrungen während des Nationalsozialismus ihren Ursprung haben dürfte. Doch die Frankfurter beschränkten ihr missionarisches Wirken für den Jazz nicht auf Deutschland. Sie brachten die Frohe Botschaft der Blue Notes und Synkopen auch nach Osteuropa. Schon 1954 oder 1955 besuchte die Jutta Hipp Combo, verstärkt durch Carlo Bohländer, Jugoslawien, später gefolgt auch von den "Two Beat Stompers". Als wichtigste Missionsreise der Frankfurter ist jedoch ihr Erscheinen beim Jazzfestival von Zopot 1957 in die Geschichte eingegangen. Sie gilt als erste polnisch-deutsche Kulturbegegnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die, wenn man so will, noch im Krieg ihre Vorgeschichte besaß. Werner Wunderlich, bekannt durch seine Jazzsendungen im Radio und als langjähriger Veranstalter der Reihe "Jazz im Palmengarten", war damals in polnische Kriegsgefangenschaft geraten. Als einem der wenigen Deutschen gelang es ihm dabei, lediglich durch Zuhören und Lesen die polnische Sprache zu erlernen. Er spricht sie noch heute akzentfrei und pflegt viele Kontakte mit Polen.

1956 erreichte ihn eine Einladung zum Jazzfestival von Zopot - mit seiner Band. Bescheiden wie er immer gewesen ist, dachte Wunderlich gar nicht daran, den deutschen Jazz als Sousaphonist seiner Darmstädter Studentencombo, der "Rheinboat Ramblers", in Polen zu vertreten. Er fuhr in den Frankfurter Jazzkeller, um Albert, Emil und Joki von der Idee zu überzeugen, hinter den Eisernen Vorhang zu fahren - mitten im Kalten Krieg und ohne zu wissen, wieviel Zloty dabei herausspringen würden. Doch die Skepsis der Musiker war nicht der einzige Widerstand, den Werner Wunderlich zu überwinden hatte. Auch die praktische Durchführung der Reise gestaltete sich schwieriger als geplant: "Wir wollten eigentlich mit einem gemieteten Kleinbus fahren. Damit kamen wir aber nur bis Berlin-West. Dort mußten wir in den Zug steigen. Weil ich derjenige war, der mit der polnischen Militärmission wegen Visa korrespondiert hatte, wurden alle Delegationsmitglieder in meinem Paß eingetragen." Ein Paß für alle, immerhin ein Dutzend Personen: musikalisch angeführt vom Joki Freund Quintett mit Albert und Emil Mangelsdorff, Rudi Sehring und dem farbigen Bassisten Al King. Der war nicht der einzige Amerikaner in der Delegation. Auch der New-Orleans-Klarinettist Albert Nicholas und Bill Ramsey nebst Gattin waren mitgekommen. Sie standen genauso in Werner Wunderlichs Paß wie die Abordnung der DJF und des Hot Club Frankfurt mit Olaf Hudtwalker, Wolfgang Böhm und dem Schlagzeuger Ata Berk.

Bei der Eröffnung des Festivals in einem Sportstadion wurde die Delegation aus Frankfurt von mehr als 20 000 Menschen begeistert begrüßt. Auch das offizielle Polen nahm die erste deutsch-polnische Kulturbegegnung nach dem Zweiten Weltkrieg wahr: Bei einem der Konzerte saß die Gattin des polnischen Ministerpräsidenten in der ersten Reihe. Für die polnischen Musiker bedeutete die Begegnung mit den Frankfurtern eine echte Inspiration: "Es gab ein paar gute polnische Gruppen", erinnert sich Werner Wunderlich, "die von unseren Frankfurter Musikern eine Menge aufgenommen und begierig gelernt haben." Diese polnischen Musiker, angeführt von dem bedeutenden Pianisten und späteren Filmmusik-Komponisten Krzysztof Komeda, prägten damals sogar den Begriff von einer Frankfurter Schule. Womit sich der Kreis schließt: Zeitlich parallel und gleichzeitig in Opposition zu Theodor W. Adorno mit seiner Frankfurter Schule der Philosophie etablierten die Jazzmusiker einen Sound, der den Namen der Stadt in die Welt trug.

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