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© Ben Kuhlmann

Alles im Fluss

Von MARLENE GRUNERT und BEN KUHLMANN

28.05.2016 · Seit vierzehn Jahren liegt ein Stück Bosporus in Frankfurt. Die ganze Stadt strömt im Sommer zu Ramiz Merals Dönerboot: Broker, Schwäne und Studenten. Meral ist im Fluss mit Mensch und Main. Nur eins bringt ihn in Rage.

Unter der Alten Brücke liegt am frühen Morgen die „Istanbul“ im Wasser. Mit einem Fliederzweig in der Hand biegt Ramiz Meral um die Ecke. Er ist müde. Gestern ging es wieder lange. Erst um zwei Uhr konnte er sein Boot in den kleinen Hafen an der Maininsel lenken. Manchmal, wenn Meral zu erschöpft ist, um noch nach Hause zu fahren, übernachtet er an Bord.

Seit vierzehn Jahren betreibt Ramiz Meral sein Dönerboot am Mainufer. Inspiriert vom Fischverkauf am Bosporus erfüllte er sich damit einen lang gehegten Traum. Neben Dürüm und Döner gibt es im „Meral Imbiss“ vor allem Sardellen-, Makrelen- und Doradengerichte. „Die schmecken“, sagt Meral, „sogar besser als in Istanbul.“ Seine Kundschaft scheint ihm recht zu geben. Unaufgeregt versorgt Meral aus einem Verkaufsfenster heraus die sonst so aufgeregte Stadt: Broker, Studenten, Alte und Junge. Neulich war auch Oberbürgermeister Peter Feldmann da.

© Ben Kuhlmann Meral beginnt die morgendlichen Vorbereitungen in der Bootsküche

„Bitte hier nicht pinkeln, Lebensmittellager. Danke.“ Hinter einer Tür im Treppenaufgang der Alten Brücke lagern Merals Vorräte. Auf dem nächtlichen Liegeplatz beginnt er nun die Vorbereitungen für den Tag. Während die Jogger am Ufer schon auf der morgendlichen Runde telefonieren, geht es auf dem Boot gelassen effizient zu. Schweigend schneidet Meral mit zwei Mitarbeitern Tomaten, wäscht Salat und presst Orangen aus. Dazu läuft türkischer Pop. Der Fliederzweig steht jetzt in einem Teeglas vor dem Fenster.

Wenn nur die Fahrradfahrer nicht wären. Meral blickt von der Arbeitsfläche auf. „Guck mal! Weißt Du, wie schnell der fährt? Vierzig, fünfzig Sachen. Das ist doch nicht normal“, schimpft Meral, den sonst wenig aus der Ruhe bringt. Doch hier geht es um das Wohl seiner Kunden. Und das ist ihm heilig.

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Ramiz Meral kam vor 37 Jahren mit seiner Familie aus Istanbul nach Frankfurt. Schon sein Vater war Gastronom und betrieb ein Restaurant im Bahnhofsviertel. Die Idee für einen schwimmenden Imbiss hatte der heute einundfünfzig Jahre alte Meral schon lange im Sinn. Als er eines Tages den Arbeitern einer Schiffswerft vom Dönerboot erzählte, lachten sie ihn aus. Heute sind sie selbst Stammkunden. Das erste Boot war eine ehemalige Wehrmachtsbarkasse von 1944. Meral zeigt stolz die Fotos vom Umbau des Schiffes. Heute betreibt er seinen Imbiss auf einer holländischen Yacht aus Stahl.

In heißem Fett braten Sardellen, Hackfleisch und Gemüse. Nebenbei beginnt Meral, das Frühstück zuzubereiten. Jeden Vormittag stärkt sich die Mannschaft gemeinsam, ehe das Boot ablegt und flussabwärts tuckert. In sehr viel Butter brutzelt klein geschnittene Paprika. Meral schlägt zwei Eier auf, gibt Tomaten dazu und rührt die Masse dann vorsichtig zu Menemen. Zu der türkischen Eierspeise gibt es Oliven, Käse, Wurst und Fladenbrot. „Du musst immer gemeinsam essen“, sagt er und ruft seine Mitarbeiter herbei. Draußen beginnt es zu regnen.

