Wenn Manfred Wessel am 22. Januar zur ersten, noch winterlichen Führung des Jahres lädt, wird der Botanische Garten genauso aussehen wie zuvor - und doch ist alles anders. Mit dem Glockenschlag zwölf, wie es bei Goethe heißt, der den Stifter des ersten Frankfurter Botanischen Gartens, Johann Christian Senckenberg, noch persönlich gekannt hat, ist in der Nacht zum 1. Januar der Garten an der Siesmayerstraße zum städtischen Eigentum geworden. Die 22Gärtner, die bisher in Diensten der Universität über Pflanzensammlungen und Gewächshäuser, Wege, Stege und Gewässer wachten, sind nun städtische Angestellte.
Sonst bleibt vieles, wie es war. Drei Lehrlinge werden weiterhin in der überaus komplizierten Kunst unterwiesen, Sanddünen und alpine Sträucher sowie den Waldgersten-Buchenwald so zu pflegen, dass die einzelnen Areale in ihrer typischen Beschaffenheit sich ungestört entfalten können. Es ist eine Sisyphosarbeit, die jahrelange Erfahrung erfordert. „Die Qualität steht und fällt mit dem gärtnerischen Personal“, sagt denn auch Manfred Wessel, der seit 1993 technischer Leiter des Gartens ist und es auch bleibt.
Vermutlich wieder von März bis November geöffnet
Jetzt ist er „erst einmal froh und dankbar“ über den guten Ausgang der Geschichte. Seit 2001 war bekannt, dass die Goethe-Universität, seit 1914 Besitzerin des Gartens, einen Umzug der Biologie auf den Campus Riedberg plante. Und zunächst sah es so aus, als wolle sich niemand mit der im doppelten Sinne teuren Bürde belasten, die sich in Form des Botanischen Gartens über mehr als sechs Hektar zwischen Palmengarten und Grüneburgpark erstreckt. Ein Frankfurter „Gartenreich“ ohne Zäune, eine Brücke zum Palmengarten, ein neuer See am oberen Ende der Siesmayerstraße gar, Hotels und eine verlängerte Bimmelbahn quer durch den von 1936 an errichteten Garten waren in der Diskussion.
Nun bleibt der Zaun, der Garten wird wohl weiterhin im Winter ruhen und von März bis November geöffnet sein - nur die täglichen Besuchszeiten sollen, so hofft Wessel, ebenso ausgedehnt werden wie das Bildungsprogramm des Gartens. Seit Stadt und Land im September 2010 einen Übergabevertrag unterzeichnet haben, hat der Garten auch offiziell die Aufgabe, „naturwissenschaftliche Inhalte an alle Bevölkerungsschichten“ zu vermitteln. Das hat bisher vor allem der Freundeskreis des Botanischen Gartens getan, der auch 2012 ein umfangreiches Programm organisiert. 2001 gegründet, weil sich Gartenfreunde, Biologieprofessoren, Anlieger und Mitarbeiter um die Zukunft des Gartens sorgten, hat der Freundeskreis nicht laut, aber beharrlich viel Freizeit und Geld in das Kleinod investiert.
Wie kompliziert alles hinter den Kulissen ist, werden die Besucher nicht sehen
Von nun an steckt der Botanische Garten unter einer Decke mit dem Palmengarten: Herr über das neue Konstrukt sind das Umweltamt der Stadt und Matthias Jenny, der Direktor des Palmengartens. Allzu herrschaftlich ist die Planung in vielen Sitzungen aber offenbar nicht vonstatten gegangen, so kompliziert das Konstrukt nun auch ist. Wessel und Jenny sind im November gemeinsam mit der Zander-Medaille des Verbands Botanischer Gärten ausgezeichnet worden, weil ihre „beharrliche Zusammenarbeit“ den Botanischen Garten erhalten habe.
Wie kompliziert alles hinter den Kulissen ist, werden die Besucher nicht sehen - nur der Schriftzug „Botanischer Garten der Goethe-Universität“ wird verschwinden. Mit einem Zuschuss des Landes von 600.000 Euro im Jahr wird weiterhin Hand in Hand mit der universitären Forschung und Lehre gearbeitet: Andreas König, der stellvertretende Leiter, kümmert sich zum Beispiel um Anfragen von Forschern aus aller Welt, die auf die Sammlung des Gartens - etwa 5000 Arten - zurückgreifen wollen. Einige Universitäts-Gärtner werden im noch zu errichtenden Botanischen Garten des Campus Riedberg Dienst tun, unterstützt von städtischen Kollegen von der Siesmayerstraße und jeweils unter der Leitung von Wessel, wiewohl der seit gestern ebenfalls städtischer Angestellter ist.
