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Aktualisiert: 05.10.2014, 19:14 Uhr

Im Gespräch: Michael Boddenberg „Abitur allein macht nicht glücklich“

Michael Boddenberg, der CDU-Fraktionschef im Landtag, wirbt für eine höhere Wertschätzung der beruflichen Bildung. Das Image von Haupt- und Realschule sieht er unterbewertet.

© Frank Röth „Ich freue mich sehr wohl darüber, dass so viele Jugendliche die Hochschulreife erreichen“: Michael Boddenberg in seinem Büro im Hessischen Landtag.

Mehr als 50 Prozent aller Schüler in Deutschland machen Abitur - so viele wie noch nie. Was ist daran schlecht?

Daran ist nichts schlecht. Mir geht es nicht um die Quote, sondern um die Frage, ob das Abitur tatsächlich für jeden die beste Lösung ist. Ich glaube, dass wir viel intensiver darüber diskutieren müssen, welche Schulform, welche Ausbildung oder welches Studium der richtige und vernünftigste Weg zu persönlicher Zufriedenheit ist. Es wäre schön, wenn wir häufiger darüber sprechen würden, dass es außer dem Abitur und dem Hochschulbesuch noch andere lohnenswerte Alternativen gibt.

Woran liegt es, dass immer mehr junge Menschen glauben, der Weg zu beruflicher Erfüllung führe über das Abitur und nur über das Abitur?

„Geht der Weg nicht zum Abitur, führt er nur nach unten“: ein Satz, den ich von linken Politikern gehört habe und den ich für eine fatale Fehleinschätzung halte. Das ist viel zu kurz gedacht und auch ungerecht, weil wir damit Menschen, die diesen Weg nicht einschlagen - weil sie es nicht wollen oder nicht können - das Signal senden, dass sie zu den Verlierern einer Zweiklassengesellschaft gehören. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Eltern von Kindern, die keine Gymnasialempfehlung bekommen, weil die doch glauben müssen: Das war’s jetzt.

Man könnte sich aber auch darüber freuen, dass Jugendliche zunehmend Freude am langen und intensiven Lernen in der Schule und an der Universität haben.

Ich freue mich sehr wohl darüber, dass so viele Jugendliche die Hochschulreife erreichen und dann erfolgreich ein Studium absolvieren. Aber die Abbrecherquote - mehr als ein Viertel der Studierenden beenden ihr Studium vorzeitig - belegt doch, dass das bei weitem nicht immer der richtige Weg ist. Für diese jungen Menschen wäre die berufliche Bildung vielleicht die bessere Lösung gewesen, wenn sie gewusst hätten, welche Chancen sich ihnen da bieten.

Viele Jugendliche fürchten offensichtlich, dass sie dann in einer Sackgasse landen.

CDU-geführte Landesregierungen in Hessen haben in den vergangenen 15 Jahren alle Stoppschilder und Sackgassenschilder weggeräumt. Wir haben seit dem Jahr 2005 die Hochschulzugangsberechtigung für den Meister oder adäquate Ausbildungsberufe. Das heißt, wer seine Meisterprüfung ablegt, kann anschließend auch noch studieren.

Ist das kein Widerspruch, wenn Sie sich einerseits mehr junge Menschen in der beruflichen Bildung wünschen, andererseits aber darauf hinweisen, dass sich ihnen damit auch der Weg an die Hochschule öffnet?

Den zwei bis drei Prozent, die über die berufliche Bildung zum Studium streben, haben wir das ermöglicht. Das war aber nicht das entscheidende Ziel. Vor allem haben wir eine deutlich höhere Wertschätzung der beruflichen Bildung in der Gesellschaft erreicht.

Sie selbst sind gelernter Fleischermeister, haben aber vorher auch das Abitur abgelegt und nach der Meisterprüfung noch studiert - Betriebswirtschaftslehre und Pädagogik.

Auch meine Eltern waren der Meinung, dass ein Studium der Weg zum Glück schlechthin sei. Aber ich habe entdeckt, dass es Alternativen gibt. Es hatte familiäre Gründe, dass ich das Studium nicht abgeschlossen habe, sondern in die berufliche Bildung eingestiegen bin. Ich kann jedoch nachvollziehen, dass in vielen Haushalten zunächst der Gedanke an Gymnasium, Abitur und Universität attraktiv ist. Aber oft wird da ein enormer Druck auf die Kinder aufgebaut. Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen, dass es eine erfüllende Berufswahl auch jenseits von Gymnasium und Hochschulstudium gibt.

Meinen Sie, das Image von Haupt- und Realschule sei unterbewertet?

Ja, das glaube ich. Deshalb müssen wir einerseits die Qualität dieser Schulformen weiterentwickeln, andererseits aber auch deutlich machen, dass es dort schon jetzt erhebliche Fortschritte gegeben hat.

Das funktioniert offenbar nicht.

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