© Ben Kuhlmann An Bord der „Istanbul“

Kurz vor der Abfahrt kommen ein paar Schwäne an das flussseitige Fenster geschwommen. Meral versorgt auch sie mit etwas Fladenbrot. Abends, erzählt er, kämen sie manchmal in Hundertschaften. „Süß, oder?“ Meral ist eins mit dem Fluss. Er wirft den Motor an, setzt sich die Kapitänsmütze auf und steuert die „Istanbul“ auf den Main. Trotz des Regens guckt er gelassen in Fahrtrichtung. Die vorbeifahrenden Frachtschiffe hupen zum Gruß. „Alles Freunde“, sagt Meral zufrieden.

© Ben Kuhlmann Meral steuert die „Istanbul" auf den Main

Ramiz Meral hat mit dem deutschen Wetter längst seinen Frieden geschlossen. Vorhersagen interessieren ihn nicht mehr. „Ich gucke raus“, sagt er. Und wenn das Wetter schlecht ist, dann repariere er eben, was zu reparieren sei. Oder mache Büroarbeit – alles vom Schiff aus. Von März bis Oktober legt er am Mainufer an. Jeden Tag. Früher betrieb er den kleinen Yachtklub an der Alten Brücke, dann sei ihm klar geworden: „Beim Wetter in Deutschland musst du klein und flexibel sein.“ Er steuert das Boot nun an den Anleger an der Untermainbrücke.

Im Winter, wenn das Wetter selbst Meral zu schlecht wird, konzentriert er sich auf seinen Cateringbetrieb Meral Event. Und dann macht auch er mal Urlaub. Im Sommer gibt er sich damit zufrieden, zwischendurch „ein bisschen zu sitzen und Tee zu trinken“, da vergesse man den Alltag.

Draußen donnert wieder ein Radfahrer am Ufer vorbei. „Jeden Tag muss man die sehen. Ich kriege die Krise“, ruft Meral. Aufwendig seien die Radwege oben am Kai ausgebaut worden und trotzdem führen sie unten am Ufer entlang. „Ich verstehe die Moral dieser Menschen nicht.“ In Merals Augen haben es die Radfahrer auf die Fußgänger abgesehen. Das macht ihm zu schaffen. Und es scheint ihm um mehr zu gehen als nur um seine Kundschaft, vor allem um Respekt. „Einmal“, erzählt er, „habe ich einen zur Rede gestellt.“ Als der ihm daraufhin den Stinkefinger zeigte, sei es mit ihm durchgegangen. Ramiz Meral holte sein Rad vom Deck und verfolgte den anderen schreiend bis zur Gerbermühle. „Der hatte Lebensangst“, sagt er heute lachend.

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An Deck des rot-weißen Bootes wehen die deutsche und die türkische Flagge. Am Bug klebt neben dem Schriftzug „Istanbul“ ein Eintrachtsticker. „Soll ich BVB drankleben, oder was?“, fragt Meral. Frankfurt sei seine Lieblingsstadt. Frankfurt und Istanbul. In Istanbul sei er Fan von Galatasaray, aber hier feuere er natürlich die Eintracht an. Im Vorstand von Türkgücü Frankfurt sei er außerdem. Schon seit einigen Minuten versucht er, eine Angelschnur durch einen Korken zu fummeln. Als es gelungen ist, präpariert Meral einen Köder aus Dönerfleisch. Zuletzt habe ein Hecht darauf angebissen.

Der Regen lässt nach. Meral schleppt nun Stehtische und Bänke vom Deck ans Ufer. Dann holt er mehrere Blumenkübel hervor und beginnt, seine Anlegestelle zu schmücken. In ein leeres Gefäßsetzt er kleine Paprikastauden. „Blumen sind mein Bestandteil“, erklärt er und zeigt auf die Erdbeeren, die an Bord hängen.