Im Sommer auf den Gesteinsbrocken ruhen
Vielleicht im Lauf dieses Jahres, vielleicht später werden manche Pflanzen an den deutlich technischer gestalteten Versuchsgarten am Riedberg ziehen: Dann werden die Spaziergänger auf das bizarre Folien-Iglu gleich rechts hinter den Institutsgebäuden verzichten müssen, in dem zu bestaunen ist, wie der Forscherverbund für Biodiversität „Bik-F“ untersucht, ob mediterrane Baumarten sich hierzulande als „Zukunftsbäume“ eignen. Vermutlich wird auch die imposante Brombeersammlung umziehen. Dass es aber weiterhin eine systematische Abteilung geben soll, darin sind sich Wessel und Jenny einig - schließlich interessiert es auch botanische Laien, welche Pflanzen miteinander verwandt sind.
Wie Pflanzen in Gemeinschaften leben, deren künstlich hergestellte, aber völlig authentische Lebensräume die Gärtner mühevoll erhalten, ist bei einem Rundgang durch den Garten zu sehen. Wessel hat erst vor kurzem die Rechnungen über die Gesteinsbrocken für das Alpinum gefunden: Das Gebirgsgestein wurde schon in den dreißiger Jahren nach Frankfurt gekarrt, erst in den fünfziger Jahren aber konnte die ebenso schöne wie lehrreiche Miniatur-Alpenlandschaft fertiggestellt werden, deren Ruhebank im Sommer zu den begehrtesten Plätzen gehört.
Es sind noch Wünsche offen
Mit diesem Konzept der Pflanzengemeinschaften war der Frankfurter Garten einst Avantgarde unter den botanischen Sammlungen. 1936 geplant, war er schon der dritte Garten in der Tradition der Senckenbergischen Stiftung: Johann Christian Senckenberg hatte den ersten mitsamt seinem ersten Hospital- und Forschungskomplex am Eschenheimer Turm errichtet, 1907 zog der Garten dann ins Westend um. Seit ihrer Gründung 1914 gehörte der Garten zum Stiftungsvermögen der Universität - denn die Senckenbergische Stiftung war Mitgründerin der Uni. Die wiederum wuchs so schnell, dass 1936 ein neuer - der heutige - Garten angelegt werden musste. Und als 1972 die Universität vom Land Hessen übernommen wurde, ging auch der Garten mit in dessen Besitz über - und jetzt, da die Stiftungsuniversität sich wieder als Teil der „Stadtgesellschaft“ versteht, beginnt auch für den Garten eine neue, wiederum städtische Ära.
„Es ist ein großes Glück, dass der Garten vollständig erhalten bleibt“, sagt Wessel. Das heißt: fast. Um ein Areal mit für die Sammlung wesentlichen Bäumen sorgen sich Gärtner wie Freundeskreis gleichermaßen. Ein schmales Dreieck, immerhin 1800 Quadratmeter groß, schließt sich an das ehemalige Institutsgebäude der Zoologie an. Wie die Gebäude und ihre Zugangsflächen selbst ist es weiterhin im Besitz des Landes und soll (F.A.Z. vom 8. Dezember 2011) „zum Höchstpreis“ vermarktet werden, vorzugsweise für Wohnungsbau. Hans Grasmück, Jahrzehnte lang leitender Gärtner, war seit den sechziger Jahren für die Baumpflanzungen zuständig und wies jüngst in einer Bestandsliste auf die Bedeutung der Baumgruppen hin. Vom hessischen Finanzministerium allerdings ist dazu derzeit nur zu hören, dieser Teil des Grunds sei „für den Betrieb des Gartens nicht erforderlich und wird daher den bebauten Grundstücken zugerechnet“.
Es sind also noch Wünsche offen. Die meisten sind allerdings bescheiden im Vergleich zu dem großen Sprung, der nun gewagt worden ist. Ein Seminarraum, der trocken ist, vielleicht sogar warm, würde die Ziele des Gartens unterstützen, sagt Wessel. Auch Toiletten gibt es bisher nicht. Noch können die vielen Kurse und Veranstaltungen für Studenten und Laien im großen Hörsaal des Biologie-Campus stattfinden. Doch auf Dauer wird der hübsche kleine Unterstand am See, der mit Hilfe des Freundeskreises gebaut wurde, nicht reichen für die jetzt schon zahlreichen Aktivitäten im Garten. Dass er aufmerksame, achtsame und vielleicht ein bisschen dankbare Besucher verdient hat, ist selbst bei einer winterlichen Führung unübersehbar.