An den Pflanzen vorbei gelangt man über eine kleine Eisentreppe auf die Terrasse der „Istanbul“. Die ist nicht für Gäste gedacht, aber so genau nimmt es Meral nicht. Ein Tisch und zwei mit bunten Teppichen ausstaffierte Bänke stehen hier oben. Unter dem Dach aus einer Plane hängt ein Fischernetz. Darin baumeln Schalentiere aus Plastik und echter Wein. Auf zahlreichen Zetteln haben sich Gäste auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Türkisch verewigt. Stolz zeigt Meral den Gruß der zehn Jahre alte Lina: „Du bist der beste Meral. Seit ich im Bauch meiner Mutter bin, kommen wir hierher.“

© Ben Kuhlmann Merals Pflanzen, Fisch und selbstgemachte Limonade

Unten tritt der erste Stammkunde des Tages an das Schiff. Es ist ein Arzt aus Sachsenhausen. Der „Meral Imbiss“ sei die beste Alternative weit und breit. Man bekomme hier alles, was man brauche: mediterranes und gesundes Essen. „Das ist immer eine halbe Stunde Urlaub“, sagt der Arzt und nimmt den Mittagsteller mit gegrilltem Gemüse, Reis und Salat entgegen. Meral setzt auf Gemüse und Fisch. Eigentlich wolle er weg vom klassischen Döner. „Der Fischdöner ist das Ziel.“

Über der „Istanbul“ reißt pünktlich zur Mittagszeit der Himmel auf. Am Ufer bringen sich die Jogger auf Hochtouren. Schlagartig wird es voll am Dönerboot. Meral und seine Mitarbeiter reichen ein Gericht nach dem anderen aus dem Fenster. Zwischendurch kommt der Fischlieferant und bringt Nachschub. Alles ist im Fluss. Hinter der „Istanbul“ schieben sich lange Frachtschiffe den Main hinab. Manchmal legen auch sie am flussseitigen Verkaufsfenster an und bringen das kleinen Boot damit mächtig ins Schwanken.

Ramiz Merals Dönerboot ist in aller Munde. Er selbst ist deshalb seit fünf Jahren Partner des Projekts „Erfolg in Frankfurt“. Schüler der siebten und achten Klassen aus Förder-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen treffen dabei auf erfolgreiche Frankfurter aus unterschiedlichen Berufen. Die Schüler sollen ihre Begegnung dokumentieren und von ihren Gesprächspartnern inspiriert werden. Anschließend werden die Filme prämiert. „Die Projekte, die ich betreue, kriegen immer den ersten Platz“, stellt Meral klar.

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Er mag es normal. „Du musst den Menschen Kleinigkeiten geben“, sagt er und erklärt damit den Erfolg seiner Idee. Von den Events der Stadt Frankfurt hält Ramiz Meral nichts. In der Museumsnacht blieb das Dönerboot deshalb geschlossen. Und sollte die Stadt ihm eines Tages einen größeren Stellplatz für Tische und Stühle am Mainufer anbieten, er würde ihn nicht annehmen. „Hier bleibt alles wie gehabt,“ sagt er. „Ich finde meinen Frieden auf meinem Boot.“ Dann schaut er rüber zu einem weiteren Radfahrer, der sich an seinen Kunden vorbeidrängelt. „Ich hasse sie.“

Langsam geht die Sonne unter. Die Schlange reißt nicht ab. Meral dreht zwischendurch seine Runden und reicht den Gästen ein Glas türkischen Tee. Leise läuft nun auch wieder Musik. Die rote Neonschrift „Meral Imbiss“ leuchtet in den Abend, während auf der anderen Flussseite die Skyline emporragt. Über dem Verkaufsfenster hängt eine Postkarte: „Greetings from Bankfurt“. Sie erinnert an einen anderen Ort.

© Ben Kuhlmann

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.05.2016 10:56 Uhr